Ein Samstag im Februar aber ohne Angst

Es ist schon merkwürdig wie furchtgetrieben unsere Gesellschaft ist. Wir machen uns mehr ins Hemd als jede unserer Vorgängergesellschaften, dabei ist zumindest ein westeuropäischer Alltag sicherer als das Amen in der Kirche. Selbst wenn jede Woche vier Flugzeuge vom CIA, äh, ich meinte arabischen Terroristen entführt werden, wäre Fliegen noch hunderte tausende Male sicherer als Autofahren. Jetzt stell dir vor, du würdest jedes Mal bevor du ins Auto einsteigst, gefilzt und geröntgt werden. Igitt und das Internet ist ja sowieso die größte Gefahrengrube. Pädophile, Raubkopierer und Pornoproduzenten. Scheckkartenhacker, Online-Versand-Nepper und ungeprüfte Teppichhändler. Lebensgefahr kann man da nur sagen. Aber das ist ja nicht alles: weil am meisten haben die Leute ja heutzutage ja Angst, dass sie nicht das bestmöglichste aus ihrem Leben machen, als da wären: Gangsterrapper, Chefkoch, Hundetrainer, Mutter von sieben Kindern, Ortsvorstand der FDP, Rockmusiker, Pornodarsteller, Bonusbanker, Buchautoren oder Blogger mit Monatsfestgehalt. Und auf jeden Fall ins Fernsehen. Ich weiß, ich hab das alles schon mal geschrieben, aber als Blogger ohne Monatsfestgehalt darf ich mich ja wiederholen wie ich grad lustig bin. Zurück zur Furchtgesellschaft: ein mitreissendes Klima, wie ich finde. Früher hatte ich weniger Angst, aber seit alle soviel Angst haben, bin ich auch ein bisschen ängstlicher geworden. Den Tod fürchte ich zum Beispiel neuerdings und ihm vorangehende Krankheiten. Das hat wohl auch mit dem Alter zu tun. Aber eins hat sich nicht geändert, egal ob ich mich früher vor einer Physikklausur gefürchtet habe oder heute vor der totalen Sinnentleerung unserer Gesellschaft: Mit drei Nachmittagsbier an einem sonnigen Samstagnachmittag ist die Furcht wie fortgeschwemmt. So mir nichts dir nichts. Saufen rentiert sich. Und wenn jemand was anderes sagt, dann lügt er oder hat Angst vorm Bier.

19 Gedanken zu „Ein Samstag im Februar aber ohne Angst

  1. so schaugts aus – ein paar helle tegernseer und ma braucht si vor nix zum fürchtn!

  2. Ein wunderbarer Artikel und flammendes Plädoyer für Nachmittagsalkoholismus.

    Aber im Ernst: ich halte die Angststeuerung unserer Gesellschafft für eines der zentralen Probleme unserer Zeit. Man stelle sich nur vor, alle (ja ALLE!) Menschen hier in Deutschland würden total angstbefreit leben! What a BLAST! Ich glaub, ich kenne persönlich so 2, oder vielleicht auch 3 Menschen, die nach unseren Maßstäben schon enorm angstfrei durch ihr Leben gehen … und wenn ich das mal auf die gesamte Gesellschaft hochskaliere! B*O*A*H! It woult be fun again!

    In diesem Sinne: Fear only fear itself

    ps — Und hier auch der Platz für Medienkritik: Ihr Scheissmedien (außer Burnster) streut doch diese Angst in die Gesellschaft!

  3. Hab mich gleich mal bei meiner portugiesischen Kollegin schlaugemacht – erster Test heute Abend.

  4. MC: Klingt nach Fips Asmussen:)

    Doc: Vorbildlich. Nachbericht dann hier in die Kommentare bitte. Obwohl ich Bayer bin, bin ich ein Ausbund an Aufgeschlossenheit gegenüber ausländischen (quasi alles nach Ulm und Kiefersfelden) Bieren.

  5. So, die ersten zwei erledigt: Das Bier braucht Sonne!
    Aber die Angst wird kleiner ;)

  6. Fly: Ich sollte einen Selbsthilfekurs anbieten. In Verbindung mit einem Deal mit einer Entzugsklinik.

    Textorama: Warum?

    Stilhäschen: Ach, auf die Weisheit wär ich gar nicht so neidisch. Die birgt ja auch immer gleich eine Riesenverantwortung gegenüber den Lesern und Mitmenschen. Aufs Bier natürlich schon.

  7. @ Burnstl.
    na, die fürchten sich doch vor nichts. Ausser, das ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Asterix… na? na? jetzt aber, fallende Groschen und so?

    oder meinet wegen auch die Normannen. die haben nicht mal das gefürchtet.

  8. ja? du meinst so im fatalistischen is-eh-ois-wurscht-sinn? weil bis es mal soweit kommt, würd ich gern freiwillig noch ein paar existenz- und todesängste abgeben.

  9. Und ich hatte fast Angst bekommen, dass ich auf der Schwarzen Liste gelandet bin.
    Ich meinte eher die Ängste, die uns vor Verletzungen bewahren. Vielleicht wäre aber „Risikobewusstsein“ der treffendere Ausdruck.

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