Nordstrand: Ebbe

Ich hab jetzt eine Botschaft, mit der wo ich mich wende. An Trinker ohne Disziplin, an Säufer ganz elende. (Georg Ringsgwandl)

Gestern in einem Aftershow Gespräch fiel mir ganz selbstreflektiv auf, dass ich eigentlich ständig nur am Saufen bin. Seit Tagen, seit Monaten, seit Jahren, seit nun mehr Dekaden. Immer ein geselliges Getränk in der Hand und das nächste gedanklich schon in Petto. Ehrlich, ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal eine Weile keinen Alkohol getrunken hätte.

Nun kommt aber keiner an und sagt „Burnster, du Schwachmat Schweinehund, du trinkst dich um Kopf und Kragen.“ Und warum tut das keiner? Weil alle selber saufen wie die Löcher. Nicht umsonst sind wir Deutschen die zweitdollsten Biertrinker der Welt. Was würde wohl passieren wenn man den Leuten ihren Alkohol von heute auf morgen wegnähme und freilich auch die Restdrogen konfiszierte? Wie würde wohl ein vormals typisches Berliner Wochenende aussehen? Ich versuche zu konstruieren:

Der Burnster kommt Freitag abend von der Arbeit und macht sich erstmal gemütlich eine Milchtüte auf. Er genießt die Stille in seinem Kiez und unterbricht sie nur, um sich mit Freunden im FC Magnet auf eine Mangoschorle zu verabreden. Dort angekommen, begibt er sich an den Kicker und legt ein strategisch durchkonzipiertes und hochkonzentriertes Match hin, um sich daraufhin höflich von den anderen zu verabschieden, um nach Hause und schlafen zu gehen.

Am Samstag wacht der Burnster um 6 Uhr morgens auf und geht erst mal joggen. Nachmittags besucht er Museen und die Vernissage eines französischen Fotografen, er schreibt an seiner Doktorarbeit und telefoniert mit Freunden und Verwandten. Abends ist er schließlich mit einer schönen Frau zum Essen verabredet. Er trifft sie beim Italiener, sie trinken San Pellegrino, reden über Chansons und Schlingensief und gehen um 11 ins Bett, getrennt, versteht sich. Es ist schon das elfte Mal, das er sich mit der Frau zum Essen getroffen hat. Nie ist etwas passiert.

Am Sonntag morgen erwacht der Burnster hochmotiviert um fünf und geht erstmal joggen. Danach ein bisschen Fahrrad fahren, schwimmen, vielleicht ins Fitness Center und dann geht’s weiter mit der Doktorarbeit. Wie ein Kleinkind freut er sich auf den sonntäglichen Tatort und er hat auch seinen ollen Freund O. zum Fernsehgucken eingeladen. Zusammen schlürfen sie Joghurtdrinks und spielen Dialogzeilen Prophezeiung. Um Zehn geht der Burnster ins Bett, damit er am Montag ausnahmsweise schon früher ins Büro kann. So gegen Vier.

Eine gar finstere Nachtmahr, nicht wahr? Auf das wahre Leben! Prost Kameraden!

29 comments / Add your comment below

  1. „O wonder!
    How many goodly creatures are there here!
    How beautious mankind is!
    O brave new world,
    That has such people in’t!“

    (William Shakespeare, The Tempest, Act V, Scene I)

    Ein Alptraum, fürwahr!

  2. schwarzmalerei mit extra eingebauten hürden, so kann dette ja nüscht jeben.
    wenn der burnster mal eine woche mit mir durchleben müsste, er würde gar nicht merken, dass an vielen stellen gar kein bier zur hand war.
    und beim italiener trinkt man kein evian, sondern s.pellegrino.
    und rotwein ist erlaubt und gesund.
    so.
    ( immer dieses klammern an gewohnheiten ;-)

  3. Das mit dem Italiener wird sofort ausgebessert. WIe schlampig von mir. Wo ich doch als Bavarese die italienische Kultur quasi mit der Muttermilch aufgesogen habe.

  4. Ich lese nur Buttermilch und Muttermilch…und da preise ich den Burns gerade noch als fiesen Rocker in meinem eigenen Blog und dann so was. NeeNee Burnster,warum soll man einen gut laufenden Motor falsch betanken? Weitersaufen!

  5. Moment…nichts gegen Mangoschorle, ja?!
    Ich krieg beim Italiener übrigens meist San Pellegrino…
    Anyway…ich mag den Text. Amüsant geschrieben…und auch zum Nachdenken anregend…nämlich…was genau wollen wir eigentlich?

