Das Erwachen

„Nun sind wir wohl erwacht“, sagte sie – „für lange.“
(Arthur Schnitzler „Traumnovelle“)

Psst, St. Burnster. Aufstehen. Es ist Zeit.

Ich wache auf. Das Zimmer ist weiß wie ein Krankenzimmer, ein Aufwachzimmer. Nichts ist in dem Raum. Nichts außer ein Bett und weiße Wände. Nichts außer ein Bett, weiße Wände und ich. Ich bin aufgewacht und es ist nichts hier außer mir und einem weißen Mädchen, das neben mir in ein weißes Laken gewickelt ist und schläft. Das hier ist nicht die Hölle. Das ist nicht die Hölle, in der ich matt und kraftlos eingeschlafen bin. Ein weißes, warmes Licht bricht durch eine riesige Fensterfront in das weiße Zimmer und jetzt erwacht auch das Mädchen. Sie schiebt ein weißes Bein aus dem Laken. Sie ist nackt und wie aus Milch. Sie seufzt und dreht sich zu mir. Ihre Augen öffnen sich langsam und sie sind dunkel wie die Dunkelheit, aus der ich komme. Sie lächelt mild und ihre Wangen sind gerötet. “Du hast aber nicht lange geschlafen.?, flüstert sie und ich muss ihr Recht geben. Ich war nicht lange weg. Ich habe nicht lange geschlafen, obwohl ich gehofft hatte, es würde eine Ewigkeit dauern. Und jetzt bin ich wach und das hier ist definitiv nicht die Hölle.

Als ich mich vor zwei Wochen hingelegt habe, um zu schlafen, war da nicht viel, was mich wach gehalten hätte. Es lag etwas in der Luft, ich hätte es merken müssen, doch es war ein wenig zu spät, um Morgenluft zu wittern. Ich war aus der Hafenstadt zurück in den Moloch gekehrt, hatte die richtigen Leute an den falschen Orten getroffen. Der Verwesungsgeruch in dem Club war so stark, dass ich den Frühling nicht mehr bemerken konnte. Ich hatte mich schlichtweg aufgegeben. Es war ein kalter Abend und mein Körper war ein Bündel aus Schmerz und tauben Stellen. Als ich mich hineinlegte in das Bett, das mein Sarg werden sollte, war an ein Erwachen nicht mehr zu denken. Ich war bereit, ich wollte entschlafen, ich wollte dieser brutalen Szenerie endlich auf Dauer fernbleiben.

Obwohl ich so gut wie tot war, träumte ich seltsames Zeug. Da war dieses Mädchen mit der weißen Haut, die ich damals im dunklen Berliner November zuerst gesehen hatte. Die mir in einem Moment der tödlichen Unsicherheit erschienen war. Damals hatte sie mich, ohne etwas dazu zu tun, vor der Dunkelheit bewahrt, nur um mich genauso unabsichtlich zurück in dieselbe zu treiben. In meinem Traum, meinem zweiwöchigen Traum, hatte sie mich angetroffen und ich trank Wein, während sie nur neben mir saß. Wir liefen an alten Gebäuden vorbei und an Neuen, wo Regierungen in den ersten lauen Frühlingsnächten anfangen, uns genau zu beobachten, wenn sie zu lange im Büro sitzen. Wir erkundeten den Glaskoloss auf der Suche nach etwas zu essen und etwas Eiscreme. Wenn ich versuchte, sie zu ärgern, wurde sie noch eine Spur liebevoller und ich fing an zu hoffen, dass dies kein Traum war. Ich war schlaflos in meinen Träumen und sie war immer da. Doch bald verabschiedete sie sich und entwich der Stadt in der Dämmerung am vorderen Rand des Sommers. Ich sah nur zu und verfiel wieder in meinen alleserlösenden traumlosen Schlaf. Auf keinen Fall hätte ich gedacht, so früh wieder zu erwachen.

Und jetzt ist es passiert. Ich bin aufgewacht in diesem strahlenden Weiß, in diesem Zimmer, in dem Bett, das ich für leer gehalten habe, bis sie ihr weißes Bein aus dem Laken geschält hat. Sie drückt mich eng an sich und da sind diese winzigen Küsse. Ich muss sie berühren, sie muss mir ein wenig Gewalt antun, damit ich sicher gehen kann, nicht mehr zu schlafen. Dass dies kein Traum, sondern die Wirklichkeit ist, so surreal sie mir auch erscheinen mag. Ist das noch dieselbe Stadt da draußen? Ist das noch der Moloch, der sich in uns verbissen hatte mit seinen fauligen Zähnen und dem unguten Atem der Pestilenz seiner Bewohner? Höre ich da leise Musik von draußen? Das klingt wie Brian Wilson, das klingt wie die Siebziger, das könnten auch die High Llamas sein. So hell und so klar ist die Musik, mehrstimmig und harmonisch. Nun bin ich also erwacht, denke ich. Nun bin ich also endlich erwacht. “Psst..?, flüstert sie, “Es ist Zeit aufzustehen, St. Burnster, wir haben heute doch so vieles vor.? flüstert sie mir ins Ohr und Wasser läuft aus meinen Augen. Milchig und weiß.

