All Things Go

I fell in love again
all things go, all things go
drove to Chicago
all things know, all things know
we sold our clothes to the state
I don’t mind, I don’t mind
I made a lot of mistakes
in my mind, in my mind

(Sufjan Stevens – Chicago)

Samuel wacht auf und denkt, dass heute noch etwas passieren wird. Er weiß nicht was, vielleicht ist es auch etwas Unangenehmes, aber irgendetwas wird wohl passieren. Er steht auf und sieht aus dem Fenster. Wenn man nicht genau hinschaut, kann man meinen, der morgendliche Himmel über der Stadt sehe aus wie immer. Doch da ist ein kleiner Unterschied. Die Luft ist dicker, man kann sie anfassen und die Sonne strahlt in diesen Haufen Luft hinein, so dass ein schwerer explosiver Ball aus Sonne und Luft im Himmel hängt. Es ist sehr heiß, aber Samuel weiß, dass es das immer an den Tagen ist, an denen endlich etwas passiert.

Als er auf die Straße geht, erscheint sie ihm wie ausgestorben. Er muss schon ein paar Meter laufen, bevor er jemanden trifft. Sein Bäcker hat geöffnet, da ist auch jemand drin. Im Büro läuft ihm der Schweiß aus den Poren und tropft auf seine Tastatur, während die Sonne durch die dicke Luft schießt und am Asphalt ankommt und ihn glitzern lässt. In seinem Postfach steckt ein Brief von Martha, in dem sie schreibt, dass sie heiraten wird. Er ignoriert die Information, denn es muss ja noch etwas passieren. Das kann es nicht gewesen sein. Der Tag war ja noch nicht einmal bei der Hälfte angekommen.

In der Mittagspause setzt sich Samuel ans Flussufer und trinkt Limonade aus einer Dose. Sein Mobiltelefon steckt halb in seiner linken Hosentasche und als er aufsteht, rutscht es ihm aus der Tasche und fällt in den Fluss. Samuel ist verärgert, doch er versucht die Begebenheit als Bagatelle einzustufen. Schließlich wird heute noch etwas viel Größeres und vielleicht sogar etwas Positives passieren.

In den folgenden Arbeitsstunden kann er sich schlecht konzentrieren, weil er daran denken muss, wie Martha, seine Martha, in einem weißen Hochzeitskleid aussieht. Er würde gerne Niko davon erzählen, aber er hat ja seine Nummer nicht mehr. Nach der Arbeit beschließt er, nicht nach Hause zu gehen. Er kann sich sowieso mit niemand verabreden, deshalb lässt er sich jetzt in die Stadt und in die Nacht hineintreiben. Anstatt die U-Bahn zu nehmen, geht er zu Fuß und durchquert drei, vier Viertel und passiert ihre zahllosen überlaufenen Straßencafes. In der Nähe seiner Wohnung ist ein Straßenfest. Er lehnt sich an einen Stand mit mexikanischem Bier und beginnt, zu trinken.

Nach einer Weile kommt er mit dem Mädchen, das an dem Stand ausschenkt, ins Gespräch. Er fühlt sich müde und ein wenig unsicher, weil er seit heute Morgen einen unangenehmen Pickel am Hals hat. Er hofft, sie sieht ihn nicht. Sein Gesprächsfluss ist träge und er will eigentlich nicht reden, eigentlich will er nur ficken. Sie hat schwarz gefärbtes Haar, das in einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden ist. Sie trägt einen Jeansrock mit einer dümmlichen Bestickung am Hintern, aber ihre Beine sind weiß und lang genug. Samuel entschuldigt sich kurz aufs Klo und als er zurückkommt, ist das Mädchen in ein Gespräch verwickelt, das nicht mehr aufzuhören scheint. Sie wirft ihm auch keinen Blick zu, der ihn vertrösten könnte. Also geht Samuel.

Er hat Hunger und bestellt sich in einem Imbiss ein Gericht mit Zwiebel und trinkt dazu Bier und Jägermeister. Am Ende muss er dauernd aufstoßen, hat klebrige Finger und ist ziemlich betrunken. Er würde jetzt gerne Martha in New York anrufen und mit ihr über diese verschissene Hochzeit sprechen. Doch er hat ja kein Telefon und keine Nummern mehr. Samuel geht nach Hause und auf dem Weg dorthin, lässt er an einer Häuserecke die Hose runter und pisst auf die Straße. Es sind ein paar Passanten unterwegs, aber niemand nimmt wirklich Notiz. Mit heruntergelassener Hose stolpert Samuel die letzten paar Meter bis zu seinem Haus, wo er noch seine Emails abrufen will, doch niemand hat geschrieben. Er geht zu Bett und hofft, dass morgen endlich etwas passiert.

2 comments / Add your comment below

  1. Übler TizzAG für Sam. Zum Glück kann uns sowas nicht passieren. Und pobestickte Jeansröcke gehen ohnehin weniger als Regenwürmer, welche man aber wunderbar in mexikanischem Bier konservieren könnte.

    Never mind the Straßenpinkelei!

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