Coney Island

From the park you hear the happy sounds of the carousel,
and you can almost taste the hot-dogs and french fries they sell.
Under the Boardwalk, down by the sea
on a blanket with my baby, is where I’ll be.

(The Drifters – Under The Boardwalk)

Am Montag waren sie in Manhattan angekommen. Heute war Freitag und Samuel und Martha waren per U-Bahn unterwegs nach Coney Island. Eine Fernsehdokumentation über den Strand Brooklyns hatte bereits vor Monaten noch zuhause sein Interesse geweckt und er konnte Martha davon überzeugen, ihr geliebtes Manhattan für ein paar Stunden zu verlassen. Auf dem Weg dorthin spielte Samuel die Bilder der Dokumentation in seinem Kopf ab, weichgezeichnet und verfremdet durch seine verblassende Erinnerung. Da war die alte Holzachterbahn, längst außer Betrieb mit Gras überwuchert, Teil des 1912 geschlossenen Luna Parks, die ihm als Erstes in den Sinn kam. Eine surreale Welt aus Wasserrutschen, kitschiger Geländebahnen, schnörkelhaften kleinen Schlosstürmchen und der für damalige Verhältnisse einzigartigen Holzachterbahn Loop Of The Loop. Jetzt lag Müll auf dem seit vielen Jahrzehnten stillgelegten Gelände und die Schienen waren vom Rost zerfressen. Und trotzdem erschien es Samuel in dem Film, als wäre in einer Art Metawelt, der alte Luna Park mitsamt der Achterbahn noch aktiv, als würde die Vergangenheit spirituell in die Gegenwart strahlen. Als wären sie noch da, die Verliebten, die Familien, die Geschwister die kleinen Gauner und die Arbeiterkinder von Brooklyn, die russischen Juden, die sich nach der Flucht aus Russland hier an Brooklyns Brighton Beach angesiedelt hatten. Als würden ihre Astralleiber die hölzernen Bahnen weiterhin rauf und runter fahren und ihre Unschuld und ihr Staunen die Jahrzehnte überdauern können. Das Old Mills Gebäude, auch Tunnel Of Love genannt, eine Wasserstrasse im Stil viktorianischer gekünstelter Intimität, als dunkelromantischer Höhepunkt der öffentlichen und der geheimen Liebespaare New Yorks ging ihm auch nicht mehr aus dem Kopf und er dachte daran, wie es wohl sein mochte, Martha jetzt als attraktive Fremde zufällig irgendwo zu sehen und zu wollen.

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Dieses Bild vor Augen saß er mit ihr im B-Train und sie passierten den weitläufigen Greenwood Cemetery, der seine weißen Grabkreuze über Brooklyn ausschickte und wie eine Art grimmiger Vorbote für diejenigen wirkte, die von Brooklyn her über den Motorway auf Manhattan zufuhren. Samuel dachte über den stillgelegten Vergnügungspark von Coney Island nach, dachte an die russischen Einwanderer und an eine aus dem Zusammenhang gerissene Filmszene aus Angel Heart, in der Mickey Rourke am Strand auf einen Mann trifft, der ihm bei Wind, Wetter und Sonne einen seltsamen Nasenschutz verkauft. Er dachte an „Under The Boardwalk“, den Song, der die Verliebten an der Promenade schildert, den Geruch von Pommes, den Klang des Karussells, und das Paar ganz nahe am Vergnügen der Masse, aber doch isoliert in ihrer eigenen Harmonie, autark und doch auf der Hut vor den Konventionen der New Yorker Gesellschaft. Martha saß ihm gegenüber und las Gabriel García Márquez.