  6. Scheissdiskussion unter intellektuellen, frustrierten, nach dem Wochenendsinn suchenden Angsthasen…man braucht keinen Grund, sich zulaufen zu lassen! Und da ich ohnehin gerade sauer bin: Alkohol ist lediglich Euer Wort für Psychiater! Prost!

  7. sechs wochen ohne alkohol habe ich mir diesen sommer erlaubt. und kein gramm abgenommen, weil ich den alkohol mit hanuta, snickers und marsh mallows (die ich sonst nie nie nie einkaufen würde) kompenisert habe.
    allerdings hatte ich durch starke sportliche betätigung, die das kampftrinken abgewechselt hatte, auch erheblichen kalorienverbrauch und muskelaufbau zu verzeichnen. alles in allem – so ganz ohne alk ist´s etwas spröde. aber badminton macht spaß. und danach ein weizen.
    hicks.

  8. @glam: ist das was freudianisches „kompenisert“ oder tatsächlich ein schreibfehler.

    @burnie
    mist, beim thema alkohol bin ich auch nicht die richtige kommentatorin. zwei gläser rotwein und ich falle tot um. milch is the thing. weiter so, burnie – opposite direction!

  9. Britt: Du hast meine Ironie etwas unter den Tisch fallen lassen. Freilich sauf ich weiter. Das war die Kernaussage des Posts.

    Glam, ich bin stolz auf dich.

    Herr SC, beschimpfen Sie nicht das Publikum. So Avantgarde sind wir hier nicht.

  10. Zum Thema mußte ich auf der Unteroffiziersschule der Marine einen Vortrag mit anschließender Diskussion halten. Ich erinnere nicht mehr, von wem meine Schlußworte stammten aber wie sie lauteten:

    Lieber ein stadtbekannter Trinker als ein anonymer Alkoholiker.

  11. Weil’s so schön zum Thema passt: Kleine Buchempfehlung. „Literatur und Alkohol“ – Liquide Grundlagen des Buchstaben-Rausches. Von Michael Krüger und Ekkehard Fraude. In diesem Sinne: Prost, Herr Burnster!

  12. ich kann dir sagen, wie das leben wäre, tränke man keinen alkohol:

    freitag abend gehst du raus, triffst dich mit freunden und schaust ihnen dabei zu, wie sie sich volllaufen lassen. du sitzt daneben und mit jedem schitt mehr in richtung rausch, den die anderen gehen und dementsprechend auch jedem schritt mehr in richtung unzulänglichkeit, kontrollverlust, kleinkindergejammer oder wahlweise auch andere alkbedingte psychotischen zustände freust du dich des lebens und vor allem, dass du keinen von ihnen nach hause bringen musst. du trinkst gemütlich ne cola, nen maracujasaft oder auch (ganz hart) ein wasser, um dich von den beule abzulenken, die betrunkene menschen in geistigem foetenzustand an deinem kopf hinterlassen haben, als es für sie zu schwierig wurde die entfernung zwischen ihrem und deinem schädel richtig abzuschätzen und dementsprechend geschwindigkeit während des sturzes nach vorne wegzunehmen als sie dir erzählen wollten, wie betrunken sie gerade sind.
    und danach schüttelst du den kopf der dir am nächsten tag bestimmt nicht weh tut und springst auf und ab beim gedanken daran, dass du nicht so alkoholaufgedunsen und verquollen sein wirst später.
    das war mein freitag abend. man sieht: es gibt auch ohne alkohol genügend erbauliche momente. hart wird’s mit schokolade.

  13. Mann, mein Freitagabend war eine einzige Tour de Jammerforce. Recht unzulänglich und kleinkindisch. Genau wie Sie sagen, Frau Lux. Heut trink ich kein Bier mehr. Nur noch Schnapps.

  14. Ganz schlimme Idee.
    Aber die Vorstellung, die gerade mit mir durchgeht, hat schon was: Die Alkoholkranken Leute, die bei mir unterm Fenster vor dem Spätkauf den ganzen Tag, die ganze Nacht herumlungern, tragen alle Milchbärte und sind auch nicht mehr so frustriert und laut, eher versöhnt mit ihrem Schicksal, Trost findend an der Milchtüte… und wenn ich aus dem Haus gehe, trete ich mir nicht mehr ausversehen Kronkorken in die Schuhsohlen ein.. sogar Milchtütenverschlüsse sind irgendwie softer… Mannmann… ich würde immer noch den Kopf über sie schütteln, aber nicht mehr so ärgerlich… Weltfrieden… :-)

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