Erster Nachruf

von Rationalstürmer

Verehrte liebe Blogosphäre, liebe Freunde und Weggefährten, geschätzte Kolleginnen und Kollegen

Ich habe die traurige Pflicht bekannt zu geben, dass es Gott dem Allmächtigen in seiner unergründlichen Weisheit allem Anscheine nach gefallen hat, unseren geliebten Chef und Compadre, den strahlenden Erheller und diabolischen Verfinsterer so mancher Lesestunde, den Freund und das Vorbild, den großartigen und einzig wahren Burnstl, zu sich heimzuholen.

Nicht ein einziges Wort – und bemühten wir uns noch so sehr – das wir im Angesichte einer solchen Unglücksbotschaft zu äußern im Stande sind, kann auch nur im Entferntesten wiedergeben, was dieser Verlust wirklich für uns bedeuten mag. Und so können auch diese Zeilen nichts als der ebenso hilflose wie verzweifelte Versuch bleiben, sich dem Geiste und der Wortgewalt des in der prachtvollen Blüte seines jungen Erdendaseins so grausam aus unserer Mitte Gerissenen zumindest ein ganz klein wenig würdig zu erweisen.

Ich hoffe nicht zuletzt deswegen, dass es gestattet ist, wenn ich hier auch als zutiefst bestürzter Freund eines Mannes spreche, der sich über die längste Strecke meines eigenen Schaffens als liebenswürdiger Begleiter, als prima Kumpel, als gleichermaßen unbestechlicher wie kompetenter Kritiker, vor allem aber als wahrhaftig Seelenverwandter und Abkömmling vom selben unbeugsamen Stamm erwiesen hat.

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Mit unserem lieben Brenner verliert unsere Gemeinschaft einen ihrer herausragendsten Protagonisten. Wir werden von nun an verzichten müssen auf einen, für den das geschriebene Wort nicht mehr und nicht weniger als sein Leben bedeutet hat, und an diesem Leben teilzuhaben hat der Gegangene uns bald jeden Tag aufs Neue eingeladen. Es war diese urbajuwarische Herzlichkeit und Offenheit, mit der er auf seiner Bierbank immer noch ein Stückerl gerutscht ist, wenn noch einer von uns eingetroffen war, ihm zuzuhören. Immer wieder brachte er uns mit einer noch unerhörteren Begebenheit zum Schmunzeln. Immer wieder überraschte er uns mit einer nie dagewesenen Idee. Immer wieder auch führte er uns an seiner sicheren Hand an die düster sich vor uns auftuenden Ränder von Abgründen, angesichts derer uns schwindelte. Er war zu jeder Zeit ganz und gar einer von uns, und doch lebte er in seinem ganz eigenen Kosmos, den er bis in die entlegensten Weiten mit seinem einzigartigen Wesen füllte. Es wäre ihm wahrscheinlich nicht recht, dass ich jetzt ausgerechnet Rilke zitiere, und doch hoffe ich, dass sein Geist mir verzeihen möge, weiß ich mir doch nicht anders zu helfen und fänd ich keinen bessren Zeugen für das, was der Burnstl mir und uns war. Zu gut trifft des Dichters Wort, was ich auszudrücken in diesem Augenblicke tiefster Trauer nicht vermag:

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum, von vielen Blättern eines,
dies eine Blatt, man merkt es kaum, denn eines ist ja keines.
Doch dieses eine Blatt allein war Teil von unserm Leben,
drum wird dies eine Blatt allein uns immer wieder fehlen.

