Zentimentalkraft oder wie ich kein blöderes Wortspiel für einen Text über das süße Nichts und das bittere Alles gefunden habe, nicht zu vergessen das Rührei

My opinion could change today
But I’m responsible anyway
For second or third hand information
That complicates the complication.
(Sebadoh – On Fire)

Zunächst möchte ich über diesen Unmenschen maulen, den ich grade im Café an der Ecke gesehen habe. Typ Punkrockspießervater, ganz eklig. Fährt einen hochmodernen Kinderwagen durch die Gegend, vermutlich längst digital. Nehme an, es war auch ein Kind drin, aber so genau weiß man das ja heutzutage nicht. Trägt einen H&M Hut, so golfmäßiger Stil, alleine das ist ja schon ein Grund für eine Genickwatschn. Ausgewaschene Jeans von H&M, das war noch das Zivilste, aber dann so greisliche Laufturnschuhe und jetzt kommt das Beste: Eine olivgrüne Militärjacke mit einem Beatsteaks-Aufdruck hinten drauf, so auf verwaschen gewaschen. Ich wette, das ist so einer, der einen alten Mercedes fährt und früher mal als Werbetexter gearbeitet hat, bevor er freiwillig ein halbes Jahr Elternzeit genommen hat. Also immer vorausgesetzt, da ist wirklich ein Kind in dem Kinderwagen.

Auf dem selben Spaziergang bin ich über ein riesiges postindustrielles Gelände an der Spree gelaufen, auf dem wirklich seit dem Mauerfall nichts mehr passiert ist. Also keine Industrie, keine Lofts, keine Townhouses, keine Kreativbüros, einfach nur der nackte Verfall, wo früher die Mauer stand. Wunderschön, auf gut Deutsch gesagt. Und wie man in dem Foto unten sieht, steht da sogar noch ein Teil der Mauer herum. Ohne Touristen, ohne Museum, ohne Graffiti-„Künstler“, ohne Vernissage, ohne einweihenden Bezirksbürgermeister, einfach so. Und auf der anderen Spreeseite ist ein Friedhof und ein paar Denkmäler wegen Maueropfern. Ganz still ist es da meistens, auch keine Touristen, keine Medienbranchenmittagspausensuppenfresser, niemand, nichts. Und dann bei dem schönen Wetter heute. Ich für meinen Teil brauch da keine Alpen, wenn ich sowas sehe.

Ich bin jetzt schon ein paar Wochen 35 und ich kann mir durchaus vorstellen, dass ich in einem kleinen Garten meine Wäsche aufhänge statt dauernd in meinem Arbeitszimmer. Ich kann mir auch gut vorstellen, am Meer zu wohnen oder an einem See. Weniger gut vorstellen kann ich mir, dass die einzige Historie meines Wohnorts ist, wie lange es dort schon fließend Wasser gibt. Und auch nicht vorstellen kann ich mir, dass ich eine halbe Stunde bis zum nächsten Rewe oder Netto fahren muß und eine Stunde zum Kino brauche. Aber vielleicht bin ich einfach noch nicht alt genug fürs Langewohinbrauchen. Ich bin für alles offen, solange es eine Zentralheizung und eine Dusche gibt. Dieser Prämisse kann man ohne großen Wortbruch sicher auch im Alter treu bleiben.

Neulich, da hab ich mir ein Rührei gemacht. Vorher in Olivenöl Zwiebeln und Karotten angebraten und die ins Rührei hinein designt. Dann noch einen Parmesan gerieben und drauf geschmolzen. Dazu ein Butterbrot mit gesalzener Butter. Die Karotten werden ja so süßlich wenn man sie in der Pfanne andünstet. Ehrlich, mir ging’s so gut wegen so einer Brotzeit, so gut ging’s mir schon lange nicht mehr. Ich hab zu dem Essen dann ein bisschen „Ottoman“ von Vampire Weekend gehört. Und „On Fire“ von Sebadoh. Savoy Grand hätte sicher auch noch gepasst, aber man muss es ja wirklich nicht übertreiben.

