Das langsame Verlassen

You don’t move from that graceful pose
And I never want to close my eyes.
Every move that I make is phoney
And every word I say is lies

(The Unbelievable Truth – Settle Down)

Ich habe es schon oft gesehen und ich habe es selbst schon gespürt. Wie es ist, ganz langsam und schleichend verlassen zu werden. Ich habe es selbst oft grausam präzise praktiziert. Wenn sich der Körper anfängt zu sträuben, wenn einen die Nerven allzuschnell verlassen und man beim Einschlafen wünscht, der andere wäre gar nicht mehr da, obwohl man noch so sehr an dem Konstrukt hängt, das man sich im dreissigsten Anlauf erschraubt hat, damit dieses Mal gefälligst alles passt. Dann fängt man langsam an, den anderen liegen zu lassen, währen man selbst aufsteht.

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Tut man mir das an, bemerke ich es natürlich sogleich. Aber ich kann ja schlecht sagen: „Schluss mit langsam verlassen, denn ich geh jetzt von alleine. Ätsch, schneller gewesen.“ Das kann man ja nicht sagen, will man auch nicht, solange die Hoffnung bei einem Prozent verbleibt, dass man sich täuscht und der andere nur eine seltsame Phase durchlebt. Oder man ist es so wie ich leid, etwas zu sagen und lässt die Dinge nur noch mit sich geschehen. Tag für Tag entfernt sie sich dann ein bisschen mehr, verliert an Euphorie, an Kraft und an Schönheit. Tag für Tag zieht sie sich ein Stückchen mehr zurück. Sie hört nicht mehr genau zu, sie ist ständig mit ihrem Handy beschäftigt, sie hört auf mit dir zu schlafen und es nervt sie, dir beim Aufstehen zuzusehen.

Es ist ein grausamer und schleichender Verfall. Fast so, als würde man langsam und bewusst verwesen, während man in einem offenen Sarg vor den Augen der Kondulanten liegt. Ein unaufhaltsamer Verfall, denn hat sie sich einmal entschieden, kann niemand auf der Welt sie umstimmen. Sie wird noch eine Weile brauchen, bis sie sich ihr erneutes Scheitern eingesteht, aber dann wirst du irgendwann aus ihr verschwunden sein und sie entschläft dir eines Nachts und von da an ist dein Bett wieder leer. Ich habe es passieren sehen und es wird wieder passieren. Wer es einmal erlebt hat, sieht es immer wieder. Überall.

(Der Song zum Text von The Unbelievable Truth)

11 comments / Add your comment below

  1. Das kann zum Teufelskreis werden, er denkt, sie zieht sich zurück und zieht sich zurück, sie merkt es und zieht sich zurück, er… sie… Und plötzlich sind sie ganz weit auseinander und wissen nicht warum.

  2. Ich würde gerne sagen: „Ich hab schon lang keine mehr.“ Aber das wär gelogen. Wenn man jemand wirklich mag, dann ist Liebe Angst und Angst ist Liebe. Und zuviel Angst ist Bullshit. Momentan hab ich tatsächlich keine und darauf stoß ich heut Abend an.

  3. Dann stoß ich mal mit an.

    Tut man mir das an, bemerke ich es natürlich sogleich.
    Aber wenn man es merkt, klammert man sich dennoch an das Prozent Hoffnung. Ist das auch anders herum so?
    Wenn man es jemandem antut, weiß man es ja auch genau. Aber man schreit nicht Schluss und geht direkt. Weil man sich selbst an die Hoffnung klammert? Macht man sich damit selbst was vor?

  4. Einen halben Meter Kommentar hätt ich zu diesem Text, mein Lieber. Aber da passt so sehr jedes Wort, da halt ich einfach meine Schnauze. Ganz arg großartig. Und ganz arg Scheiße.

  5. es ist wie mit dem sommer ,der vielleicht nie wirklich richtig da war fuer dich.
    zwei oder drei wochen hat er die seen und meere in dir auf temperatur gebracht.aber was ist das schon,wenn man fuer immer baden gehen will. frei von neoprenanzuegen.
    dann hoffst du im sommer auf den sommer,der sich schon laengst mit herbst verabredet und sich bei ost wind und laecherlichen 21 grasd celsius trifft.
    und ploetzlich stehst du mit blossen fuessen m schnee, das eis in der hand.
    nath

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