Wir alle kennen eine Vielzahl von Redewendungen, an denen wir übrig Gebliebenen uns leider nur viel zu schlecht anhalten können, wenn das Verscheiden eines geliebten Mitmenschen uns völlig unvermutet trifft und von uns verlangt wird einzugestehen, dass unser aller Zeit hienieden im nächsten Augenblicke abgelaufen sein kann. Mors certa, hora incerta – das alte Rom schon hatte solch unzureichendes Wörterkrückenwerk, das doch zum Weitergehen als Alleingelassne so herzlich wenig taugt. Und so gehört es zum Allerschlimmsten, das wir arme Menschenkinder zu erdulden haben, wenn der grimmige Schnitter gerade die prächtigste Pflanze mit gnadenlos hartem Schwung mäht, deren kräftiges Korn eben noch unser Herz erfreut hat und uns nicht einmal vergönnt ward, Abschied zu nehmen. Voller Schrecken blicken wir in diesem schwärzesten Moment auf das Stundenglas in Freund Heins knochiger Hand und müssen einsehen, dass all die Worte, die wir noch zu sagen vorhatten, jedes Glas, das wir noch gemeinsam trinken wollten, vielleicht auch jeder Kuss, den auszutauschen wir uns so fest gewünscht hatten, von nun an hohle Idee, hoffnungsloser Gedanke und auf ewig heimlich und unstillbare Sehnsucht bleiben müssen. Nicht einem einzigen von uns wird es jemals noch vergönnt sein, mit „seinem“ Burnstl zu erleben, was er oder sie einander in die Hand versprochen hatten. Mitten im Leben hat der Tod unseren jetzt schon so bitterlich vermissten Chef und Schreibekünstler auf seinen Wagen befohlen und den schwarzen Rappen zum Wege hinüber ins Jenseits die Sporen gegeben.

Wenn ich jetzt sage, dass der viel zu früh verschiedene Burnstl neben allem anderen ganz besonders auch eine recht gscheade Pfundsau gewesen ist, ein elender Unfried und ein gscheider Wuidling, dann verstoße ich damit keineswegs gegen den ehernen Grundsatz, es sei über die Toten nihil nisi bene zu sagen. Ganz im Gegenteil – ich lobpreise mit diesen Worten ihn und den auf so wunderbare Weise fruchtbaren Mutterboden, der einen Samen wie ihn geboren und uns geschenkt hat. Denn oh, er hat schon sein Maul sauber weit aufgrissen, oft arg herumgefuhrwerkt und mit dem blitzenden Stahl seines Morgensterns tiefe Breschen in die Flanken der Feinde wie des Lebens geschlagen! Furchtbare und gar grausige Schneisen der Verwüstung und großflächige Narben hat er so manches Mal hinterlassen und diejenigen vor Angst und Grusel zum Zittern gebracht, die sich mit ihm oder einem der Seinen angelegt hatten. Doch stand er dabei stets aufrecht und blickte einem jeden fest ins Auge. Diese Aufrichtigkeit, diese autochtone Größe – sie ist nur bei denen zu finden, die ihren Wurzeln die Ehre zuteil werden lassen, die ihnen gebührt. Und so einer war er ganz gewiss, der oide Brenner. Nie um eine Watschn verlegen und doch jederzeit mannsgenug für ein von Herzen kommendes „Samma wieda guat.“

Verneigen wir uns also in dieser dunklen Stunde in tiefem Respekt vor diesem grandiosen Saukerl und seiner Lebensleistung. Blicken wir auf die Lücke, die er hinterlassen wird und stützen wir einander gegenseitig, die wir von nun an ohne ihn auskommen müssen. Seien wir dankbar, ihn nicht nur gekannt, sondern tatsächlich erlebt zu haben, und bewahren wir seiner Person wie seinem Schaffen ein würdiges Andenken. Lieber Burnstl, merse und machs guat!

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42 comments

  1. Schockerstarrt trauert die Gemeinde. Was selten der Fall ist, stimmt hier – inmitten aller Bestürzung – tröstlich: Wenigstens eine würdige Grabrede. Und auch hier kauern sich die Klageweiber, die entsetzten Jubelperser und die immense Trauergemeinde zusammen und füllen das wüste Wadi ihrer fahren gelassenen Hoffnungen mit bittren Tränen.

  2. a ge, brenner. ezad hast a fesch deandl mit hoiz foà da hiddn gtroffn un mogst groad nix bloggn. a ge, brenner, d´s geht a vorbei.

  3. burnie, mir gefällt es, wie schön du in diesem moment grinst.

    darf ich blumen streuen?

    wenn ich gehe, herr rationalstürmer, bitte ich sie an mein offenes grab für eine kleine trauerrede, denn das haben sie sehr schön gemacht. einverstanden?

