The Downfall Chronicles

And they all pretend they’re orphans
and their memory’s like a train
You can see it getting smaller as it pulls away
And the things you can’t remember
tell the things you can’t forget
That history puts a saint in every dream

(Tom Waits – Time)

A

ls ich neunzehn war, habe ich mein sporadisch geführtes Tagebuch umbenannt. Von Tagebuch in „Downfall Chronicles“. Die Chroniken eines Untergangs. Meines Untergangs. Das war damals augenzwinkernd, aber auch ein wenig selbstmitleidig gemeint. Und doch nahm eine fortschreitende Desillusionierung damals an Fahrt auf und meine Einträge wurden von Jahr zu Jahr trister und wehmütiger. Es ereigneten sich im Grunde keine außergewöhnlichen Tragödien. Ich lernte jemanden kennen, ich lernte, mich zu verabschieden. Die wechselnden sozialen Umgebungen hielten mir einen Zerrspiegel meiner Unvollständigkeit vor, ich entfremdete ich da und wuchs dort wieder hinein. Die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, wurden zunehmend irrer und so ging es mir auch. Ich fing an, mich zu vergiften, ich schlug alle Warnungen in den Wind und wollte ein Journalist oder ein Musiker oder so etwas werden.

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Die erste Großstadt gab mir das Gefühl, als wäre ich krank geworden und könnte nie mehr den Zustand der Gesundheit meiner Jahre auf dem Land erreichen, obwohl mich gerade die krank gemacht hatten. Die niemals enden wollenden Münchner Winter, das Ende einer langen und teuren Seelenfreundschaft und die Abhängigkeit von ein paar Worten und leeren Versprechen. Die enttäuschten Protagonisten der Medienindustrie samt ihren traurigen Curricula Vitae und ich inmitten der Haie, dabei, mir Reisszähne wachsen zu lassen. Dann die Flucht in die Mördergrube Berlin, die sich vorerst und letzten Endes als bestes Surrogat für die Heimat herausgestellt hat. All das hat mich über alle Maßen begeistert und maßlos enttäuscht. Die Jahre haben mich kaum weise, aber reichlich mürbe gemacht und wenn ich meinen Enkeln etwas über die Zeit von 19 – 31 erzählen müsste, dann dass sie mein Herz geschwärzt hat und ich mir nur allzuoft gewünscht habe, ich würde mir-nichts-dir-nichts vom Erdboden verschwinden. Die Tage zwischen den Tagen haben mir den Atem zum durchhalten spendiert. Die Leute, die aus Verblendung und dummen Vertrauen bei mir geblieben sind, haben mich dazu gebracht, bei ihnen zu bleiben.

Irgendwann vor wenigen Jahren habe ich die Downfall Chronicles einfach so beendet. Nichts war gut oder auf dem Wege der Besserung. Oh, im Gegenteil. Aber ich habe dieses lächerliche Buch der Wehwehchen genommen und es geschlossen. Keinen weiteren Satz mehr hineingeschrieben. Und nichts ist dadurch besser geworden. Lange Zeit hat sich nichts getan, ausser der Boden unter meinen Füßen auf, aber ich habe angefangen über mich selbst und mein Selbstmitleid zu schmunzeln. Erst zu schmunzeln, dann zu grinsen und irgendwann hab ich laut gelacht. Ich hab mich überhaupt nicht mehr eingekriegt, hab gebrüllt vor Lachen. Darüber, wie ich mir beinahe mein eigenes Grab geschaufelt hätte. Jedes Jahr eine große Schippe mehr. Und ich habe wieder angefangen zu tricksen und die Leute hinters Licht zu führen, statt selbst im Dunklen zu wandeln. Und ich hab mir längst selbst verziehen. Und ich hab dir verziehen. Die Downfall Chronicles sind seit Jahren geschlossen, vor dem Untergang bin ich noch eine Ewigkeit lang nicht sicher.

9 comments / Add your comment below

  1. In Anbetracht dieser Tatsachen schlage ich vor der geistigen Verbrennung der Downfall Chronicles eine Umbenennung in Mein Krampf vor. Alternativ könnte es auch mit einem Ausdruck dieser letzten Worte als Epilog gewinnbringend auf demnächsten Flohmarkt gewinnbringend verkauft werden. Vielleicht noch nachträglich ein Schloss anbringen, hilft möglicherweise den Wert noch zu steigern.

  2. Bin mir nicht sicher, ob das nicht statt einem Page-Turner eher ein Ab-Turner wäre. Pathoswixe, die man sich selbst postmortal nicht zu Gemüte führen sollte.

  3. und wollte ein Journalist oder ein Musiker oder so etwas werden.

    Pfui Deibel! Und was ist nu‘ aus Dir geworden? So’n Blogger mit Auto, Frau, einem Hang zu Frischluftgängen auf Friedhöfen und gelegentlich Meeting-Klaustrophobie. Mensch, lass das bloss nicht Deine Grabschaufel hören!

  4. selbstreferenziell und dabei genug platz fuer literarische anleihen an indianisch-amerikanische erzaehltradition ,wie momaday s trickster aehnliche figuren.
    lob hier auch zum letzten male …

  5. Nath: Da gibt es Anleihen, die gibt es gar nicht. Dafür gibt’s andere, die glaubt man nicht.

    Ratz: Dann sags halt wie richtig heisst, du Gschaftlstürmer!

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