Die Dunkelheit

Der Tag, an dem die Dunkelheit übers Land zog, schien ein Herbsttag wie jeder andere zu sein. Niemand wunderte sich, schliesslich wurde es ja ohnehin früh dunkel im November. Niemand ahnte, dass sich diese Dunkelheit vier Jahre lang nicht mehr von der Stadt erheben sollte. Tagsüber wurde es zwar heller als nachts, aber ein Schatten klebte auf den Dächern und Häuserwänden und verschleierte den Blick auf den Himmel. Die Sonne drang nicht durch die Dunkelheit und bei Nacht konnte sich kein Mond auf den nassen Strassen spiegeln. Da sich die Temperaturen nicht änderten, bemerkte nahezu niemand den gravierenden Einschnitt in seinen Tagesablauf. Nur einige wenige beobachteten und forschten, doch konnten keine Lösung für die Dunkelheit über der Stadt finden. Sie konnten weder die Quelle noch das Phänomen genau benennen, denn die Dunkelheit war unsichtbar.

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Maria war schuld an der Dunkelheit, aber das wusste sie nicht. Sie hatte den Lichtgeber ermordet, ohne es zu ahnen. Monatelang war sie nicht von seiner Seite gewichen, hatte ihm die Stadt gezeigt und ihn in ihre Welt gelassen. Anfangs zögerte er, doch dann willigte er in diese merkwürdige Liaison ein. Der Lichtgeber und das schüchterne Mädchen. Irgendwann bemerkte Maria, dass der Lichtgeber nicht auf Dauer bleiben würde. Das wusste sie, bevor er es wusste. Und so verliess sie ihn, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie traf einen unscheinbaren und ebenso schüchternen jungen Mann und heiratete ihn, aber schrieb weiter Briefe an den Lichtgeber und bedauerte in ihnen ihren Weggang. Der Lichtgeber antwortete nicht. Innerhalb weniger Tage setzten die Entzugserscheinungen ein. Sein Stoffwechsel hatte sich auf Marias Gegenwart so unerwartet schnell eingestellt, dass die bald die Farbe aus seiner Haut wich und seine Knochen begannen, sich aufzulösen. Er beantwortete die ersten Briefe von Maria schon nicht mehr, weil er zu schwach war. Irgendwann, als sie aufhörte zu schreiben, war der Lichtgeber längst verstorben. Er zerfiel in seiner kleinen Wohnung über der Stadt und mit ihm wich das Licht von der Stadt.

Vier Jahre später sitze ich an meinem Fenster und betrachte die aufziehende Dunkelheit der Nacht. Es ist eine angenehme Dunkelheit. Der klebrige Schleier der vierjährigen Finsternis hat sich gelichtet. Diese Nacht wird die erste sein, die wieder hell ist. Das Gerücht verbreitet sich, dass ein neuer Lichtgeber in die Stadt gezogen ist.

9 comments / Add your comment below

  1. Eben sagte Jette noch zu mir: „Endlich jemand, der mir Feuer geben kann“ Währenddessen sagte die Stadt zu jemand anderem „Endlich jemand, der mir Licht geben kann.“ Großer Text, Meister.

  2. Wirklich toller Text. Hoffen wir, das der neue Lichtgeber sich nicht mit Maria einlässt. Die Lady scheint ein Gespür für Selffullfilling-Prophecy (wird das so geschrieben?) haben. Grüße nach Barcelona!

  3. Der Lichtgeber war ein entfernter Verwandter von mir. Nicht körperlich, aber wir waren Brüder im Geiste, ohne uns zu kennen. Er hatte natürlich weit mehr auf der Pfanne, Licht für eine ganze Stadt, immerhin. Hab ich nie auf die Reihe bekommen, was nur konsequent ist. Aber das der August in diesem Jahr etwas kühler war – das war ich.

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