  4. In Demut und ehrfurchtsvoll vor der würdigen Rede kann ich meiner Trauer nur Ausdruck verleihen, indem ich dem Chef auf seinen letzten Weg die Worte mitgebe, die für unsere Bekanntschaft wohl die wichtigsten waren:

    „Wie passend, Du kämpfst wie eine Kuh.“

  5. Ein Schmarrn, so ein Burnster ist doch unsterblich, wenn auch verdammt sexy im Sarg. Da könnte man ja glatt auf den Geschmack kommen und ihn da drinnen liegen lassen … nun den, Rationalstürmer, den Job als Totenredenschreiber, den haste sicher. Ich gehe jetzt meine schwarze Wäsche waschen. Das Taschentuch bekommt noch einen schwarzen Trauerrand mit Burnie-Initialen gestickt – wo treffen wir uns zur Feier mit Leiche?

  6. The edges are blurring. Am unteren Sargrand fasert der Anzug über die Holzkanten hinaus. Fast als verschmelze er mit dem Holz oder verwandle das Holz in Anzug. Und der Schattenwurf unter dem Kopf erscheint fast zu stark. Mir scheint, da stimmt was nicht. Es ist was faul im Sarg dessen, den ich mag. :)

  7. Hervorragende Bestattungsrhetorik, Herr Rationalstürmer! Ich freu mich schon auf die Auferstehung im teuflischen Lichte. Wenn der Hr. Burnster den Limbus durchschritten haben wird, gibt es hoffentlich dufte Heiligenbildchen als Lesezeichen fürs Teufelslob.

  8. Wenn das keine Leiche mit angenähtem Kopf ist …
    Trotzdem sehr schön, Herr Rationalstürmer, wirklich – zum Sterben schön.

  9. Ich will sofort wissen, was der Kid ganz oben gesagt hat. Das ist ja schlimm hier, Bruderherz, mit der Technik. Schwarze Kunst, wa?

    Und die Vorstellung vom Juri ist wohl auch gestorben? Ausspreche mittleres Befremden.

  10. Das muss superätzend sein von oben von unten auf die eigenen Kommentare nach dem Ableben blicken zu müssen und nix sagen zu dürfen …

  11. Werter Herr Kid37, bei diesen Aussichten führe zumindest mir auf einmal ein gehöriger Schreck durch die Glieder… Da tät ich mir das an Herrn Burnsters Stelle schon nochmal überlegen mit dem Ableben – denn wenn ein Papstwort ja auch unfehlbar zu sein beansprucht – so ein Pontifikat zumindest endet ja schließlich einmal; es besteht also eine gewisse Chance, da drum herumzukommen. Vorausgesetzt, wie gesagt, er überdenkt das noch mal, der Herr Burnster, das mit dem Zeitpunkt.

    Aber ich habe ich mir auch sagen lassen, dass es während der Rede des Herrn Rationalstürmer in der Blogosphären-Kapelle mehrere merkwürdige, geradezu erdbebenartige Erschütterungen gegeben haben soll – so wie von ganz ferne und von ganz nahe zugleich. Und wie ich mir das so zusammenreime, können diese Erschütterungen eigentlich nur vom Herrn Burnster selbst gekommen sein. Es dürfte ihn da in seinem offenen Sarg unter seinem unbewegten Gesicht vermutlich fast zerfetzt haben vor Beherrschung, das Grinsen zurückzuhalten.

    Aber ich kann mich natürlich auch irren. Vielleicht waren es letztlich auch einfach Schnarchgeräusche aus einem hundsverreckten Frühjahrsrausch her, den der Gute da ausgeschlafen hat. Dabei bliebe allerdings noch die Frage zu klären: Wie kam er dabei in den Sarg zu liegen?

  12. Und am dritten Tage war er auferstanden von den Toten. Jo eh. Mia woat’n, Herr Börnsta! Scheiß Traditionalisten!

    I bin ungeduidig. Und gachzornig a. So. Etz moch wos draus, oide Drama-Queen.

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