Manchmal hat man so eine Menge Dreck, mit dem man sich beschäftigen müsste. Da könnte man denken, dass der nicht weggeht, wenn man sich nicht mit ihm beschäftigt. Aber geh einfach mal spazieren, reg dich über einen Deppen auf oder mach dir ein Rührei mit Zwiebel, Karotten und Parmesan. Glaubst du nicht, was da alles von alleine weggeht. Ich würd nur nicht gleich alles auf einmal machen, sonst hat man an den restlichen Wochentagen nur noch den Mist übrig.

17 Gedanken zu „Zentimentalkraft oder wie ich kein blöderes Wortspiel für einen Text über das süße Nichts und das bittere Alles gefunden habe, nicht zu vergessen das Rührei

  1. Du hast es gut mit Deinem Rührei; einige Idioten gucken stattdessen 5 Staffeln Lost. Wahnsinn, wie Hurley abgenommen hat.

    __
    [und mach doch bitte wieder Deinen Feed auf, Buzzle!]

  2. Seit du deine wochenlang angekündigte zweitägige Schreibpause beendet hast und wieder vor dich hinbloggst und kochst– muss ich wenigstens nix mehr schreiben. danke.

  3. Denen kann man echt nicht helfen. Da lob ich mir doch diese hirnverbrannten Sopranos-Nachzügler aus der Schlegelstraße in Berlin, die zwei Jahrhunderte nach Erschaffung von HBO dann auch mal kapiert haben, wie wichtig Meadow Soprano und ihr Paps für die Allgemeinbildung sind.

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    [hab ich nie zugemacht, aber ich schau mal, Muzzle!]

  4. Das Schlimmste an diesen Typen finde ich, dass sie ihre bedruckten T-Shirts auf links waschen. (Forschungsquelle: Waschsalonbeobachtung.)

  5. Das ist in der Tat eine mir bisher nicht bekannte schockierende Enthüllung, von der man dank dir jetzt auch sagen kann, sie basiere auf knallharten Statistiken.

  6. die schlegelstrasse ist halt auch nicht mehr dass, was sie mal war ;)

    zustimmung zu den punkrockspießern – die sind allerdings immer spießer
    gewesen, da ändert ein bischen mitte, graphik und der alte daimler nix.

  7. Zum Thema PunkrockerSpießer: aaaaaaaarrrrghhhhh: Dieses Rudel heitergelassener Arschlöcher, da möchte man nicht nur die Genickwatschn ansetzen. Diese zwanghaften Immerlockeren, Diese oberflächlichen ….nein. Stop. Ich habe mich heute schon genug aufgeregt. Auch wenn die Empörung das Salz in der Suppe meines Lebens ist, man kann die Suppe auch versalzen.
    Übrigens hatte ich gestern Abend auch Rührei, mit geröstetem Brot, und etwas Brühe, anstelle Salz. Und meine persönliche Krönung: Frühstück mit gutem Kaffee, Toast und Rührei. Und guter Musik. Überhaupt: Im Leben gibt es nur drei Dinge anzustreben: Gutes Essen, gute Musik und ein saubere Gewissen.

  8. Dr. G: isse wirklich nicht mehr. When Prenzlauer Berg is full the dead will walk the Schlegelstr. sagt ein altes kirchliches Sprichwort.

    Texto: Ich möchte anfügen: einen guten Film und ein sauberes Weibsbild. Sauber im Sinn von super. Die weiteren Aussichten in der Bundesrepublik der Mittdreissiger aber leider zwanghaft bis verkrampft.

  9. Das Foto mag ich! Die Behauptung, dass Spaziergänge an solchen Orten in Kombination mit einem sauberen, selbst gebruzzelten Essen, Dusche und Zentralheizung achtwöchige Sanatoriumsaufenthalte überflüssig machen können stimmt definitiv. Ein sicher beheimatetes Herz kann dazu auch nicht schaden. Ich fahr jetzt ans Meer :-)

  10. ja, einfache dinge erden. in diesem sinne ein schönes wochenende. ps. dann bin ich doch glatt ein paar wochen älter, du alter tiger.

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