Die Unterwerfung der Zeit

Don’t underestimate underdogs
They can beat the world and come back for more
They can dance and romance
And drink the night into coma
And you can have me if you want
Is what I say that important
You can build me up to knock me down
And we’ll just keep getting off the ground
(Leatherface – Do The Right Thing)

Das ist der Tag, an dem alles beginnen könnte und alles enden. Wenn wir ein paar Stunden nach vorne springen, sehen wir diesen Blick, der wissen will, wie weit er gehen kann, bis er anfängt zu durchdringen. Springen wir wieder ein paar Stunden zurück und sehen andere Blicke, voller Neugier und Erwartung, am Beginn einer langen Berliner Nacht. Springen wir zwischen den Stunden hin und her. Zwischen den Litern an Kaffee, den vielen selbstgefälligen Worten, den eiligen Sekunden am Bankautomaten, der geselligen Sicherheit, den Spukgeschichten von früher, den vielen Zigaretten, dem Pastis und den zahllosen Becksflaschen. Bleiben wir kurz in dem finsteren Loch von einer Kneipe, wo das Mädchen dich beobachtet und du es im Spiegel siehst, wie sie genauso dringlich am Beginn eines vielversprechenden Abends stehen will wie du. Du weißt, dass Unheil wie Heil in der Luft dieser Samstagnacht liegt. Heute musst du nur reagieren. Die Aktion kommt von Berlin.

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Wenige Minuten vor dem Morgengrauen, nikotinvergiftet und humpelnd, die Faust geballt. Die Manipulierten haben unser Spiel nicht durchschaut und wir nicht ihres. Zurück zum Anfang und der Unschuld eines Samstagnachmittags. Das Gleiten in den Abend beschleunigt sich schnell zum Rasen und die Zeit gerät außer Kontrolle. Die Polizei ist hier und sieht nur zu, du siehst nur zu und bist kaum hier. Das Vergessen ergreift gegen zwei Uhr morgens von dir Besitz und gegen vier nimmt sie dich bei der Hand. Ein Blick, der meint was er sagt, und man hätte im Prinzip schon Stunden vorher sagen können, was er meint. Noch eine Zigarette aus der Vergangenheit hinüberretten, noch ein Bier auf die Zukunft, noch einen Pastis in der Gegenwart. Hin und her, wir springen hin und her. Das Adrenalin spritzt auf die noch leeren Seiten der Biografie der jüngsten Tage und es reicht dennoch nicht, die Nacht bis hin zum Morgen zu überstehen.

Gehen wir nochmal zurück zum Anfang dieses Tages. Das ist noch die Hand im Spiel, die man uns gestern reichte und heute Abend schütteln wir sie nicht nur, wir ergreifen sie. Die letzen Wochen haben ihre Schmauchspuren hinterlassen und das steht dir gut. Es macht dich schön vor der Kulisse ergriffener Seelen dieser schwarzkalten Berliner Nacht mit dem dezenten Frühlingsaroma. Heute Nacht springst du zwischen den Stunden und du kontrollierst die Zeit. Und es war auch an derselben, dich auf die älteste Art der Welt neu zu erfinden. Die Spree zieht an. Die Spree wird schneller, die Türme bewegen sich doch. Du kannst zwischen den Tagen springen und die Wochen, die vor dir liegen, bekommst du auch noch in den Griff. Kalifornien und der bayerische Wald, Berlin und Barcelona, alles verwächst und bricht der Chronologie den Unterkiefer, bis er lose heraushängt und es nichts mehr über das richtige Timing zu sagen gibt. Es ist an der Zeit, die Zeit selbst in die Hand zu nehmen. Wenn das Blut rückwärts fließt, wenn die Uhr ihre Zeiger von sich streckt, wenn die Nacht zurück zu ihrem ursprünglichen Nachmittag findet, dann stehst du im Zentrum eines Strudels, den du endlich wieder selbst entfacht hast. Und als nächstes knöpfen wir uns die Jahreszeit vor. Du bist Geschichte, Winter.

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  1. Das Schöne strahlt oft dann am Hellsten, wenn es siechend am Boden liegt und erst ganz langsam wieder die Nase aus der Dreckpfütze hebt, in die es gestürzt war, wenn die Augenschwielen sich dickwulstig abheben und erst so wirklich auffällt, dass man ja überhaupt Augen hat, durch die man sieht. Wenn der Lack abgewetzt ist und die tieferen, verborgenen Schichten unfreiwillig ans Tageslicht gezerrt werden. Groß, Großer!

  2. MÜDE IN BERLIN

    Wenn die Gedanken sich zerstreut
    Aus dir entfernen,
    So, daß kein schönes Bein dich freut,
    Und eine trübe Feuchtigkeit
    Hängt über dir, unter den Sternen, —
    Wo willst du hin um solche Zeit?

    Schön ist zum Beispiel die Pelzer-Bar.
    Aber müde Menschen sind undankbar.

    Geh heim und lege dich zur Ruh.
    Du findest doch die Worte nicht.
    Wenn jemand freundlich zu dir spricht.
    Denn du bist du
    Und kannst dir selber nicht entfliehn.

    Leg dich in deine Hände.
    Dann schäumt das schillernde Berlin
    Um deine ernsten Wände. —
    Dein Schiff wird in die Ferne ziehn.

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