Ein weißes Tanzkleid kommt

Mein umher lichternder Blick folgte solange den Lichtern die von der Decke auf den Boden stürzten, bis mir schwindlig wurde. Ich war ohnehin bereits angeschlagen von einem windumrauschten Freiluftkonzert, einer Erwärmung für Gin & Tonic und einer hartnäckigen Erkältung. Jedem Tag seine Ultima Ratio und so hatte es mich in das atomare Café verschlagen, um mich endgültig verstrahlen zu lassen und weil ich hoffte, dass das Mädchen mit dem Tanzlächeln mich nochmal heimsuchen würde.

Sie kam und schritt alsgleich zu Werke auf dem sprichwörtlichen Tanzboden der Tatsachen. Lächelnd, leise und von einer ästhetischen Logik, wie sie nur Frauen an einem windigen Tag wie diesem an die Nacht legen konnten. Ich drehte mich mit ihr, aber außer Sichtweite, ich verbarg mich unter den irren Lichtern und den ballonartigen Gesichtern ihrer Bewunderer. Erst in allerletzter Instanz kämpfte ich mich durch die Schlangen von servilen Hohlköpfen und sagte ihr etwas ins Ohr, an das ich mich bereits Stunden später nicht mehr erinnern konnte. Sie antwortete mit etwas, das ich nicht verstand und dann blies sie der halbwarme Münchner Fön hinfort in die Sendlinger Mordsnacht. Monate später sah ich sie wieder, da waren ihr Tanzlächeln und ihre Telefonnummer bereits vergeben.

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  1. Ich hör übrigens grad Herrn Cash, „I hung my head“. Passend irgendwie, nicht?

    Und hier ein guter, alter goiserischer Spruch, der mich manchmal schon derart wütend gemacht hat, daß ich innerlich die Wände hochging:

    Wer woaß, wofür’s guat ist?

    Ach ja, heute in meiner Weisheit weiß ich das zu schätzen… :)

  2. Ach Jul. Das war zu Einigem gut, wie sich später herausstellte. Die Geschichte ist ja auch nur halbwahr und dass Frau Tanzkleid (danke, Herr Heym) und ich uns verpasst haben war nur der Auftakt zu einer viel größeren Kalamität und in seiner Sondierung lediglich an dieser Stelle bemerkenswert, nicht aber im Zusammenhang mit den wirklich prägenden Unpässlichkeiten, die das damalige Münchner Umfeld mit sich brachte. Hübsch war sie dennoch und ich nehme an, sie ist es noch.

  3. ich habe heute von dir und der spreepiratin geträumt. ehrlich! mit britt habe ich mir meine alte wohnung in berlin angesehen. mit dir habe ich über newsletter (!) gesprochen. du hast fliessband-newsletter geschrieben für eine bude, die fake-gewinnspiele unter die leute bringt. sachen gibts!

    das hat jetzt nichts mit deinem schönen posting und tanzkleidern zu tun, aber ich wollte das unbedingt loswerden.

  4. du hast sie angesprochen, hut ab. ich habe immer verklemmte zettelchen geschrieben und meist auch noch die zahlen meiner telefonummer durcheinandergebracht, und das ich, wo ich fehlerfrei telefonnummern von schulfreundinnen, meiner tante maria, mit der ich seit 20 jahren nicht mehr telefoniert habe oder dem taxidienst meiner ersten berlinwohnung aufzählen könnte.

  5. Ich habe geträumt, ich sei auf einem Ozeankreuzer Riesenrad gefahren, das auf dem Oberdeck festgeschraubt war. Ich wurde gewaltig durchgeschaukelt und bin schweißgebadet aufgewacht. Ansonsten mal wieder ein famoser Text, mein Bester! Rein inhaltlich könnte ich jetzt fast, an Deinen Eintrag bei Julia anschließend, sagen: Mich dünkt, Du hast in mein Tagebuch gespäht. :))

  6. Wie schön, dass es heutzutage doch noch Personen gibt, die etwas wagen. Ich dachte, sie wären ausgestorben….
    Dabei, egal wie so ein Ansprechen ausgeht, gewinnt man IMMER. Wenigstens muss man sich nicht mit der Frage „was wäre wenn“ herumplagen.

  7. Nun, ich habe die betreffende Person später noch um einiges besser kennengelernt. Und da lag einiges im Argen. Ich fand einfach die Geschichte als solche ausschmückenswert: Föntage in München, die nicht völlig im Mülleimer meiner Suff-und Spaßbiografie untergehen sollten.

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