Gründe für meinen Tod

Guten, und ich meine guten, Tag. Da bin ich wieder. Nicht auferstanden. Lediglich ein Stückchen wacher. Dem Einen mag es makaber, dem Anderen absurd erschienen sein, dass ich so dreist mein eigenes Ableben inszeniert habe. Die Gründe hierfür sind verschieden und es ist mir ausnahmsweise ein echtes Anliegen, mich zu erklären.

Mein sogenannter Tod markiert tatsächlich ein Ende. Das Ende meiner „Berlin-Emblematik“ in ihrer bisherigen Form. Der Zyklus meiner Texte vom dunklen Ende der Stadt und ihren falschen Versprechungen, ihren Lügen und den Abgründen endet hier. Das bedeutet nicht, dass ich versöhnlich oder weniger defätistisch schreiben werde. Aber die Tage von St. Burnster, dem alkoholblütigen emotionalen Schwerstarbeiter sind gezählt. Die Nächte sind kürzer geworden und mein Atem länger, die Klauen der Dekadenz stumpfer und die Widrigkeiten weniger. Die tödlichen Umarmungen werden gelegentlich wiederkommen, aber sie werden nicht mehr in dieser Form hier abgehandelt werden. Und wie hätten diese Elegien auch anders enden können als mit einem Todesfall. Den schwarzen Schwingen auf die schwarzhumorigste Weise ins Gesicht lachen, das war mein letzter Berliner Schildbürgerstreich auf dem Marktplatz der brennenden Eitelkeiten vom Prenzlauer Berg. Aber keine Sorge, ich bin und bleibe St. Burnster und das hier ist der Nordstrand, die Themen werden sich nicht grundlegend ändern, dafür die Betrachtungsweise und die handelnden Personen. Es dreht sich nicht alles um mich und letztlich doch. Das werden wir gemeinsam feststellen.

Darüber hinaus frisst die prosaische Motivsuche, die Fotografiererei und die resultierende Schreiberei meine Freizeit auf und da ich mir von niemanden, schon gar nicht von der Sanduhr, in die Wadel beißen lasse, habe ich mich ihr auf heimtückische Weise entzogen. Auf gut Deutsch gesagt: einfach eine Pause gemacht. Und diese Pause hat so herrlich gepasst, ist so herrlich mit einem kleinen privaten Ausflug zusammengefallen, dass ich gar nicht hätte bloggen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Zudem war es eine einzige große Streicheleinheit, diese fantastischen Grabreden zu lesen, für die ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken will. Und entschuldigen will ich mich bei allen, die sich ernsthaft Sorgen um mein Wohlbefinden gemacht haben. Weil mein „Shock & Awe-Treatment“ war halt dann doch auch ein wenig böswillig, im schelmischen Sinne.

Und da sind wir beim nächsten Punkt: Die Trennlinie zwischen Berni Mayer und seinem nicht ganz so Alter Ego St. Burnster verwischte sich für meinen Geschmack zuletzt zu schnell und zu intensiv. Das war die Schuld einiger zu gutgläubiger Leser und Bekannten und nicht zuletzt meine eigenes Balancieren auf dem dünnen Eis zwischen Biografie und Dichtung. Mit dem finalen Rutsch ins fiktive Dunkle der Nonexistenz habe ich mir selbst bewiesen, wie grundverschieden und grundsätzlich ähnlich ich und St. Burnster uns sind. Eine Trennung ist unmöglich und dennoch für alle Beteiligten notwendig. Die Ambivalenz muss deutlich werden, ab dann kann ich und könnt ihr selbst entscheiden, wie viel wahr ist.

Zu guter Letzt war es mir ein reines Vergnügen zu tun was ich will, hier auf stburnster.de. Will ich sterben, sterbe ich halt einfach. Ich habe keine Sponsoren, ich werbe nicht, ich bin keine Marke, ich tue das hier, um mir selbst und meinen Lesern zu gefallen. Ich halte nichts von Spielregeln der Blogosphäre, ich besuche nicht gerne Bloggerlesungen, ich bin kein Teil einer Interessensgruppe, einer Clique, geschweige denn einer Bewegung und ich brauche keine Messe, außer einer heiligen und die halte ich zur Not gerne selbst ab. Ich bin St. Burnster, ich bin hier auf dieser Seite und werde noch eine Weile hierbleiben. Also keine Angst, St. Burnster ist tot, es lebe St. Burnster, wie es vor wenigen Tagen schon wunderschön hier gesagt wurde. Und jetzt weiter mit dem Scheiß.

