Meet Joe Coleman

Manchmal, wenn ich durchs Scheunenviertel spaziere und in der Nähe der Kunstwerke bin, gehe ich einfach hin und schaue, was mir geboten wird. Ich bin weder wahnsinnig galerieaffin, noch nachweislich kunstinteressiert, aber die Kunstwerke treffen immer wenn nicht meinen Geschmack, dann zumindest einen Nerv, weil ihnen am Abgründigen liegt. Gestern abend stolperte ich also im wahrsten Sinne des Wortes in die aktuelle Ausstellung rund um das Schaffen von Joe Coleman.

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Biker, Serienmörder, Hillbillys, Huren, Entfesslungskünstler und Elefantenmenschen, Kuriositäten und Raritäten – die Verletzten und Geschundenen sind die Akteure der verstörenden Bildwelten des amerikanischen Künstlers Joe Coleman (*1955). Anklänge an Ikonenmalerei, eine opulente Detailliertheit und Referenzen aus allen Bereichen der Pop- und Pulpkultur verdichten sich in seinen Werken zu einem obsessiven Bilderkosmos.
(Kunstwerke Berlin, „Joe Coleman – Internal Digging)

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So stehe ich also mit einem Mal in Colemans berüchtigten Odditorium, einem grimmigen Kabinett aus Serienkiller-Reliquien, Wachsfiguren und dem hässlichen Rest längst vergessener Freakshows aus Jahrmärkten, die seit Jahrzehnten aus den Gedächtnissen Amerikas gestrichen sind. Da gibt es ein Haar von Charles Manson, einen Brief von John Wayne Gacy, Fotos von Ted Bundy, den Wachskopf von Lee Harvey Oswald und den eines Syphilis-Kranken und eine nicht geringe Anzahl sinistrer Szenarien samt wachsfigürlicher Protagonisten, von Vergewaltigung bis zur Kreuzigung.

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Und am Anfang finde ich das alles faszinierend und kurios, ein bisschen schwarzhumorig und kickend. Irgendwann schlägt meine Stimmung um. Die an sich frische Farbe in den Ausstellungsräumen der Bilder riecht plötzlich modrig, die Luft ist schwer davon und Colemans Bilder verwandeln sich vor meinen Augen von absurden Grotesken zu abstoßenden Abbildungen der Realität hinter den brüchigen Fassaden von Moral und Bürgerlichkeit.

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Und ich, der sich für ganz hartgesotten hält und jeden Splatterspaß als Betthupferl mitnimmt, muss plötzlich raus an die frische Luft, an eine uneitrige Realität, die ich mir selbst gestalte, mit soviel Brutalität und gesellschaftlichem Geschwür wie ich selbst sie sehen will. Ich möchte Joe Coleman in den Kunstwerken lassen, möchte nicht soviel feiste und laute Hässlichkeit sehen. Mein Bedarf an Irrsinn ist für heute gedeckt. Empfehlen kann ich den Höllentrip dennoch an die mit den Nerven dafür.

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Kunstwerke Berlin
JoeColeman.com

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