Parteiisches

Ich bin ja nicht gerade für die Konsolidierung politischer Ideen bekannt und Parteien finden ihren Platz auf dieser Publikation in der Regel in Form undifferenzierten Smack-Talks, aber ich muss dennoch kurz vom Weg abweichen, weil ich eine Notiz zu den Grünen unterbringen will. Richtig gehört, Die Grünen (vgl. Die Ärzte).

Nun ist das ja eine Partei, die ich seit ein paar Jahren regelmäßig wähle, ohne mir dessen gänzlich bewusst zu sein. Als dieser Tage allernetzorts der große SPD-Verdruss einsetzte, fiel mir auf, dass ich die Genossen ohnehin seit Jahren nicht mehr wähle, weil eben jener Verdruss schon länger in mir weilt. Ausnahme war freilich die letzte Bundestagswahl, wo es galt die Gewalt der Merkelschen Indifferenz und globaler Meinungslosigkeit aufzuhalten. Und dem mutmaßlich koloriertem Gerd konnte ich tatsächlich auch einiges an Glaubwürdigkeit abgewinnen, denn Eitelkeit ist ein starker Motor, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.
Somit waren die Grünen all die Jahre lediglich eine Trostpartei für mich als ehemaligen SPD-Wähler, eine, deren Personal ich nur auf oberflächlicher Medienebene Beachtung schenkte und von denen ich stillschweigend annahm, dass ihre Politik meinen Ideen einer modernen Gesellschaft nicht gänzlich widersprach.

Jetzt hatte ich innerhalb einer Woche zweimal die Gelegenheit, jemand aus der Partei aus nächster Nähe zuzuhören. Das war einmal Cem Özdemir im Rahmen eines Interviews mit unserem kleinen Familienmagazin und in zweiter Instanz hauptsächlich Steffi Lemke, die Bundesgeschäftsführerin und Wahlkampfleiterin und Robert Heinrich, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen eines Pressefrühstücks. Diese drei verbalisierten unter anderem ihre Ideen eines Online-Wahlkampfs und die Gewichtung ihrer Präsenz im Netz. Was mich als notorisch rhetorisch neugierigen Menschen viel mehr als die pure Essenz der Ausführungen interessierte, war die Haltung. Und die war in der Hauptsache bierernst. Tatsächlich war da gerade von Lemkes Seite kein Anwanzen an die Journalisten zu spüren und auch der von einigen Medien schon obamisierte Özdemir blieb selbst beim Interview mit Markus Kavka detailliert und sachlich. Zudem wurde da kein Hehl aus der Tatsache gemacht, dass diverse Partei-Twitterer und Facebook-Heiopeis den Druck- und die Reichweite eines Online-Wahlkampfes durchaus überschätzt haben.

Von Begeisterung kann zwar (noch) keine Rede sein, aber ich war letztlich erleichtert, nicht ernüchtert aus diesen Tuchfühlungen mit der Partei, die man wählt, herausgehen zu müssen, denn das hatte ich anfangs befürchtet. Die Grünen sind längst nicht so corporate wie ihnen die alte Garde gerne unterstellt und dass sie sich nicht so speziell mit einer einzigen vollkommen artifiziellen Idee beschäftigen wie die Piratenpartei ist ein riesiges Plus. Protestwählen ist eh doof.

Disclaimer: Mit meiner Rolle als Blogger hat der Kontakt mit den Grünen nichts zu tun. Ich bezweifle, dass man dort überhaupt weiß, dass ich auch blogge. Von Annäherung an den Bürgerjournalismus kann also hier keine Rede sein. Auch gab es weder Aufträge noch Flugreisen für mich abzusahnen. Eine Tasse Cappucino und ein Croissant hab ich allerdings bekommen.

4 Gedanken zu „Parteiisches

  1. Ah! Ich … äh … bin jetzt erstaunt, dass wirklich noch gar niemand dieses Post kommentiert hat. Also ich wollte nur sagen, dass ich es nicht kommentiert habe, weil es in sehr weiten Strecken wirklich mir aus der Seele und dem Schädel dazu geschrieben wurde, sehen wir von der Stelle mit dem persönlichen Kontakt ab, den ich nicht hatte. Und so wusste ich nicht was ich schreiben sollte, ausser „yo klar, alter, jenauso denke icke ooch.“ Weil’s ’nen bisschen zu banal gewesen wäre. Und manchmal reicht auch kein kleiner Punkt aus. Aber so ganz ohne Kommentar ist auch nicht schön. Oder vielleicht doch und gerade, dann habe ich es jetzt versaut, aber dann lösche den ruhig einfach wieder.

    Und verdammt, sind wir jetzt echt soweit, dass wir uns für unser persönliche politische Entwicklung und Meinungsbildung disclaimen müssen?

  2. ja, ehrlich gesagt, ich wundere mich auch, warum grade zu dem thema keiner was beiträgt. wohlmöglich ist das ein stilles „schuster bleib bei deinen leisten“ an mich:)

  3. Das ist schon alles sehr korrekt so, Burnstl. Von mir aus sehr gerne weiter politisch. Und wie die liebe Creezy schon sagt: „… in sehr weiten Strecken der Seele und dem Schädel.“

  4. Ich hab‘ mich nicht getraut, das über mir stehende mit meinen sicherlich unwürdigen Worten zu entweihen…
    Und irgendwie sind die Grünen vielleicht den Tick besser, wenn es darum geht, Internetaffinität unter Beweis zu stellen.
    Oder man nimmt es ihnen eher ab. Sie haben halt doch den geringeren Altersdurchschnitt bei ihrer Wählerschaft.
    Solange die führenden Köpfe der Grünen noch nicht zum Fallschirmspringen mit bleischweren Flugblättern gehen, bleibt für mich die Hoffnung, dass es doch noch einen Unterschied zu den etablierten Parteien gibt. Vielleicht sogar den entscheidenden.

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