Die schöne Stadt

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.
(aus Georg Trakl – Die schöne Stadt)

Die schöne Stadt hat ihre Schuldigkeit getan. Sie stattete uns mit allen Schauplätzen für unseren letzten Showdown aus, sie war die Bühne, auf der wir unser Stück endlich zu Ende bringen konnten. Dazu war sie gemacht. Und ich alter Narr hatte immer nach einem anderen Sinn gesucht. Nach einem besseren Leben, nach einem Zuhause. Ach wo, die Stadt hatte ihre Bestimmung und das Jahr vor unserer Zusammenkunft hatte ich Zeit, alles vorzubereiten. Die Wohnung, die Freiheit und das Verlangen. Als du hier ankamst, war dein Bett längst gemacht. Du legtest dich hinein und der Vorhang riss auf zum letzten Akt. Die Kulissen hätten nicht besser sein können.

Der verschneite Zionskirchplatz, der in den Nebel gewobene Fernsehturm, der formstrenge Dom und die ersten Frühlingsnächte am Nordstrand. Der Absinth in den Spelunken, die Spaziergänge um den Wasserturm, ach, Dickens hätte seine „Großen Erwartungen“ nicht pittoresker illustrieren können. Der Morgen des Abschieds vom Osten im Westen, an der Grenze zur Straße nach Süden, es war wie bestellt und von uns abgeholt. Die schöne Stadt bot alles auf, um uns zu untermalen in unserer Sinfonie des Untergangs. Schon bevor ich hierher gezogen bin, habe ich sie immer als eine schöne, aber traurige Stadt empfunden. Ich erinnere mich, wie ich im strömenden Regen mit dem Taxi durch lichtlose Alleen an finsteren Monumenten vorbeigerast bin, auf eine unbekannte Adresse zu ohne zu wissen, ob ich mich oben oder unten befand.

Schon damals dachte ich, dass nur diese Stadt die Kulisse zu unserer letzten Instanz sein konnte. Und so ist es dann auch gekommen. Die schöne Stadt hat uns einen Bärendienst erwiesen. Und zwar genau den, den wir von ihr erwarteten. Sie hat sich genau wie wir löblich unrühmlich verhalten und jetzt, da sie ihre Schuldigkeit getan hat, gibt es nichts mehr, worüber ich mich beklagen könnte. Wenn ich jetzt gehe, habe ich eigentlich alles von ihr bekommen, was ich wollte.

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12 comments / Add your comment below

  1. Das Gefühl, das du beschreibst, breitet sich aus wie die blauen Schlieren einer letzten halb gerauchten Zigarette, die du mit einer einzigen bestimmten Bewegung deiner Hand zurück ausdrückst und weißt, dass du jetzt genug von ihrem wunderbaren Gift aufgenommen hast, von dem du einmal glaubtest, du wärst süchtig danach.

    Den Rest der Arbeit kannst du getrost den sich schon teilenden Zellen in deiner Brust überlassen, die von jetzt an mit der grimmen Genauigkeit der goldenen Uhr, die man dir zur Firmung geschenkt hat, ihr metastasierendes Werk verrichten. Du warst lange genug in Kontakt mit den malignen Eingeweiden dieser Stadt, hast mit bloßen Händen tiefe Furchen in die Blutstrände ihrer Flüsse gegraben und es so oft und so lange mit ihr getrieben, dass ihre DNA jetzt auch deine ist. Ein Weihspiel habt ihr aufgeführt in was weiß ich wie vielen Akten.

    Den allerletzten Vorhang wirst du ihr nicht mehr gönnen. Sterben kannst du auch auf der Landstraße. Du musst dich nicht einmal umdrehen, weil du weißt, dass der Rauch sich bereits verzogen und der Wind dieser Stadt deine Spuren längst aufgefressen hat.

  2. Außerdem ist Chef nicht aus der Welt. Seine langen Fangarme und Authoritätsschreie wird man auch noch vernehmen und spüren, wenn der gute Mann ein oder zwei Länder weiter is.

  3. …and the rest will follow (you). Ein Text wie der Kehraus in den frühen Morgenstunden in der kleinen Kneipe um die Ecke, wenn die Türen und Fenster aufgerissen werden, damit der Mief raus in die Welt aber aus den Buden zieht, wenn die ersten Sonnenstrahlen seitwärts um die Ecke biegen und Du seufzt, weil Du merkst, dass Du eine Weile Dein Bier woanders trinken wirst. Großes Kino, Bestester!

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