Alleine auf den Tod

All we can count on is death
But over and over again
There’s a road to follow
Only one way to know
Where it will take you
Your eyes only see what you take them to spy

(The Draft – All We Can Count On)

Können wir zählen. Doch zählen wir schon? Nein, wir sind noch so verankert im Irdischen, dass uns selbst der geringste Windhauch eines Vanitas Gedanken wie eine schallende Ohrfeige auf unsere hochtrabenden Pläne erscheint. Wir haben doch soviel vor, wir wollen doch unsere Duftmarken setzen, unseren Eltern und Freunden und denen, die uns zu gut oder zu schlecht kennen, beweisen, wie weit wir es bringen können. Wie ein Hetzhund ist uns der Verdacht auf den Fersen, dass wir uns verschätzen, dass uns die Zeit davon läuft oder dass uns jemand zuvorkommt. Doch der einzig verlässliche Freund und der größte Bestärker ist unsere Persona non grata maxima, Gevatter Tod. Weder verheisst, noch bringt er Gutes, aber er zeigt uns etwas sehr Wertvolles. Und alle, die jetzt Zeit denken, dürfen Och sagen. Denn es ist nicht die unbestechlich verschreitende Zeit, die er uns zeigt, sondern die waghalsige Sinnlosigkeit der harschen, unerbittlichen Verfolgung unserer Pläne. Dass wir so hart mit uns und unserer Zukunft ins Gericht gehen, würde der Tod sicher nicht gutheissen. Hast du dich amüsiert, wird er nämlich fragen. Ha, und du dachtest, er fragt, was du erreicht hast. Weit gefehlt, ob du dich gut unterhalten hast in der Zeit, in der du da warst, wird er wissen wollen. Gut unterhalten mit deinen Freunden, in deinem Job, in deiner Stadt.

An einem dunklen Oktoberabend im Weinbergspark ist es mir eingefallen. Dass er da ist. Dass er kommt. Und dass er näher kommt. Für einen Moment bin ich mörderisch erschrocken. Ich dachte, vielleicht kommt er schon in Barcelona. Vielleicht kommt er da. Hast du dich amüsiert, Burnster, habe ich mich ganz schnell gefragt. Und mir ganz schnell mit einem glasklaren „Ja“ geantwortet. Der Gedanke an den Tod ist nicht mehr zu verdrängen und er hat mich nach Barcelona und wieder zurück nach Berlin begleitet. Ich habe große Pläne und viele Wünsche, versteht mich nicht falsch. Aber irgendwie gefällt mir die Vorstellung, dass das hier gerade die letzten Tage sein könnten. Das ist eine Romantik, die rein gar nichts mit Todessehnsucht zu tun hat.

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Sie weiß es nicht. Sie jagt den Sinn um die Häuser und der Ostwind treibt ihn weiter durch den Prenzlauer Berg, spielt mit ihm, spielt mit ihr. Unten in München trinken sie den Glühwein und lassen sich in die dumpfe Umarmung der Feiertage fallen. Hier in Berlin geht die Treibjagd im Dunklen weiter. Der beste Roman, der beste Partner, der beste Sex, der beste Untergang. Die Superlativen ficken in ihrem Kopf, bis sie schreien will. Der Prenzlauer Berg ist ausser Kontrolle, so kurz vor dem Jahreswechsel. Alle haben Halsweh und das Schlucken tut weh, das Denken genauso und unten in München trinken sie Glühwein und gehen früh zu Bett. Die Dunkelheit legt sich wie ein Schal um ihre Ideen und es wird ihr ganz warm in ihrem Selbstmitleid. Hauptsache, es wird früh dunkel. Dass die Straßenlaternen hier weniger hell leuchten, merkt sie nicht, dass die Winde hier rauer blasen, bestärkt sie nur in der falschen Erinnerung, eine Überlebende einer emotionalen Katastrophe zu sein, die es so nie gegeben hat. Und sie denkt nicht an den Tod. Sie denkt nicht an das Ende. Oh ja, sie denkt an ein Ende, aber es wirkt wie ein Ausgang. Ich meinte immer einen Eingang und als wir uns küssten, hielt ich den Moment für einen Unwiederholbaren, während sie gleich zum nächsten wollte. Wir haben uns wohl etwas missverstanden. Sie zählt nicht auf den Tod, sie zählt die Tage, bis ihre Träume sich in Wahrheiten verwandeln und ihre Wahrheiten in dem Moment zu Staub zerfallen, wenn sie wieder etwas Neues will. Die Quelle alles Leidens ist das Wollen, lehrt uns der Buddhismus. Der Weg alleine kann trotzdem nicht das Ziel sein, das wäre eine Ausrede für Lethargie, hat der Dalai Lama mal gesagt. Und trotzdem wird sie alles gegen die Wand fahren, bis sie sich in vielen Jahren ihrer Sterblichkeit in einem konstruktiven Sinne bewusst wird. Und das ist ihr gutes Recht, so wie es meins ist, mich unter Meinesgleichen zu mischen.

Es ist auch in Barcelona ziemlich kalt geworden. Wir gleiten lautlos die Serpentinen zum Tibidabo hinauf und als wir an der Kathedrale aussteigen und auf die Stadt blicken, welche von einem kalten Meer und zwei Bergen in die Defensive gezwungen wurde, doch sich majestätisch der Kälte erwehrt mit all ihren Lichtern, riecht es plötzlich nach Frühling, so als wäre der Winter schon vorbei und der Tod streckte seine Klauen erst im nächsten Herbst wieder nach uns aus. Aber ich weiß, dass er neben mir wandelt und sich manchmal hinter mich stellt. Und auf die selbe Art, auf die Dunkelheit so manch grellen Schmerz zu lindern vermag, beruhigt mich das, weil ich auf ihn zählen kann. Immer wieder. Und jetzt frohe Weihnachten!