I was a teenage super-individualist

In der Provinz war ich ein Exzentriker, in der Kleinstadt ein bunter Hund, in Berlin bin ich wertekonservativ. Das liegt nicht ausschließlich an dem geographischen Radius, den ich innerhalb meiner jüngeren Biografie aufgezogen habe, das liegt auch an der Zeitleiste, die ich zusammen mit einem gewissen Herrn Zeitgeist beschreite.

Sicher galt es auf dem niederbayrischen Lande schon immer als mindestens verschroben, Musiker und Schreiberling werden zu wollen, dennoch hat ein latenter Wertewechsel dererlei Wünsche etwas mehr gen Zentrum bürgerlicher Verträglichkeit gerückt. Wo früher das Streben nach Grund und Boden, Kind und Kegel, Haus und Hof an erster Stelle stand, ist nun die Selbstverwirklichung getreten und hat im Schlepptau freilich immer noch die Familie als Rück- und Haushalt für das ambitionierte Superego.

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(Installation von Mika Rottenberg, Kunstwerke Berlin)

Es ist verwerflich, normal zu sein. Nie zu lügen, keine Inszenierung aus seinem Leben zu veranstalten, bodenständig zu sein, das sind Prädikate, denen die Semantik von stinklangweilig anhaftet. Zu einer bürgerlichen Existenz gehört heutzutage eine wilde und exzessive Jugend, ein Fernsehauftritt, eventuell eine Publikation und mit Sicherheit ein Weblog. Die Hypersensibilität für das eigene Befinden muss an die frische Luft. Schluss mit dem ewigen Einreihen. Wir sind doch alle was Besonderes. Der Gedanke an sich ist nicht verwerflich. Wohin er führt, wirft einen manchmal um. Alle Pferdestärken werden mobilisiert, um die Welt am eigenen Innenleben teilhaben zu lassen, alles wird rausgekotzt. Und jetzt kommt das Schlimmste: Die Gesellschaft gewöhnt sich langsam daran.

Meine Bestandsaufnahme der nationalen Lage dürfte streng subjektiv sein und nicht übertragbar auf die entlegeneren Winkel dieser Republik. Denn ich wohne in der Haupstadt des Superindividualismus. Und um hier aufzufallen, muss man mehr als ein Weblog draufhaben. Ach, dem stinkt doch nur, dass er nicht mehr auffällt unter all den Freaks, mag der unwohlgesonnene Leser einwerfen, aber ich versichere Ihnen: So angenehm und beschaulich, so moralisch einwandfrei und reinen Gewissens wie hier hab ich mich noch nie im Leben gefühlt.

18 comments / Add your comment below

  1. Ich wohne auch in der Haupstadt des Superindividualismus.
    Ich bin geboren in der Hauptstadt des Superindividualismus.
    Ich bin nichts besonderes.
    Meine Zeit kommt noch.
    Vielleicht, wenn all die Besonderen schachmatt in der Ecke liegen, völlig desorientiert und fertig vom vielen Verstecken spielen in der Öffentlichkeit.
    Vielleicht auch nicht.
    Dann ist‘s auch gut.

  2. In Berlin wird man glücklicherweise von den meisten einfach nur in Ruhe gelassen und ignoriert. An den meisten Tagen kann es nichts besseres geben.

  3. Naja, denke man würde auch in Berlin auffallen, wenn man sich in LK E die neue GOREFEST vorgröhlen lässt, oder? :)

  4. So angenehm und beschaulich, so moralisch einwandfrei und reinen Gewissens wie hier hab ich mich noch nie im Leben gefühlt…

    Das ist ja reinstes Biedermeier, was Sie da zurücklassen…Herr Burner!
    Nehmen Sie sich ein großes Stück davon als Wegzehrung mit!
    Wohin immer Sie auch gehen…

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