Die Liebe

Seine Weg führt ihn durch das halbhohe Gras, vorbei an den wie zufällig aufgestellten Grabstätten. Miniaturmausloeen, Grabsteine mit Gittern umgeben und brüchige Gedenktafeln säumen seinen Weg durch das halbhohe Gras. Der Flieder blüht und riecht und ein einzelner Mann mit verkniffenem Gesicht und Gieskanne kommt ihm entgegen. Es ist still, der Lärm des Biests dringt hier nicht herein. Sein Weg durch das halbhohe Gras führt ihn auf eine Gruppe von Bäumen zu. Sie sind so angeordnet wie eine Allee und trotzdem bezeichnet der Boden keinen Weg, nicht einmal einen Trampelpfad. Die hohen Bäume halten für ein paar Momente das Sonnenlicht fern von ihm und ihre Formation leitet ihn geradewegs auf ein großes steinernes Kreuz zu. Dort vorne, wo das Kreuz steht, ist Sonnenlicht.

Er war ziellos durch die Stadt gewandert, weil er an die Sonne musste. Er hatte sich selbst versprochen, öfter an die Sonne zu gehen. Er fand die Stadt schäbig und verstörend, er fand sich selbst schäbig und verstört. Er suchte nichts, er ließ sich treiben. Er wählte seine Straßen nach Intuition aus. Und so verschlug es ihn auf diesen Friedhof und er wusste nicht was er suchte.

Er vollendet den Weg durch die Baumreihen hindurch, er erreicht das lichtgetränkte Kreuz und liest die Inschrift, die auf dem Querbalken steht.

Die Liebe höret nimmer auf

Und er versteht genau, dass das kein leeres Versprechen sein kann. Er versucht, irgendetwas von diesem Versprechen auf seine Biografie anzuwenden, doch er findet nichts, was Gutes verheissen könnte. Trotzdem versteht er etwas und geht weg von dem Kreuz, den Bäumen und diesem gefährlichen Satz. Die Karten sind neu gemischt, denkt er als er sich auf den Heimweg macht.

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