Sturm und Verdrang

Es gibt Dinge, über die rede ich in der Regel nicht. Das sind keine gesellschaftlichen Tabus oder Geheimnisse, das sind Dinge, die ich mir nicht vor Augen führen will, damit die Unvollkommenheit meiner Lebenssituation nicht über mich herein bricht. Man nennt das Verdrängung. Für burnster.de will ich aber heute mal eine kleine Ausnahme machen und die Dinge beim Namen nennen, die zwar wahr, aber eigentlich zu schlimm, um wahr zu sein sind. Ihr könnt es auch als eine Art Fortführung meiner ersten Beichte betrachten.

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1. Meine Dusche in Barcelona wechselt willkürlich, eigentlich sogar arglistig zwischen heissem und kaltem Wasser. In Berlin besaß ich eine fantastische Dusche.

2. Mein Spanisch basiert auf einem großen Schwindel. Ich spreche schnell und viel, imitiere andere Spanier und nuschle dazu wie die Sau. Aber verstehen tu ich gar nichts. Nicht mal die Hälfte einer Baywatch Espisode auf castellano raff ich.

3. Ich verdiene viel zu wenig Geld und gebe viel zu wenig aus. Ich nähere mich mit Riesenschritten einem finanziellen Platten, den ich dann pünktlich zu Weihnachten meiner Mutter beichten darf. Ich kaufe Cubatas (Cola & Rum) statt Bier, CDs statt Rohlingen, Konzertkarten statt Stadtplänen und gehe essen statt zu kochen.

4. Ich habe vor einigen Jahren mal einen Roman geschrieben und jedes Mal wenn ich ihn durchlese, merke ich, dass ich ein pathossabbernder Twenager ohne stilistisches Maß und Ziel war und dass die einzige Person, die ihn je gelesen hat, wahrscheinlich jetzt denken muss, dass ich ein kompletter Scharlatan bin. Zu meiner Verteidigung will ich sagen, dass ich damals schwer liebeskrank, alkoholabhängig und eigentlich verrückt war. Ja, da hat sich was geändert, um gleich allen Unkenrufen zuvorzukommen.

5. Irgendwie werde ich auch das dumme Gefühl nicht los, dass diese ganze Bloggerei eine Riesenaugenwischerei ist. Ich komme mir manchmal vor wie in einer Teenie-Community, in der man seine sozialen Kontakte zu pflegen hat, sonst wird man zur Persona non grata. So wie es sich mir mitunter darstellt, lesen die meisten Leute sich meine Beiträge eh nie ganz durch und jeder wartet nur auf Namedropping und Gossip. Und was das Schlimmste ist: Ich fühle mich immer noch nicht meinem Idol Kid 37 ebenbürtig, so literarisch wie Mequito, so rüpelig wie mein Freund Ratze, so aktivistisch wie der Alphons, so witzig wie der MC, so unterhaltsam wie der René, so alt wie der Edi oder fotografisch so talentiert wie die Liz. Ausserdem habe ich keine Ahnung von Kommasetzung.

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  1. So wie es sich mir mitunter darstellt, lesen die meisten Leute sich meine Beiträge eh nie ganz

    Raten Sie mal, ob ich Ihren Beitrag nun ganz gelesen habe oder ob ich grundsätzlich nur den letzten Absatz lese und Bilder gucke.

  2. Zum ersten Drittel von 5.: Endlich spricht es mal einer aus. Zum dritten Drittel: Immerhin sind Sie halbwegs so authentisch wie St. Burnster, schwierig genug. Zum mittleren Drittel: Manchmal lese ich sogar das erste und das letzte Drittel Ihrer Beiträge.

  3. Blogger-Blues?

    Der gehört dazu. Und selbstverständlich ist das alles hier eine bloggende Riesenaugenwischerei. Was denn sonst? Seniorentanztee?

  4. Sie meinen’s ernst und betreiben kein fishing for compliments.
    Das ist an sich prima und so selten wie löblich, aber insofern blöd, als man jetzt akut keine Lobhudeleien anbringen kann, ohne peinlich und anbiedernd zu wirken. Just, wo sie so gut passen würden. Menno!

  5. Augenwischerei klingt komplett anders. Scheiß auf einzelfallende Konventionen (ausnahmsweise einmal) und auf Kommasetzung sowieso:

    Die Offenbarung des Berni ist mehr als ein jüngstes Gerücht. Zweier Dinge mindestens bin ich sicher – des eigenen Altertums, das ist keine Lüge. Ganz im Gegeteil zu der Pathosvermutung. Spätestens ab 20 geht es mit vielen Dingen abwärts. Das merkt man allerdings frühestens mit 50, dann wird das Eis wieder dicker.

  6. Immer wieder ein Wahnsinn, wie gut du eigentlich ausschaust, Burns.

    Tut mir leid, dass ich zur Beichtenbeichte nix sagen kann, aber da müsst ich ja meinerseits auch schon wieder mit einer solchen aufwarten. Und ich bezweifle, dass ich noch irgendwas sagen kann, ohne dass sich die letzten aufrechten Begleiter mit Schaudern von mir abwenden täten. Nachdem ich aber auf der anderen Seite echt saugern solche Eigensezierungen vornehm, kann nicht versprechen, dass ich nicht doch nochmal nachlege, zumal mir auch immer wieder mal deucht, was denn diese Aufschreiberei und des ganze Drumherum eigentlich für ein Riesenschmu ist. Und mal ehrlich – Sturm und Verdrang – des ist doch in Wahrheit die Vorlage des Jahres für mich.

