Wir nennen es Brotzeit

Eine kleine Zwischenbilanz nach vier Jahren Berlin

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Der Akklimatisierungsprozess mit der fremden Großstadt Berlin wird wohl ein lebenslanger bleiben. Auch wenn mich die eine oder andere Gewohnheit schon anwidert, auch wenn die ein oder andere Widerlichkeit zur Gewohnheit wurde oder die Stadt sich bei mir anbiedert: Berlin, du bist mir eine Nummer zu groß, um mich zum Kleinbürger zu machen. Dabei geben wir uns beide alle Mühe, ich und Berlin. Ich siedle, Berlin gibt mir Fläche. Ich liebe, Berlin gibt mir Fläche. Und ich bin noch nicht einmal undankbar, sondern schreie hinaus in die Welt, wie die Kalte mich im Winter warm hält indem sie mir alle Freiheit der Welt lässt. Seit ich aus Barcelona zurück bin, darf ich in Berlin nach meinen Spielregeln spielen, sie mischt sich nicht ein und ich schmiege mich zum Dank jeden Tag ein wenig mehr an.

Dennoch: mit jedem Tag, der vergeht, mit jedem Ereignis, das mir diese Stadt nach mittlerweile exakt vier Jahren immer noch ein Stückchen näher bringt, mit jedem Jahr fallen mir mehr Details aus der Heimat ein, die ich vermissen kann, so ich denn will. Sei es der Geruch einer frisch gemähte Wiese in der sommerlichen Dämmerung hinter dem Haus meiner Eltern in Grafentraubach, sei es die Brotzeit abends in einem kleinen Biergarten in der Nähe von Weilheim, die Nächte in den Isarauen, das Schneegestöber im Englischen Garten, die Winzerer Höhen bei Regensburg, der Blick von der Walhalla hinunter zum Fluss, die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Wenn ich also jetzt und hier auf dem besten Wege bin, mich in Berlin niederzulassen, lasse ich dann zu, dass mein Niederbayern und der Rest meines ehemaligen Königreichs seinen besten Abkömmling verliert? So kann es gar nicht sein, denn je mehr die bayrische Heimat mir entrückt, desto mehr wächst sie mir ans Herz. Es ist der alte Trick mit der Herkunft, den sie auch so gerne bei verflossenen Lieben anwenden: Geh weg und das was du zurücklässt wird überlebensgroß.

Aber kein Lamento, kein Manifesto. Kein Grund zum Greinen, lieber Leser. Ich zieh mir eine eigene Heimat heran, hier in Berlin. Ein Fantasiebayern, wie es in echt gar nicht so schön sein könnte. Und in dem ich jede Nacht und jede freie Minute herumtollen kann wie ein junges Hackl und brotzeiteln tu bis der Arzt kommt. Im wirklichen Bayern würde mir das Leben nach drei Tagen aus den Ohren herausbluten, der Dialekt auf die Nerven gehen und die Spießigkeit der Leute im Hals steckenbleiben. Hier darf es ein ganzes Leben lang das sein, was es nie war und nie sein wird. Meine Heimat, meine neue große Liebe.

27 Gedanken zu „Wir nennen es Brotzeit

  1. Ja, sapperlot, Sankt Brutzler, da sagen Sie was. Kurioserweise ventiliere ich seit dem Heimatbesuch am Wochende sehr ähnliche Gedankengänge. Nicht, dass ich wirklich rheinaufwärts zurück ins Delta will. Vielleicht schaffe ich es aus der Distanz viel besser, mir die selbsternannte Pophaupstadt in der Provinz als heimatlichen Sehnsuchtsort zu erhalten – ohne mich darüber ärgern zu müssen, dass der neue Oberbürgermeister vermutlich genau so ein verfilzter Sozensack ist wie der alte. Die können meinen Strom hier von mir aus Niederrhein, Nederrijn oder gar Lek und Waal nennen. Für mich gilt künftig: Wo ich bin, fließt der Oberrhein, und da werden die ganzen hosengeklammerten Hollandradfahrer in ihren roten Backsteinkaten nichts dran drehen. Echt jetzt.

  2. Lieber Mark793, lieber Neo-Edi,

    Jeder auf seine Art, aber der Hinweis, dass die Welt größer ist als eine Zwei-Städte-Frage oder auch zwei Bundesländer, ist natürlich vollkommen richtig. Aber der Text hält sich ja an bekannten Orten fest, um ein Gefühl festzunageln, das universal auftritt: Die Verklärung von Zurückgelassenem. Und wie könnte man das figurativer ausdrücken als im Gegensatz zwischen Bayern und Berlin? Zumindest was mich angeht. Lassen Sie sich im Übrigen nicht unterkriegen, egal wo sie sind, Herr Mark. Die Hosenklammern ja bekanntlich auch ein ortsunabhängiges Ärgernis.

    Sankt Brutzler

    PS: Danke MC, und merken Sie sich, was Sie sagen wollten, Creezy;)

  3. Ja mei. Ach. Heimatfilme im Kopfkino und am End kommt’s doch eh nur drauf an, wo der Popcorneimer frischer ist.
    (Und die Überschrift: ein Brüller!)

  4. Ich bin in meinem Leben 23 Mal umgezogen, Nummer 24 steht bevor und das was das Gefühl eines „Zuhauses“ am Nähesten kommt, nämlich die Gegend in der ich pubertieren und vögeln durfte, rückt komischerweise mit dem Umzug nach Berlin irgendwie näher.