Ach ja, da fällt mir noch was ein: Wenn man tot ist, nervt einen wenigstens niemand mit diesen elenden Stöckchen. Aber nix für unguat, I mog Eich, es Zipfe.

32 Gedanken zu „Gründe für meinen Tod

  1. Ey, ich hätte nur ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich nicht nachgefragt hätte, man! Das das mal klar ist! Stirb doch, so oft und stilvoll und wie Du willst!

  2. Das ist eine lustige Idee – Katharsis mittels eigenhändig vorgenommener Leichenwäsche und die Tüchl für alle sichtbar zum Trocknen aufgehängt. Ich für meinen Teil bin saumäßig gspannt, was des jetzt wird, wo du dir deinen Schatten wieder ergaunert hast, und Pikaro is eh vui besser als Schlemihl.

    Außerdem kannst dann ja auch endlich das Stöckchen… neinnein, war ein Spaß, oida Zipfeklatscha.

  3. Bin gespannt, wie viele Umdrehungen es noch sind auf der nach unten (theoretisch) offenen Spirale ins Dunkel (das ins Licht führt).

  4. > Will ich sterben, sterbe ich halt einfach.

    Genau dafür mag ich diese Seite.

    Wind in den Segeln ist schon eine tolle Sache. Weiter so!

  5. Ich war ehrlich gesagt stinksauer, als mir klar wurde, dass dies alles eine geschichte war, denn ich habe wirklich geblaut, Leben habe sich vom Leib getrennt.

    Aber das hier, das hat mich mehr als versöhnt! Danke, für diese coole Nummer.

  6. Pingback: kopfhoerer » Marktplatz der brennenden Eitelkeiten

  7. Manchmal tut Häutung ja auch wirklich Not. Ich habe auch schon länger das Bedürfnis, aber in welche Richtung ich die Hautfetzen abstreifen will, weiß ich noch nicht. Anyway; Ich mag Dich wie Du warst und bist und freu mich auf neue, andere und ähnliche Facetten, Geschichten, Spinnereien, Wortklügeleien und alles drumrum. Schön, dassde wieder da bist!

  8. Tjor, der „französische Abschied“ ist nicht eines jeden Sache. Mir liegt er, aber nun bin ich ja (erstmal) wieder da. Wie also hätte gerade ich mich über dein Ableben beschweren können (und bei wem?) – auch wenn mich im ersten Moment angespannte Enttäuschung angesprungen hat…

    bist aber doch ne Marke, du .-)

  9. Vielleicht sollte ich auch mal sterben – die aktuell kursierenden Stöckchen wären tätsächlich ein Grund!
    Und hey – hast DU den Shroe aus der Hölle mit zurück gebracht?

  10. Offensichtlich, ich kann’s selbst kaum glauben, dass er wieder da ist. Muss sich an meine Fersen geheftet haben.

  11. auferstehung? auferstehung? das kenn‘ ich doch irgendwo her… hmm, wurscht… willkommen im naechsten leben…

  12. Ich klick mich durch meine Favoritenleiste, die Seite baut sich auf, sie ist weiß, strahlend weiß. Langsam bilden sich die schwarzen Zeichen auf dem unschuldigen Weiß und es wird klar, der Burnster ist wieder da. Sehr schön wirklich. Gehen sie nich so schnell wieder weg

  13. Es ist ein Traum der Menschheit: zu sterben, bewusst zu sterben und mitzubekommen, wie die Umwelt reagiert. Genialer Coup!

  14. Deine Konsequenz ist erschreckend und beruhigend zugleich. Und ist Dir aufgefallen wie lebendig Du irgendwie trotzdem hier als Toter warst? Det muß Dir erst mal eine/r nach machen.

  15. Lenny & Karl: Ich war ja nie weg:)
    PS: Mahlzeit.
    Mouchi: Kann man auch selbstherrlich nennen, geb ich zu.
    Pocoos: Allerdings. Die besten seit Jahren.
    Creezy: Gell?

  16. Mei – und i hob denkt, des werd da Abschied von der Hauptstadt und die Rückkehr in de boarische Hoamat. Aber Hand und Fuas hot’s scho‘ wos da schreibst. G’spannt bin i aa….

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