Medizin und Alkohol

Schlafe morgens angetrunken ein
Um möglichst lange nirgendwo zu sein
(Nationalgalerie – Ruhe vor dem Sturm)

Of the demonstrably wise there are but two:
those who commit suicide,
and those who keep their reasoning faculties atrophied by drink.
(Mark Twain)

Ich sitze am Ufer der Halbinsel Stralau und schaue aufs Wasser. Ein Pärchen liegt neben mir im trockenen Gras und albert herum. Ich schreibe eine Kurzmitteilung mit den Worten „Ich habe schöne Stellen am Wasser gefunden. Du musst unbedingt noch diesen Sommer kommen.“ Ich brauche eine Ewigkeit für den Text, meine Finger zittern und ich kann mich nicht konzentrieren. Mein Kopf schmerzt und mein Magen hat sich längst auf die Seite der Rebellen geschlagen. Er ist jetzt in derselben Mannschaft wie mein Schädel, meine Zähne und meine Haut.

Ich kann mich gar nicht ordentlich an die letzte Nacht erinnern. Wir sahen die Fußball-Europameisterschaft in einem Biergarten mit aufgeschüttetem Sand. Ist das dann eigentlich ein Bierstrand? Wir haben soviel Schnaps getrunken, weil wir direkt neben der Außenbar saßen. Jägermeister, Wodka, Tequila und dazwischen ein paar Bier zum Runterkommen. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wer gespielt hat. Schweden war dabei. Holland vielleicht. Anschließend fanden wir uns in einer heruntergekommen Bar in Friedrichshain auf dem Sofa wieder. Ich kaufte meine zweite Schachtel Zigaretten an dem Tag. Wir waren eigentlich zu besoffen, um uns zu unterhalten. Eine rothaarige Norwegerin nahm mir meinen Hut vom Kopf. Der alte Witz. Ich kam beim Schnapsholen an der Theke mit ihr ins Gespräch und wir küssten uns irgendwann. Ich weiß nicht mehr, wann ich nach Hause ging. Die Norwegerin war nicht dabei. Es muss gegen fünf gewesen sein. Bevor ich einschlief, las ich noch einmal den Brief von ihr mit der glitzernden Isar und den Fotos aus den Passbildautomaten. Sie mit der weißen Sonnenbrille. Wie hübsch, wie traurig. Der Fernseher lief, als ich gegen acht einschlief. Der nächste Morgen war ein Mittag, ich zitterte am ganzen Körper, nahm drei Paracetamol und setzte mich auf einen Kaffee mit Milch vor ein Straßencafé. Danach bestellte ich ein Alster und nahm ein Antibiotikum für meine kaputte Haut. Ich stieg aufs Fahrrad und fuhr ans Ufer.

Während das Pärchen sich ganz auszieht, nackt in die dreckige Spree springt und zur Insel der Jugend schwimmt, warte ich auf eine Antwort-SMS von ihr. Ich gehe zum Supermarkt und kaufe eine Flasche Gin. Zuhause schreibe ich eine Email an sie und spiele Gitarre auf dem Balkon. Der Tag ist endlos. Ich werde müde und lege mich hin. Als ich aufstehe, habe ich Kopfschmerzen, aber es ist immerhin abends. Ich nehme zwei Paracetamol und setze mich zu meinem Mitbewohner in die Küche. Ich erzähle von ihr, ich kann nicht aufhören, von ihr zu reden und wir machen uns Gin & Tonics mit dem Gin, den ich gekauft habe. Dann sehe ich fern, trinke weiter Gin & Tonic und wir treffen uns eine Stunde später wieder, um Fußball schauen zu gehen.

Obwohl es schon fast 9 Uhr ist, weicht die Hitze nicht aus den Straßen des Viertels. Die Hundescheisse dampft noch von dem heißen Nachmittag und die Punks und Hausbesetzer in der Straße sitzen auf zerfledderten Sofas und hören Abwärts aus einem schwarzen Ghettoblaster. Immer noch keine Antwort von ihr. Ich rufe die Norwegerin an, aber sie hat keine Zeit. Mein Mitbewohner und ich trinken ein paar Bier zum Fußball und ich bekomme langsam wieder Kopfschmerzen. Dafür zittere ich nicht mehr, wenn ich die Hand ausstrecke. Ein paar Freunde kommen hinzu und wir trinken Cuba Libre. Ich kaufe eine neue Schachtel Zigaretten. Griechenland gewinnt schon wieder. Noch immer kein Lebenszeichen von ihr. Sie ist im Ausland. Vielleicht hat sie meine SMS nicht empfangen. Ich schreibe eine Nachricht und das Tippen dauert eine kleine Weile, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Ich schreibe: „Betrunken aber bei Besinnung: Du fehlst Berlin. Und mir.“ Nach dem Fußball gehen wir in eine Kneipe und ich gebe Flyer unserer Band an fremde Mädchen. Ich kann ihre Gesichter zum Teil gar nicht erkennen. Ich spiele Kicker und verschütte mein Bier.

Ich gehe nach Hause und auf dem Nachhauseweg trete ich Mülltonnen um. Zuhause kann ich nicht schlafen, obwohl ich betrunken bin. Ich höre „Gentle Moon“ von Sun Kil Moon, ungefähr achtmal im Repeat Modus. Der Song hört irgendwann nicht mehr auf. Ich lege mein Mobiltelefon neben das Bett, damit ich höre, wenn eine SMS kommt. Ich kann nicht schlafen. Ich habe Kopfschmerzen. Ich nehme noch zwei Paracetamol und gehe auf den Balkon. Unten in der Straße schlagen sich zwei Punks ins Gesicht. Einer blutet, aber er schubst den anderen gegen die Wand. Die beiden werden von anderen Punks getrennt. Ich lege mich ins Bett und schlafe. Nach drei Stunden wache ich wieder auf und habe Kopfschmerzen. Ich nehme zwei Paracetamol.

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