konzessiv / konsekutiv

Die Beastie Boys haben ein neues Album und natürlich findet’s jeder gut, Osama Bin Laden ist totgeschossen und niemand will sein Geld für Bildung zum Fenster hinauswerfen. Die Leute reden sich auf Facebook um Kopf und Kragen, aber setzen bei esoterischen Hausgeburten das Leben ihrer Familie aufs Spiel. Jörg Butt hängt noch ein Jahr bei den Bayern dran und Dimebag Darrell ist schon seit sechseinhalb Jahren tot. Gitarrensaiten gehören zu den wenigen Dingen, die in diesem Leben stabil ihren Preis halten und mein alter Ford schafft’s garantiert nicht mehr durch den TÜV, aber Sascha Lobo hält an seiner Frisur fest. Während ein Pärchen in Friedrichshain drauf wartet, dass die Polizei kommt, weil jemand ihre Wohnung ausgeräumt hat, wird die hochschwangere Frau von zwei passierenden Punks in den Bauch getreten. Es ist so schnell wärmer geworden, dass es nur wieder kälter werden kann bevor der Sommer kommt, aber meine Schwester sieht von ihrem Balkon aus die Dächer von Rom und der Biergarten in Matting gehört jetzt den Leuten, die früher das Crepés führten. Die Regierung schaltet 100.000 Spielautomaten aus, aber Jan Wigger bleibt der Superhonk unter Deutschlands Musikjournalisten. Im Kino quillt das Superheldengenre über, Black Metal ist plötzlich hip und die Leute wollen so unbedingt Teil eines Ganzen sein, dass es schon an sozialer Raserei grenzt. Der Metal Hammer berichtet immer noch von Sodom und Destruction, aber Mille von Kreator ist längst auf Facebook. Ausländische Investoren kaufen selbst die abgelegenste Kiezruine und renovieren sie unerschwinglich für die Nativen. Hass und Unverständnis zwischen Bedürftigen und Reichen, zwischen Bildungsfernen und Überbildeten florieren und eine Inflation gedeiht heimlich, während die Wirtschaft das einzige tut, was sie noch auszeichnet – sie wächst. Die Leute glauben Politikern schon lange kein Wort mehr, aber erwarten auch schon lange keine Wahrheiten mehr. Die Erdbeeren werden gut dieses Jahr, das hab ich im Gefühl, aber der Fisch ist noch von Tschernobyl verstrahlt, fiel neulich jemand auf. Die FDP ist die einzige Partei, die sich in einem Jahr in kompletter Eigenregie um 80% ihrer Stimmen gebracht hat und plötzlich hat wieder jeder Heuschnupfen. Neonazis organisieren sich, während wir hier reden, und eine Menge Leute schreiben Bücher, die nie jemand lesen wird. Hacker stehlen deinen Namen aus dem Playstation-Network, aber das interessiert dich nicht wenn du in einem Tornado in Illinois steckst. The Rock wird bei Wrestlemania 28 auf John Cena treffen und die Katze meiner Eltern sieht aus, als hätte sie nur noch ein Ohr. Es gibt wieder Spargel aus Beelitz, der das Urin zum Sieden bringt und das schöne Freibad in Lübars müsste wieder geöffnet haben. Meine Frau hat keine Lust auf Autofahren und einer, den ein anderer kennt, den ich kenne, ist neulich bei einer dieser Gerichtsshows aufgetreten. Die Anzahl der Kreisverkehre in Deutschland steigt weiter an und wir haben vergessen, wer eigentlich Ägypten regiert. Alles dreht sich schneller und manchmal vergeht die Zeit überhaupt nicht mehr. Frisch verlieben artet in der Hälfte der Fälle in Blödsinn aus, aber Nylon ist aus dem deutschen Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Hunde bleiben Idioten und scheißen immer dahin, wo man gerade aus dem Auto steigt und auf Twitter finden sich neben einer Unmenge kläglicher Komiker eine Menge guter Pointen. Nicht alles ist schlecht, aber der große brutale Wettbewerb innerhalb der Generationen vernichtet den Charakter. Die Leute hören nicht auf die Vokabel „rocken“ in einem anderen Sinn als „laut Musik machen“ zu benutzen und es gibt viel zu wenige Formate im Fernsehen, aber zu viele Leute, die angeblich fürs Fernsehen arbeiten. Urban Priol wird vom Feuilleton wegen seiner Krawallkomik unterschätzt und die Serie „The Killing“ weckt Erinnerungen an die Zeit mit Dale Cooper, Audrey Horne und verdammt gutem Kaffee in Twin Peaks. Wenn du noch keine eigene Firma gegründet hast, dann mach wenigstens ein Kind oder heirate. Die Leute verbrennen immer schneller, aber Amon Amarth geben zu, dass das mit diesem Vikinger-Metal doch nicht so ernst gemeint ist und die neue Beastie Boys ist wirklich nicht schlecht, auch wenn das jeder findet und es ungefähr so paradox wie Kriegführen ist, ein Kunstprodukt deshalb nicht zu schätzen, weil es Viele tun. Ich werde die neun Höllen entfachen wenn man mich in Ketten legt und trotzdem nie der eigenen fürchterlichen Kleinkariertheit entfliehen können. Die Leute ordnen sich allen Ernstes Religionen zu, und in der U6 wird es scheinbar nie leer.

13 comments / Add your comment below

  1. (Nicht ihr Genre, ich weiß, aber trotzdem) Hört sich an wie ein alter Del Amitri-Song: „Nothing ever happens“

  2. Magenta: Doch, doch, auch schottischer Mainstreamgitarrenpop ist mein Genre.

    „The needle returns to the start of the song and we all sing along like before“

    rezitiere ich mal aus dem Gedächtnis. Zugegebenermaßen zuletzt in meiner Studentenzeit gehört. Aber eine schöne Erinnerung.

  3. Bitte mittendrin den unterschlagenen Satz wieder einfügen: „Manche Blogger stehen auf den falschen Verein und haben auch sonst meist die falsche Fußballmeinung, aber das mit dem Schreiben, das haben sie drauf.“

  4. Stilhäschen: Schau, erstens ist meine Meinung immer genau die richtige, zweitens war ich stets dem Glubb wohlgesonnen. Aber seid mich der Norbert oiwei so gängeln tut wegen am Glubb und jetzt auch noch du anfängst, überleg ich mir das vielleicht nochmal mit der Simbadie. Ja, manche Blogger schreiben ganz gut, das stimmt.

  5. Der Biergarten von Matting ist so, wie ein Biergarten sein sollte. Vielleicht mit weniger Mücken wär nicht schlecht. Im Spätsommer abends versteht sich. Und die Maß so billig wie vor 20 Jahren. Aber eigentlich verträgt man eh‘ nicht mehr soviel wie zu Jugendzeiten.

    Wenn man PDF rückwärts liest, kommt FDP raus. Und keiner hat es bisher gemerkt.

    Abschließend zitier ich -weil’s grad überhaupt nicht passt- einen alten Nihilisten:
    „Nichts lebt, das würdig wär‘
    deiner Regungen,
    und keinen Seufzer verdient die Erde.
    Schmerz und Langeweile ist unser
    Sein und Kot die Welt
    – nichts anderes.“

  6. mq: das ist ja auch ein Service-Blog hier, mehr nicht.

    stt: Ich war ja neulich in Matting und hab mal meiner preissischn Ehefrau gezeigt, was ich unter Biergarten verstehe. Sie hat mich sofort verstanden.

    Und schönes unschönes Zitat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.