  7. Gegen eine schonungslose Schadensanalyse mit angrenzender Selbstzerfleischung ist ja tatsächlich gar nix zu sagen, da gebe ich dem Stürmer recht, aber ganz Klappe halten ist meins dann doch nicht:
    zu 1,2,3 und 5: Mit einem gesund rausgerotzten „na und“ kann man jeden Schaden halbieren (blöd bloß, daß leo-spanisch sagt, das hieße „oye“. Dann bitte einfach optimistischer aussprechen.). Und zu 4: meine Fresse, dann pack den Roman halt weg, echt jetzt ma.
    Einfach noch ein paar Cubatas nachlegen und: kopf hoch / glas hoch / arm leicht neigen.

  8. Liebe Rabe, Ihnen vertraue ich blind und ohne

    Mq: Haben Sie gelesen, dass ich in der mittlersten Zeile, also bzw. dazwischen geschrieben habe, \“Maestro Quint ist super\“? Haben Sie? Haben Sie? Haben Sie? Hah?

    Creezy: Na klar, ich wollte auch nichts Neues erzählen, sondern nur Dinge artikulieren, die ich verdränge.

    Tanzopa, schau, das ist ja ein Kompliment, dass ich dem Altsein eine Begehrlichkeitsnote verleihe. Und weil du der lebende Beweis für den Reiz des Alterns bist, hast du mich pfeilgrad richtig verstanden.

    Liz: Hast du denn Zeit, ein bisschen nebenberuflich für mich zu arbeiten?

    Ratze: Merci, du Schleimer. Das war im Übrigen keine Vorlage, sondern eine Hommage.

    Keinzelfall: Lobhudeln Sie nur. Ich kanns verkraften. Zudem ist der letzte Absatz ja auch nicht starkbierernst gemeint. Im Prinzip geb ich dem Affen ja nur Zucker, falls Sie verstehen.

    Stily: Danke für die praktische Anleitung. Aber im Kopfurlauben mit Compadre Cubata bin ich Weltmeister. Und da die oben genannten Punkte sowieso unter \“verdrängt\“ in meinem Oberstübchen wegsortiert werden, belasten sie mich auch nicht. Ich hab hier nur eine Ausnahme zu Eurem Vergnügen gemacht. Dem Einen sein Leid ist ja bekanntlich dem Anderen seine Freud.

    Sno*: Im Prinzip brauchst du gar nicht dauernd kommentieren, wenn du eh immer das sagst was ich insgeheim eh schon denke. Du lässt noch meine ganze Blogdeckung auffliegen.

    Und an alle: 21 Grad in der Sonne.

  9. 21 Grad! (Das ist jetzt das einzige, was ich gelesen habe) Dann haben Sie ja schon den Frühlings-Blues, aber wenigstens keinen Grund, übers Wetter zu klagen.

  10. Hat Deine neue Dusche eigentlich nen Vorhang? Nur so nebenbei… :) Was Baywatch betrifft: Basiert die Serie nicht primär auf Bildsprache? Den dritten Punkt kenne ich nur zu gut, gerade aktuell. Einen Roman geschrieben habe ich nie, aber selbst einige alte Kurzgeschichten und Texte von mir lassen bei Wiederholungslektüre durch mich plötzlich Pickel aus den Poren schießen durch Manierismus-Overkill. Bei Punkt fünf geht’s mir vom Gefühl her ja durchaus ähnlich. Aber Diskussionen zum letzten Punkt hatten wir ja schon ein paar Mal. Der beste Weg ist, denke ich, sich ein dickes Fell wachsen zu lassen (und es von Zeit zu Zeit zu entfilzen und waschen). :)

  11. Viel zu wenig zu verdienen und viel zu wenig auszugeben, ist natürlich unser aller Schicksal, die wir stets über unsere Verhältnisse und unter unserem Niveau vor uns hinvegetieren.

  12. Ich google immer nur meinen Namen und wenn ich irgendwo drinstehe lese ich den Eintrag. Oder, den Satz in dem mein Name steht. Oder – meinen Namen. Die Überschrift auch, zumindest wenn ich gute Laune habe.

  13. Kid 37: Unerträglich heute, wieder diese 25 Grad. So könnten Sie nicht arbeiten, Herr Kid. Aber wo Sie sind, ist ja eh immer Herbst.

    Ole: Du bist mein Blogritter. Auf dich lasse ich nichts kommen ausser einen Literaturpreis für die Wiederbelebung des Manierismus. War nur ein Scherz, du bist natürlich kein Modern Day Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau.

    Modeste: Dürfen Sie bei der Boheme überhaupt noch mitreden, liebe Modeste?;)

    Malc: In der Tat und im Wort.

    Liz: Danke, Schätzken. Dann geb ich dir mal mein Passwort. Das hab ich nämlich geändert. Es lautet ********

    Mek: Toll, es hat geklappt. Er liest mich.

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