“Steh auf.? sagt sie zu mir. “Du musst aufstehen.?

31 comments / Add your comment below

  1. … und Semmeln holen. Ach Burnstl, wenn du wüsstest. Es ist ja tatsächlich so. Wir wachen neben ihnen auf und leben wieder. Herzlich willkommen bei den Auferstandenen, Oida

  2. aus der Traumnovelle von Arthur Schnitzler wird hier zitiert? Wo findet man das noch in den Weiten Bloglandiens? Ich bin gerührt, wahrlich, ich bin gerührt – und gern tät ich jetzt einen gelben Smiley dalassen, der ironisch zu verstehen ist und dem Autor sagen soll, aus welcher Berliner Ecke ich hierhergekommen bin.

  3. Sie mir och irjendwie.

    Sehr geehrter Herr Breuer, die Ecke würde mich interessieren. Ihre Rührung rührt wiederum mich, weil ich die TN schon seit langem als große Inspiration meines – zugegebenermaßen – vernachlässigbaren Schaffens ansehe.

  4. Erfreut und erleichtert die Botschaft vernommen. Welch Gück, dass Notebook und WLAN im Aufwachraum vorhanden. Und grüßen Sie das Mädchen.

  5. Es freut mich, dass Du (Zitat C.G.Jung) Traumzusammenhänge mit bewußten Repräsentationen durch das Gesetz der Assoziation, das heißt durch kausale Abhängigkeiten verbindest und nicht bloß Zufälligkeiten darstellst.
    Gruss aus München,
    auch wenn ich kein wirklicher Schnitzlerfan bin, ist das eine wirklich, wirklich schöne Geschichte.
    Achte auf die Email….

  6. Jocelyn, es stürmt hier in Berlin. Die Spree schlägt Wellen, Veränderung steht ins Haus.

    Malcolm, du kannst weiterschlafen. Du hast doch ne Freundin;)

  7. etwas verwirrt las ich „Ihre“ letzten beiträge, herr burnster. doch es scheint ja wieder ordnung eingekehrt zu sein.

    möge sie nur so mild weiterlächeln, sodass Sie nicht erneut in solch tiefen schlaf fallen.

  8. Kosmonautin, ihr Wort in Gottes Ohr. Aber versprechen Sie sich nicht zuviel Milde vom St. Burnster Relaunch. Von einem Filterkaffeekränzchen sind wir hier auch in Zukunft weit entfernt.

    MQ: Danke, ich warte noch auf Geschenke.

    Lu: Genau.

    RL: Was zum Schaffott versuchen Sie mir zu sagen?

  9. @ Roman: Wenn schon, dann mach das ordentlich mit ahref, Du weisst schon!
    @ Butze: Gut schaust‘ aus. Jetzt nach dem Espresso. Weiter geht’s!

  10. Ohoooo, was für ein Aufwand für den Logo-Relaunch!

    Muß arg schlimm gewesen sein, seinen Senf nur noch den Radieschen beigeben gekonnt zu haben, was? (Und da kannst Dir etz a deppertes Smiley-Dingens denken, aber ’s gibt gar keines mit dem Ausdruck, den ich meine.)

  11. Ach so, ja, Tach. War wohl ein bisschen viel, die zehn Minuten Luft anhalten, was?

    Schön. Sehr schön. Was, weißte ja, hoffentlich.

  12. boa ey, mich hast’e echt ran gekriegt. bin zum ersten mal auf deiner seite gewesen damals, habe die nachricht deines todes gesehen und dann zurück gelesen. dann hat der winkelsen noch so geil von dir gesprochen und ich dachte dann wirklich nur noch „scheisse, was für eine fucking krankheit und das es immer die guten erwischt, hahah, und die doofen weiber die dich jetzt nicht mehr haben können“ und noch „fuck, war der ganz allein zu hause? Die arme Sau geht so wissend in den Tod“ sehr geil gemacht – respekt.
    dough

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