Großstadtlyrik

Georg Heym

BERLIN II

Der hohe Straßenrand, auf dem wir lagen,
War weiß von Staub. Wir sahen in der Enge
Unzählig: Menschenströme und Gedränge,
Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen.

Die vollen Kremser fuhren durch die Menge,
Papierne Fähnchen waren drangeschlagen.
Die Omnibusse, voll Verdeck und Wagen.
Automobile, Rauch und Huppenklänge.

Dem Riesensteinmeer zu. Doch westlich sahn
Wir an der langen Straße Baum an Baum,
Der blätterlosen Kronen Filigran.

Der Sonnenball hing groß am Himmelssaum.
Und rote Strahlen schoß des Abends Bahn.
Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum.

10 comments / Add your comment below

  1. Rom scheint mir gefährdeter als Berlin zu sein.

    Wieso ist überall, wo ich heute hinkomme, der Winkelsen schon da gewesen? Bin ich hier der Hase?

  2. In ihrem Viertel, in dem Gassenkot,
    Wo sich der große Mond durch Dünste drängt,
    Und sinkend an dem niedern Himmel hängt,
    Ein ungeheurer Schädel, weiß und tot,

    Da sitzen sie die warme Sommernacht
    Vor ihrer Höhlen schwarzer Unterwelt,
    Im Lumpenzeuge, das vor Staub zerfällt
    Und aufgeblähte Leiber sehen macht.

    Hier klafft ein Maul, das zahnlos auf sich reißt.
    Hier hebt sich zweier Arme schwarzer Stumpf.
    Ein Irrer lallt die hohlen Lieder dumpf,
    Wo hockt ein Greis, des Schädel Aussatz weißt.

    Es spielen Kinder, denen früh man brach
    Die Gliederchen. Sie springen an den Krücken
    Wie Flöhe weit und humpeln voll Entzücken
    Um einen Pfennig einem Fremden nach.

    Aus einem Keller kommt ein Fischgeruch,
    Wo Bettler starren auf die Gräten böse.
    Sie füttern einen Blinden mit Gekröse.
    Er speit es auf das schwarze Hemdentuch.

    Bei alten Weibern löschen ihre Lust
    Die Greise unten, trüb im Lampenschimmer,
    Aus morschen Wiegen schallt das Schreien immer
    Der magren Kinder nach der welken Brust.

  3. Ganz im Gegentum. Und ich als Vorstadtkind dachte, ich huldige mal meiner Herkunft. Wobei: Wenn man bedenkt, dass Emden mit ca. 50.000 Einwohnern Ostfrieslands größte Stadt ist und Leer – meine Heimatstadt – mit ca. 33.000 Einwohnern zwar zu den ostfriesischen Großkalibern zählt, aber sonst höchstens müdes Lächeln für ihre Einwohnerzahl erntet, kann der Begriff „Vorstadt“ vor allem zu allseitigem Schmunzeln führen. Aber hey: Logabirum, der Stadtteil dem ich entstamme, besser: das eingemeindete Dorf, hat immerhin noch 1,300 Einwohner. Das sind immerhin 200 mehr als in den größten Münsteraner Hörsaal passen. :)

  4. ich wurde neulich von meiner mutter informiert, dass mein heimatort die 1000 einwohnergrenze nie überschritten hat. im gegenteil.

    im allgemeinen wollte ich mit dem gedicht auch nicht berlin huldigen sondern im angesicht des london terrors und der verwundbarkeit der großstädte einfach was positivistisches posten. aber so manchem leser ist das wohl entgangen. sie ferstehen?;)

  5. Ich werd, schuld-F-rei wie ich bin, jetzt mal schauen, was so ein I-Pod eigentlich kostet, wo ich mir nun doch selbst einen kaufen muss. :)

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