Naughty James is fuckin dead

All good things must end, sagt der Britanne und mit beeindruckender Melodramatik verabschiedet sich Fotoblogger, Vice-Fotograf und der Prototyp Londoner Twentysomething-Dekadenz, Naughty James, von seinem Projekt 1095. Im Dezember 2003 hat Craig Cowling alias Naughty James angefangen, sein Leben 1095 Tage lang zu fotografieren und auch wenn ich erst sehr spät eingestiegen bin (Danke, Herr Kid), habe ich doch mit Belustigung, Entsetzen und manchmal auch ehrlicher Anteilnahme diese Fotosoap verfolgt, in der uns neben den zahlreichen hübschen Musen von Herrn Cowling auch diverse Bands (z.B. Klaxons) und Londoner Lokalkolorit der besonderen Art begegneten. Bei meinem letzten Besuch in London traf ich N.J. dann auch tatsächlich persönlich und höchstzufällig auf der Aftershowparty eine Rakes-Konzerts. Da stand ein kleiner, großer zaundürrer Junge vor mir, der mir stolz von seiner (damals) neuen Freundin Akiko erzählte und durchaus freundlich, höflich und gar nicht so kaputt wirkte wie in seiner Publikation. Aber die Kulissen ändern sich ja dauernd in so einem Leben.

..and here i am, two years later ruing everything from my battle with alcohol to my ADD. It’s been a pleasure sharing my last three years with you all, the sex, the drugs, the booze, the sadness and all the boring bits inbetween. but that is life. Ups after downs after ups. I made many, many mistakes and now i hope to learn from them.

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Und so endet diese Saga, wie sie die ganze Zeit auch funktionierte, etwas traurig, etwas pathetisch, etwas kaputt und selbstverliebt wie eh und je. Es ist und war die Geschichte, von einem aus der Provinz mit viel Talent, der auszog um in der großen Stadt das Fürchten zu lernen und sich in den Abgründen und Aufzügen Londons verlor und wiederfand. Sie ist in ihrer Symbolik (und was kann symbolischer für diese Generation sein als ein Fotoblog?) und in ihrem Stereotyp schon fast als formstreng und repräsentativ für ihren Zeitgeist zu betrachten. Und bei allen ästhetischen Durchhängern und der manchmal lähmenden abgebildeten Leere und Inspirationslosigkeit von Craig, ist sie zugleich ein Zeitdokument, das seinesgleichen sucht. 1095 ist eine Art Bildungs- bzw. Antibildungsroman in Fotos und an manchen Tagen nicht mehr als eine Seifenoper für die Vice-Generation, aber es macht aus Realität in seinen guten Momenten so nahtlos Kunst, das ich mich letztendlich dem etwas morbiden Charme der Londoner Unterwelt nicht zu entziehen vermochte. Besonders die Liebesgeschichte zwischen Muse Sarah und Fotograf Craig weist eine emotionale Dimension in Fotos und Einträgen vor, von der „Verliebt in Berlin“ nur träumen kann. Die letzte der vielen Schichten dieses Fotoblogs betrifft uns alle. Das übersteigerte Aufmerksamkeitsbedürfnis, unsere Entwürfe von einem abenteuerlichen Leben, unsere Egozentrik und unsere Minderwertigkeitskomplexe, all das kann man genauso wundervoll an Naughtys Geschichte ablesen, wenn man will.

Und egal, ob man N.J. nun liebt, hasst, oder ob er einem am Arsch vorbei geht, viele der Fotos sind es wert, dieses Projekt zu überdauern. Darüber hinaus glaube ich ohnehin, dass wir nicht das Letzte von Sarah und Craig gesehen haben. All good things take some time, sagt der Britanne nämlich auch.

photography courtesy of Naughty James

4 comments / Add your comment below

  1. Ich hab da immer nur reingeschaut, wenn Du mal wieder was über NJ geschrieben hast. Dennoch schade. Aber der kommt zurück. Wie Axel S und Jiggaman.

    Habt Ihr Euch in London tatsächlich zufällig getroffen?

  2. Ja, ja, das war echt absoluter Zufall. Seine Kumpels von den Klaxons waren Vorband für die Rakes und wir waren beide auf so einer albernen Aftershow Party. Ich hab ihn dann angesprochen, weil ich ja eh schon mal mit ihm gemailt hatte. Er fand die Situation auch ausgesprochen bizarr.

  3. Sehr schöner Text, genau so ist es (gewesen) mit „1095“. Es gibt ein paar japanische Fotoblogs, die ein wenig in die Richtung gehen, aber Craigs war einem natürlich näher. Großes Talent (almost wasted), tolle Liebesgeschichte, von der ich hoffe, die beiden haben das letzte Kapitel noch nicht geschrieben.

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