Kritik zu Mother Of Tears (Kier Royal)

Erst vor ein paar Monaten führte man mich in die wunderliche Welt des italienischen Horror-Regisseurs Dario Argento ein. Damals sah ich eine alte Kopie seines Giallo-Klassikers Suspiria und obwohl sowohl Story wie auch Darsteller für meinen Geschmack nicht viel hergaben, war ich einigermaßen berauscht von der triefenden Bildsprache und dem dröhnenden 70er-Keyboardsounds, die Jean Michel-Charre die Fremdschamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Zwei Szenen fand ich atemberaubend: Die Mordnacht gedreht auf dem Münchner Königsplatz (obwohl der Film wohl in Freiburg spielt) und die schlafende Hexe in der Turnhalle. Alles war rot & bedrohlich und trauen konnte die molestierte Tänzerin lediglich einem alten Okkultologen, der sich in der Nähe des Olympiazentrums herumtrieb. Das Subgenre und der Regisseur hatten mich danach jedenfalls in den Klauen. Werkimmanente Begeisterung nennt man das wohl.

Den zweiten Teil der Hexentrilogie, Inferno, hab ich nie gesehen, aber gestern ging ich nach einem abgrundtief starken doppelten Espresso nachts um 12 ins Kino am Potsdamer Platz, um mir den dritten und aktuellsten Teil der Hexentrilogie Mother Of Tears (07) anzuschauen. Einmal mehr spielt Argentos Tochter Asia (Klick!) eine Hauptrolle und einmal mehr beginnt ein dürftiges Ensemble eine dürftige Handlung runterzurocken. Eine Urne aus dem 15. Jahrhundert wird ausgegraben und gerät nach Rom, wo sie nicht nur Amok unter der Bevölkerung sondern auch die Revitalisierung eines alten Hexenkults samt splitternackter Tabledance Oberhexe einläutet. Protagonistin Sarah Mandy(!), selbst Abkömmling einer „weißen“ Hexe ist solange auf der Flucht, bis ihr am Ende nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich in die Höhle der Löwin zu begeben um dem gottlosen Treiben ein Ende zu setzen. Der Weg dahin ist selbst für den geneigten Argento-Seher ein einziges Hexenwerk.


Foto von AllMoviePhoto.com

Bereits in den ersten Szenen marodiert der Gott des Giallo mit einer so dermaßen überzogenen Splatterszene, dass man sich den Gurt im Kinosessel dreifach festzieht. Als sich die Situation gerade wieder entspannt hat und die bedrohliche Spannung um den Hexenkult langsam anwächst, schiebt Argento ein paar Babymorde ein, die zum einen unfassbar schlecht choreographiert sind, zum anderen wirklich geschmacklos, so man denn ein derartiges Prädikat in einer Splatterrezension überhaupt zur Anwendung bringen darf.

The man who made The Mother of Tears 27 years later can’t even hurl a baby from a bridge without the Fisher-Price doll bonking to pieces on the way down. (The Village Voice)

Sehr bald geht es also auch los mit der unfreiwilligen Komik, selbst wenn die Village Voice ohnehin empfiehlt, das Ganze als Parodie zu betrachten:

A once-great director’s near-worst work passes through its funhouse plumbing and emerges from the crapper as intentional mischief: self-sabotage explained away as mad genius.

Diesmal hat Argento wieder überwiegend mit englisch-nuschelnden Italienern besetzt und im Falle des diensthabenden Komissars Dummhammer trägt das zunächst zur allgemeinen Heiterkeit im Kino bei, die spätestens beim Auftritt Udo Kiers in allgemeine Gaudistimmung abdriftet. Jawohl, Udo Kier spielt Pater Johannes und zwar mit dem beklopptesten deutschen Akzent der englischsprachigen Filmgeschichte und einem schauspielerischem Elan, den Tom Gerhardt bei „Voll Normal“ selbst in den Drehpausen locker übertroffen hätte. Ich komme wirklich nur schwer darüber hinweg, wie dilletantisch das gewirkt hat. Wir reden hier immerhin über einen semi-renommierten Hollywood-Fußabtreter. Aber vielleicht hat ihm Argento beim Dreh in gebrochenem Englisch zugeraunt: „Don’t act or my other actors will look stupid.“ Wie auch immer, mein Highlight des Films.

Dennoch und auch deswegen hab ich mich großartig amüsiert und das überwiegend ohne Häme. Sieht man von den teils blamablen Effekten, der mediokren Handlung und den merkwürdigen Schauspielern (teilweise hatte ich das Gefühl Asia Argento selbst und nicht ihre Figur ist nicht mehr ganz dicht, siehe irres Gelächter am Ende) mal ab, bleibt das, was Argento am besten kann: Sonderbar traumähnliche, aber stimmungstriefende absurde Bilder zu erzeugen und mit seiner Musik so dringlich zu machen, dass man sie lange nicht vergisst. Alice im Splatterland. Klar, die Eleganz ist stiften gegangen, aber ganz so trist kann ich nicht resümieren wie die Village Voice, denn die haben die vielen tollen Brüste unerwähnt gelassen.

Without Argento’s once-trademark elegance, all that’s left is poorly staged, protracted sadism interrupted by expository narcolepsy and unintended horselaughs.

Was ich Argento allerdings nicht verzeihen kann: Da war ein Schockeffekt mitten im Film, kontextfrei, unberechenbar und viel zu laut und ich bin fast in die Reihe vor mir geflogen. Ich bin echt hart im Nehmen und noch härter im Vorausahnen solcher Schnitte, aber da hat er mich eiskalt erwischt. Schockierender war nur Udo Kier.

1 comment / Add your comment below

  1. Respekt, Herr B. !!!

    Ich hab die besagte erste Szene aus M.O.T. gesehen, und da war für mich auch schon Schluss. Meine zarten Nerven machen sowas einfach nicht mehr mit.
    Dadurch hab ich zwar den guten Kier verpasst, aber ich kann damit besser leben…

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