Irgendwann hielt die U-Bahn und sie stiegen aus und gingen eine Treppe hinunter, durch eine Art Eingangshalle, die nach Urin stank, mit schlechtem Graffiti beschmiert war und deren Boden übersät war mit kleinen Lachen von Flüssigkeit, vielleicht Öl. Vier Polizisten mit verspiegelten Sonnenbrillen kontrollierten den Ausgang. Samuel, der vorbelastet durch einen Haschischdelikt und diverse Rangeleien in den Kneipen seiner Heimatstadt nicht besonders erpicht darauf war, sich den örtlichen Behörden erklären zu müssen, widmete den Cops keinen Blick. Martha blickte erstaunt in die Gesichter der Polizisten. Dann verließen sie das Gebäude und setzten ihren Weg in Richtung Strand fort. Ein großes Gebäude, das ein überdimensionaler Imbiss Laden zu sein schien, flankierte den Weg hinunter zur Strandpromenade. Es war Nathan’s Coney Island Hot Dogs. Schon von weitem konnten sie das Wonder Wheel, das traditionelle Riesenrad Brooklyns sehen, nach dem der Vergnügungspark unter anderem benannt war: Deno’s Wonder Wheel Amusement Park. Es drehte sich nicht. Die Straßen hier trugen Namen wie Surf Avenue, Neptune Avenue und Mermaid Avenue, aber sie waren vernarbt und übelriechend, keine Spur von maritimem Prestige oder Strandparty-Glanz. Sie gingen an dem Vergnügungspark entlang. Es war trocken und dennoch schwül und die Wolken hingen tief über dem Meer. Der seltsame Nebel, der ihnen aus Manhattan hinaus gefolgt zu sein schien, erlaubte es kaum, aufs Meer hinaus zu blicken, die erhoffte Weite des Ozeans blieb aus. Selbst das Strandszenario wirkte beengend auf Samuel. Escape From New York, wie der Werbespot aus dem Hotel suggeriert hatte, funktionierte auch hier offensichtlich nicht. Wenn Samuel sich den alten, geschlossen Luna-Park morbide vorgestellt hatte, musste er nun dem noch geöffneten mindestens dasselbe Charisma bescheinigen. Eine Art Kartbahn mit Booten war von einem hohen abweisenden Zaun umgeben und die Motoren der Boote liefen, obwohl niemand am Fahrgeschäft teilnahm. Die Wasserbahn trug einen unappetitlichen Ölfilm und es war kein Schausteller weit und breit zu sehen. Ein ähnliches Bild nebenan bei der echten Kartbahn. Kein Personal, aber laufende Motoren. Der westliche Eingang zum Vergnügungspark gab einen interessanten Blick frei: Eine leere Betonstrasse führte ins Innere des Parks, vorbei an geschlossenen und verrammelten Schaubuden und über den Buden, über dem fleckigen Asphalt waren Leinen gespannt, an denen bunte kleine Fähnchen zu Hunderten befestigt waren. Polizeiwagen standen am Straßenrand und sogar berittene Uniformierte kreuzten ihren Weg. Als sie die Promenade über eine Holzrampe hinaufschritten, grinste sie ein alter, zahnloser Mann an, der vom Strand abgewandt an der Rückseite einer Eisbude lehnte, vor sich einen Ghettoblaster stehend. Er winkte ihnen zu und aus dem Kasettenrekorder kam I Want You Back von den Jackson 5. Auf der Promenade: Polizisten und Soldaten. Am Außentresen einer heruntergekommenen McDonalds Filiale lehnten mehrere US Soldaten mit geschulterten Panzerfäusten. Es war mehr Militär und Polizei als Passanten unterwegs.

Samuel und Martha liefen jetzt einen langen Steg in Richtung Meer entlang, vorbei an fettleibigen Asiaten, die ihre Angelschnüre ins Meer hingen und neben sich eine Plastikschüssel mit kleinen, schmutzigen Fischen stehen hatten. Als sie am Ende des Stegs angekommen waren und aufs Meer starrten, riss die Nebeldecke kurz auf und die Sonne kam hervor. Für einen Moment wirkte das Meer wie das Meer, der Strand wie ein Strand und der Vergnügungspark wie ein Hort der Unterhaltung. Nur wenige Minuten später war die Sonne wieder verschwunden. Sie versuchte sich durch die seltsame Melange aus Wolken und Nebel hindurch zu drücken, zu behaupten und schlich dahinter in mattem Gelb ungeduldig auf und ab, aber es gelang ihr nicht – der Durchbruch blieb aus. Hinter ihnen waren einige Polizisten herangetreten und blickten ebenfalls aufs Meer. Samuels malader Zahn vermeldete ein leichtes Pochen. Martha und Samuel gingen den Weg zur Promenade nicht ganz zurück, sondern zweigten zum Strand ab. Dort setzten sie sich in den Sand und Samuel fühlte beim Hinsetzen, wie das Pochen in seinem Mund anschwoll.

10 comments / Add your comment below

  1. Verdammt. Ich war noch nie auf Coney Island, und ein wenig nehme ich Ihnen das jetzt übel, Herr Burnstl, dass Sie mit diesem sehr eindrucksvollen Text und der Information über die herzlose Neugestaltung des historischen Arreals eine Art Torschlusspanik in mir ausgelöst haben. Merci jedenfalls für den schönen Beitrag aus der Reihe „Burnstl unterwegs“ – und bitte sehen Sie mir die Assoziation mit dem Landsmann Gernstl nach. (Der immerhin für eine der besten Dokumentationsreihen verantwortlich ist, die das deutsche Fernsehen jemals zu bieten hatte. Und jetzt sehen Sie mir bitte auch noch mein Abschweifen nach …)

  2. Die Assoziation kann ich Ihnen doch nicht übel nehmen, habe ich doch dank Frau Stilhaserl den Gernstl auf DVD selbst kennen und schätzen gelernt. Abschwiff nachgesehen und die CI-Kenntnisse bitte sofort nachholen. Ich selbst will diesen Herbst noch hin und leise „Servus“ sagen.

  3. auch mal halb abgeschwiffen:
    Tony Scott hat ein Remake von „Warriors“ für 2008 angekündigt… du weißt schon, der New York Streetgang Streifen, in dem die Warriors – verfolgt von allen anderen New Yorker Gangs – heim nach Coney Island wollen. Muss der sich nun für die Original Schlussbildkulisse beeilen?

  4. weg mit dem alten scheiss.
    du triffst es doch sehr gut.alles liegt im statischen ,alles ,inclusive dir,hangelt sich von partikel zu partikel der vor einem leblos darnieder liegenden seelenlandschaften verlebter epochen.es ist vorbei wenn der text zu ende geht und burnster mit kondensstreifen das letzte kapitel signiert.
    in den hohen new yorker himmel.

  5. Ich mag die Schönheit des Darniederliegens. Im Neuaufblühen dieser Landschaften liegt mehr Traurigkeit als im Verfall. Paradox, aber toll.

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