    Nicht weil ich vorhabe durch die Stadt zu ficken, sondern weil das was früher das Vögeln war, heute die Hoffnung ist zutiefst inspiriert zu werden. Sollte ich dafür in der falschen Stadt sein, bitte ich darum mir das zu verschweigen.
    Vielen Dank.

  5. Manchmal tu ich mich noch ein bisserl schwer dabei, mir dich als Rudolf Prack vorzustellen, aber es wird, es wird. Du schaffst es schon noch.

    Und auch, wenns das Stilhäschen schon gesagt hat: Die Überschrift ist echt sowas von einem fotzgeilen Knaller, das gibts gar nicht. Halleluja!

  6. Stiles: Popcorn. Du hast dich mit dem Malcolm abgesprochen, gib’s zu.

    Malcovic: Inspiriert hat Berlin noch jeden. Die Herren Alphonso und Rationalstürmer zum Fluchen oder Verzweifeln, mich zumindest zum Schreiben. Zu V*geln gäbs hier auch genug um sich daheim zu fühlen, aber ich kenn jemand aus deinem Bekanntenkreis, der da noch ein Wörtchen mitzureden hat.

    Ratzke: Dir als Kultur-Blockwart war natürlich klar, dass ich den Prack erst gurgeln musste bzw. bei Wiki und den starken Nennern nachschlagen. Gut, wieder was gelernt.

    Donso: Selber pah! Das ist nur eine Momentaufnahme. Es gibt auch schöne Fotos von Berlin wie man oben sieht. Und jetzt Augen zu und durch, St. Burnster.

  7. Was hab ich gerauft mit dem hiesigen Tier. Vier Jahre? Ist doch erst der Anfang. Ich versteh dich mit allem, was in mir spüren kann, und das ist nicht eben wenig. Irgendwann kommt der Punkt, an dem du durcheinanderkommst, wenn du sagst „ich fahre heim“. Das ist kurz vor dem Punkt, wo du auf Autobahnen nicht mehr sehnsuchtkrampfig herumdenkst. Es findet dich schon, egal, was du anstellst. Und bei uns sagt man übrigens Jaus’n zur Brotzeit.

  8. kennst Du die Brücke der deutschen Einheit zwischen Thüringen und Beutebayern? Am Anfang bin ich drüber gefahren, egal. Am Ende habe ich gebrüllt wie ein Verrückter, als das bayerische Wappen kam. Ich!

  9. deine halsschlagader,die A9.
    viel heine im herzen und veritabel romantisch.
    und der empfindsame text tut dem digitalen blatt so gut.

  10. Julie: Logisch kenn ich die Jausn. Gerauft hab ich eigentlich nie mit Berlin. Wir konnten uns von Anfang an gut leiden. Aber wenn man halt lang mit jemand anderen zusammen war, ist einem der neue Partner oft Jahre fremd.

    Don Alpho: Ich hab auch tatsächlich den Eindruck, dass das Wetter nach der Brücke direkt besser, der Himmel blauer und die Wiesen satter sind. Auf den Meter genau.

    Nath: A9 als Halsschlagader. Das ist gut. Das merk ich mir.

    KleinesF: Nur über meine Leiche.

    Frl E.: Wenn Sie wüssten:)

  11. Schneefallgrenze im Moment bei 800m und fallend. Das Brett ist gewachst und die Gondel zur gefrorenen Wand läuft eh das ganze Jahr… hmm, oh und was war nochmal da mit Berlin? Tut mir leid, war grad in Gedanken woanders.

  12. Na schau, wenigstens das fehlt mir nicht. Wintersportler und Kraxler war ich nämlich noch nie. Flachländler, Weiherkrauler und Biergartler eher.

  13. nein, nein, wir verlieren ihn! schwester… er darf nicht auf die andere seite wechseln!! hat er fieber? ich glaub er fantasiert. fantasiebayern? sowas was der könig ludwig in neu schwanstein hatte? was sagen sie? in berlin? haha. geben sie ihm die kugel.

  14. Jawoll. No new manifestos. Und vielleicht bastle ich mir ja irgendwann ein ethnologisches Gewächshaus und züchte am Prenzlauer Berg fiktive Ostfriesen.

  15. Burnstler, wenn die Europäische Leute nach Amerika auswanderten brachten sie viele mit, meistens Sitten die sie nie zuhause in Europa irgendwas damit zu tun hatten. Es gibt hier Enklave von Schottische Leute die spielen Düdelsack und tanzen, sowas hatten sie nie in schottland getan. Die Deutsche ja auch, aber kein Düdelsack;) , Herbstfest, Oktoberfest, Tracht,ein Mischmasch alles Deutsches. Inklusiv ein Restaurant die heisst der Berliner das mit die Farbe Bayerns gemalt ist.
    Wie wir hier sagen , „absence makes the heart grow fonder“ Weiss nicht genau wie man das auf Deutsch genau sagen würde. Abwesentheit beflügelt die Erinnerungen, oder sowas.

  16. Das ist ein schöner Spruch. Und ich bin ja auch froh, dass sowas wie Heimatgefühle überhaupt knospen durften in meinen Berlin-Jahren. Dass ich mich gleichzeitig schon immer sauwohl in Berlin gefühlt habe, widerspricht dem überhaupt nicht. Dein Beispiel ist ja ein weiteres Indiz für den Urgedanken von der Liebe zur fernen Heimat und die Verklärung derselben.

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