Cut & Go

Ich bin in einer anderen Stadt, in einem neuen Hotelzimmer. Ich bin entstellt und nicht abgeholt. Ich bin aufgeschnitten und verflixt, aber nicht zugenäht worden. Jemand hat mir die Heimat entwendet. Es war wohl nur ein Versehen, aber jetzt sitze ich fern von den Meinigen und starre auf diesen Bildschirm und sein blaues Licht entfacht sich in dem dunklen Hotelzimmer. Früher sah ich nur fern, jetzt bin ich es. Und ich muss ihr „Auf Wiedersehen“ sagen, weil man nirgendwo lange bleiben kann, wenn einem die Heimat entwendet wurde. Niemand kann sich auf ewig ein Hotelzimmer leisten. Sie kann mich vermutlich schon nicht mehr richtig sehen, ich verschwimme schon auf ihrem Gegenbildschirm. Sie dagegen ist noch dran, sie ist noch da und niemand kann mich davon überzeugen, dass ich alles richtig gemacht habe, als ich den Hörer auflege und den Kontakt unterbreche. Ich bin jetzt in einer schönen, scheuen Welt, die sich erst von mir überzeugen muss. Ich bin in einem anderen Leben, ich bin in einer neuen Verfassung. Ich bin zugeknöpft, geflickt und einsatzbereit.

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23 comments / Add your comment below

  1. wieder solch wehmütige zeilen, die mich sprachlos machen. doch heut teile ich dir das auch mal mit.
    „bye, bye berlin“ sang am dienstag jemand. schade.

  2. He, ich war und bin der erste Kosmonaut hier! Nennt euch doch Astronaut oder Taikonaut.
    Der leider vor 3 Tagen verstorbene Musikus Klaus Renft sang einmal:
    Abschied heisst doch auch weitergehn
    Tränen hat die Trauer, aber auch das Glück
    Komm gut an, Wandersmann, komm gut an, …

  3. Das ist aber nicht Berlins schuld. Das machen alle Großstädte so. Und die Dörfer werden immer kleiner, während die großen Haussammlungen die Menschen einsaugen und ausspucken. Wie Kaugummi, der nach einer Weile nicht mehr schmeckt. Berlin kennt es nicht anders.

  4. Sie verbiegt sich nicht, um Dich zu halten. Sie sagt kaum je persönlich „Adieu“. Sie zuckt nicht einmal wirklich mit den Schultern, wenn Du gehst. Du selbst winkst, und wenn überhaupt, rascheln die Äste der Bäume ein wenig. Und selbst das hätten sie auch getan, wenn Du noch bliebest oder schon längst verschwunden wärst. Niemand fehlt der Stadt selbst so richtig, auch wenn sie ohne alle nicht wäre, was sie ist. Wieder einmal ein famoses Fanal, Monsieur!

  5. Ich lese den Text, sehe das Foto und bin dort… bin in dem Zimmer und fühle mich genau wie es beschrieben wird. „Gefangen von den Zeilen“ nennt man das wohl…

  6. Das klingt, als seien Sie kurz vor Verfassen des Textes aus einer mit Drachenblut gefüllten Badewanne gestiegen. Irgendwas bleibt immer zurück, diesmal ist es mindestens der Satz Früher sah ich nur fern, jetzt bin ich es. Den haben Sie mir schön ins Hirn genagelt, eine Bereicherung für die Wanderausstellung.

  7. Sir Parker: Befreien Sie sich, sonst wirds ein trister Herbst:)

    Mq: Aber bevor das Blut zum Panzer erstarrte, vergaß ich mein Hemd auszuziehen. Jetzt ist die ganze Brust ungeschützt. Scheiße, sag ich leise. Das Wandern ist übrigens nicht nur des Müllers, sondern auch des Mayers Lust.

    Creezy: Wer zur Hölle tut das schon, der noch ganz bei Trost ist?

  8. Opa, kleine Wortänderung: wo es mir gut geht, ist nicht meine Heimat, sondern mein Zuhause, in meinem Fall irgendwo in Südeuropa. Weil die Heimat ist nicht ersetzbar…die ist und bleibt Berlin.

  9. Ein Neuanfang. Sozusagen ein weißes Blatt Papier, noch unbeschrieben, trotzdem schon befühlt durch die Erfahrungen der Vergangenheit!
    Sehr berührend geschrieben!

  10. Emily: Wärs nicht so kalaueresk gewesen, hätt ich uns Udo natürlich als Ausnahme zur Regel bestätigt. Obwohl er ja nicht mehr im Hamburger Atlantic woht, sondern jetzt glaub ich im Berliner Adlon. Geiler Typ nachwievor.

    Sno*: So ernsthaft kenn ich dich ja gar nicht. Aber ja, das denk ich auch. Es ist alles schon längst da.

    Flyhigher: Danke!

    Malcolm: Und wer stirbt als Letzter? Rolf Eden, oder?

  11. @ dolce vita:

    Vergiß nicht, daß ich Seemann bin. Aber nicht einmal das Meer ist meine Heimat.

    Heimat: die Überschätzung der Frage, wo man sich befinde, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken mußte. (Robert Musil)

    Mit zunehmendem Alter wird mir der Abschied immer mehr zum Aufbruch in ein Wiedersehn. Ich habe mir abgewöhnt, in der Erinnerung zu leben

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