Burnsters EM-Studio (5)

Ich mags nicht spannend. Ich brauch das nicht. Ich muss keine Entscheidungen über die Meisterschaft am letzten Bundesligaspieltag abwarten, will kein Herzschlagfinale ertragen, keine Verlängerungen aushalten und beim Elfermeterschießen um die Existenz bangen. Ich mag klare Verhältnisse. Mir reicht ein deutliches 8:0 und wenns pressiert kann ich auch mit einem soliden 2:0 leben.

Was da gestern passierte, mochte ich nicht. Und der Bildausfall hat mich an das letzte Spiel erinnert, das ich im Radio verfolgt hatte. Das war Deutschland gegen Frankreich im Halbfinale der WM 82 in Spanien. Ich zitterte unter der Bettdecke mit meinem Kopfhörer und fühlte mich dem Spielgeschehen gegenüber hilflos und völlig ausgeliefert, vor allem beim Elferschießen. Totaler Kontrollverlust. Danach habe ich auch teils gegen den Willen meiner Eltern jedes Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei einem internationalen Turnier im Fernsehen gesehen. Jedes.

Als das Spiel also gestern aus war, war ich nicht aus dem Häuschen. Relativ verschüchtert und in jedem Fall ernüchtert starrte ich auf die jubelnden Deutschen während neben mir Raketen in den Mittehimmel schossen und Autos anfingen zu rasen und zu hupen. Dass der Fliegenfänger Lehmann mal wieder eher Hampel- statt Tormann war, dass der Frings sich noch nicht einmal eine gute Aktion aus den Rippen leiern konnte, dass der Herr Big Tasty Ballack eigentlich farblos bis nicht vorhanden war und mein Antifußballer des Jahres Herr Bastian „Die Frisur“ Schweinsteiger mal wieder der beste Mann am Platz, geschenkt. Meine Kraft zu motzen oder zu jubeln war völlig erlahmt. Ich will jetzt ein klares Finale. Zweite Spielminute 1:0 durch Fallrückzieher von Schweinster und die weiteren Tore für Deutschland im 10-Minuten-Takt. Ich mags nicht spannend.

10 comments / Add your comment below

  1. Einverstanden! Gegen Spanien wird’s dann aber auch wirklich leichter.

    [PS: meine Antieuphorie und mein Phlegma, was die EM und die DFB-Elf betrifft, ist fast schon asozial.]

  2. Ein germanisches Luxusproblem, andere Mannschaften – theoretisch – auch meine nämlich Österreich, können wenn überhaupt nur spannend gewinnen.

  3. SMS von meiner Mutter zum Spielbeginn:
    „Ich wünsche Dir und Deiner Mannschaft (nicht uns) ein mordsspannendes Spiel“
    Hallo? Welcher echte Fan wünscht sich denn so etwas?

  4. Bei solchen Situationen bin ich immer wieder froh Arminia-Fan zu sein, denn das, was viele als Spannung ansehen, sehe ich relaxed. Denn mein Verein, da muss ich wirklich immer zittern und es wird einem wirklich teilweise Grütze geboten.

  5. Verschüchtert und ernüchtert. Da könnt man glatt ein Jahresmotto draus basteln, wenn nicht gar eine Managementphilosophie für die deutsche Sozialdemokratie. Überhaupt die. Jetz sind ja die permanenten Kameraschwenks auf das vor Begeisterung juchzklatschende Merkelferkel schon unappetitlich wie sau, aber wenn der außenministergewordene Staubsaugervertreter Steinmeier am Sonntag auch wieder seinen schwarzrotgelben Depperles-Selbstbinder um die Gurgel hat, dann horch ich mir die Partie glaub ich freiwillig im Radio an – um dann doch noch irgendwie den Bezug zu deinem verstörten Beitrag zu kriegen.

  6. Max: Aber sie haben auch überwiegend spannend verloren. Spricht fürs Herz wie ein Bergwerk, um einen bekannten Sangeskünstler anzuzitieren.

    Schroeder: Ach, deine Mannschaft ist das also. Dann weiß ich ja jetzt, wo ich mich beim nächsten Mal beschweren muss.

    Bateman: Gut, für Dich ist natürlich eine Zitterpartie wie morgens Aufstehen.

    Rationaldefensive: Das Jahresmotto unterschreib ich so. Den Merkelmeier will ich hier nicht sehen, also spar dir die Politikerschelte für deine gelben Seiten auf. Und den Bezug, den hast du doch pauschal per RSS abonniert, wenn ich das hier richtig seh.
    Aber hast eh wieder Recht mit allem.

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