Wer Sturm sät

Es ging ihr nicht gut und es ging ihr um Kontrolle. Es war nicht nur einmal vorgekommen, dass jemand gegangen war. Nicht nur einmal, was schlimm genug gewesen wäre. Es war mehrmals vorgekommen. Und dem Vorgekommenen musste man in Zukunft einfach nur zuvorkommen, damit es nicht mehr vorkommen konnte, dass man der Letzte war. Dass man der war, der dablieb. Ab jetzt würde eine neue Zeitrechnung beginnen, in der mit dem Schlimmsten gerechnet wurde und die Reissleine vor dem Ausreissen des Anderen gezogen wurde. Nicht mit ihr. Nicht mehr.

Es ging ihm ganz gut und er war auf dem Weg nach Hause. Eigentlich wollte er sich dabei nicht mehr von Fremden ansprechen lassen. Es war schon öfter vorgekommen, dass ihn jemand vom Weg abgebracht hatte. Mit klerikaler Sorgfalt nahm man ihn manches Mal ins Gebet und kniete vor ihm nieder, bis er wieder in einem Anflug von aufflammendem Glauben und kurz stehenblieb. Das würde nicht wieder vorkommen. Er würde den Weg zuende gehen und er würde heute nacht damit anfangen. Die Leuchtfeuer unterwegs lenkten ihn nicht mehr von der Dunkelheit der Straße ab, an deren Ende ein Morgen in einem Haus und einer großen Tasse Kaffee stehen würde.

Die gesamte Vorderfront des Hauses war mit einer Plane verkleidet und der Wind fuhr beleidigt darunter und wühlte sie auf. Den ganzen Nachmittag bis weit hinein in die Nacht schlug die Plane gegen das Gerüst und die Fenster hinter ihr. Der Wind ließ nicht ab und erst spät, in einer viel zu warmen Oktobernacht, gab er Ruhe. Die Plane hing matt und zur Hälfte abgelöst an der Fassade. Jemand würde sie an den entsprechenden Stellen wieder befestigen müssen.

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(Foto von Lisa Rank)