Die Liebe

Seine Weg führt ihn durch das halbhohe Gras, vorbei an den wie zufällig aufgestellten Grabstätten. Miniaturmausloeen, Grabsteine mit Gittern umgeben und brüchige Gedenktafeln säumen seinen Weg durch das halbhohe Gras. Der Flieder blüht und riecht und ein einzelner Mann mit verkniffenem Gesicht und Gieskanne kommt ihm entgegen. Es ist still, der Lärm des Biests dringt hier nicht herein. Sein Weg durch das halbhohe Gras führt ihn auf eine Gruppe von Bäumen zu. Sie sind so angeordnet wie eine Allee und trotzdem bezeichnet der Boden keinen Weg, nicht einmal einen Trampelpfad. Die hohen Bäume halten für ein paar Momente das Sonnenlicht fern von ihm und ihre Formation leitet ihn geradewegs auf ein großes steinernes Kreuz zu. Dort vorne, wo das Kreuz steht, ist Sonnenlicht.

Er war ziellos durch die Stadt gewandert, weil er an die Sonne musste. Er hatte sich selbst versprochen, öfter an die Sonne zu gehen. Er fand die Stadt schäbig und verstörend, er fand sich selbst schäbig und verstört. Er suchte nichts, er ließ sich treiben. Er wählte seine Straßen nach Intuition aus. Und so verschlug es ihn auf diesen Friedhof und er wusste nicht was er suchte.

Er vollendet den Weg durch die Baumreihen hindurch, er erreicht das lichtgetränkte Kreuz und liest die Inschrift, die auf dem Querbalken steht.

Die Liebe höret nimmer auf

Und er versteht genau, dass das kein leeres Versprechen sein kann. Er versucht, irgendetwas von diesem Versprechen auf seine Biografie anzuwenden, doch er findet nichts, was Gutes verheissen könnte. Trotzdem versteht er etwas und geht weg von dem Kreuz, den Bäumen und diesem gefährlichen Satz. Die Karten sind neu gemischt, denkt er als er sich auf den Heimweg macht.

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  1. Da sagen Sie was, mein Herr!

    Diese Fixierung ist, wenn nicht erstunken und erlogen,
    in jedem Fall das Ergebnis einer Konstruktion…
    Das Happy End Ihrer Geschichte – und sie hat eines –
    sehe ich darin, dass sich die Karten “neu mischen lassen“…
    Das ist doch nicht Nichts, nicht wahr?
    Vielmehr an Happyness steht für uns ‘Friedhofsspaziergänger‘
    ohnehin nicht zu erwarten….

  2. Grandioser Text, passt zu meiner Momentanen Gemütsstimmung. Und das Ende macht Hoffnung. Die Karten sind neu gemischt – ein neues Spiel ein neues Glück. Und ist Glück nicht das was wir alle suchen? Er hat eine neue Chance gefunden. Darum sollte man ihn eigentlich beneiden.

    Außerdem finde ich das in unserer Gesellschaft Friedhöfe viel zu negativ belegt sind. Es handelt sich lediglich um einen Ort zu trauern, obwohl der Mensch ja zum Himmel aufgestiegen ist. Denn immerhin sind die meisten Friedhöfe Christlich und somit hat derjenige der hier liegt auch daran geglaubt. Somit geht es ihm doch jetzt viel besser. Ist das nicht die Hoffnung die man haben sollte?

  3. Irgendetwas in mir hatte erwartet, dass zwischen den todumwitterten Grabsteinen die Baumschul-Lene auftauchen könnte, um die Fruchtstände von Eiben zu bestimmen. Ohne sie kommt der Text aber weitaus besser aus. Großes Kompliment, Großer!

  4. Ganz schön morbide der Burnster! Treibt sich auf Friedhöfen rum und sinniert über die todüberdauernde Liebe.
    Wenn das mal keine Spätfolgen des Sonnenbrandes sind…:)

  5. Immer wieder begegnet einem sowas im Leben und wenn’s derselbe Spruch ist – in 10 Jahren bedeutet er einem wieder etwas anderes, aber ganz falsch wird er nie. Und auch Karten werden immer wieder neu gemischt. Famos geschrieben…

  6. Razz: Und wenn’s doch stimmt? Nur mal angenommen? Was wäre dann?

    MC: Nein, du!

    Suedwind: Das ist gutes Kompliment. Ein „erfrischender“ Sinn für das Morbide. Danke.

  7. Ich finde, diese Sprüche sind oft wie Runen oder Tarot. Ihre Vielschichtigkeit eröffnet den Dialog mit dem Unterbewusstsein und so „deutet“ man intuitiv richtig bzw. passend und fühlt sich trotzdem gleichzeitig von außen bestärkt. Auch eine Form von „magic“, die durch den ganzen Text mitschwingt. Und gerade auf Friedhöfen riecht es oft danach. Wirklich schön, dieser Text.

  8. Schön beobachtet, liebe Novesia, aber intuitiv deuten muss nicht richtig deuten sein. Vielmehr dreht man sich die Interpretation so hin, wie man sie im Moment brauchen oder eben gerade nicht brauchen kann. Hauptsache, es geht was. Eben wie bei Tarotkarten. Und deshalb gut beobachtet.

  9. ein wirklich schöner Text! Die Quelle zu diesem inspirierenden Satz ist übrigens in der Bibel zu finden (nein, ich bin nicht bibelfest – ich war nur schon auf zwanzig Hochzeiten):

    1 Korinther 13, Das Hohelied der Liebe

    Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

    Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

    Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

    Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

    Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

    Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
    Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
    Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
    Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

    Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

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