Wejen die Hitze

Ich sitze eigentlich den ganzen Tag mit zugezogenen Vorhängen vor meinem Schreibtisch und bekomme nichts von dem Wetter da draußen mit. Irgendwas sagt mir allerdings, dass es seit zwei Tagen recht heiß ist, weil ich kaum Luft bekomme. Wenn dann aus der Konzentration auch das letzte Bar entwichen ist, fange ich meistens an, Metallica-Lieder auf der Gitarre zu spielen. In letzter Zeit war das recht erfolgreich Harvester Of Sorrow aber seit gestern versuche ich mich an Nothing Else Matters und fühle mich wieder wie mit 15, als mir das erste Mal jemand einen Barré-Griff gezeigt hat. Gichtfinger Days re-visited. Dabei hab ich schon Nichtgitarristen das Ding in der Mittagspause herunterspielen sehen wie nichts. Aber wird schon mit der Zeit.

Jetzt änder ich das Thema zu Philipp Lahm. Ja, genau, der Che Guevara des modernen deutschen Fußballs. Dass er selbstzufriedenen Granden wie Rudi Völler und dem Klinsmann in den Kaffee scheißt, und das er auf moderate Weise andeutet, dass die deutsche Nationalmannschaft auch nichts anderes als eine Ansammlung von Kollegenschweinen und Duckmäusern war/ist (wie jede Firma auf der Welt), stört mich gar nicht. Und dass jemand Playstation zur Vorbereitung auf eine Europameisterschaft spielt, ist ja bei Gott nichts Verkehrtes. Ich möchte das nur nicht von Lahm hören und schon gar nicht aus einem Buch, das „er“ geschrieben hat. Bei Lahm, dessen TV-Interviews stets klingen, als hätte er sie vorher mit Roman Grill und dem Vorstand abgesprochen, hat das Aufbegehren einen berechnenden Nachgeschmack. Und Lahm wirkt ja auch nicht wirklich wie ein Rumpler vom Typ Basler oder Effenberg, der einfach seinen Mund nicht halten kann, sondern eher verdruckst und ein wenig kaltschnäuzig. Die Empörung von Leuten wie Völler, Dutt und Stanislawski wirkt auf mich allerdings nicht minder scheinheilig. Übrigens, jedes Mal wenn ich Robin Dutt sehen und hören muss, gehen mir fünf Euro ab. Ich kann’s auch nicht genau erklären, aber seit der bei Leverkusen ist, wirkt er so verkrampft, dass es mir beim Zuschauen weh tut. Der grausliche Akzent tut sein Übriges.

Jetzt habe ich schon wieder so viel über Fußball geschrieben, wo mir doch schon etliche attraktive, weibliche Leser die Gefolgschaft aufgekündigt haben, seit dieser einst pathostriefende Selbstfindungsblog sich fast ausschließlich dem Ballsport zugewendet hat. Apropos Sport: Beim Tod von Loriot ist mir übrigens wieder aufgefallen, was mich an Facebook stört. Die Leute haben sich in Sachen Grabreden und Bonmots regelrechte Wettrennen geliefert, so dass man schon eine halbe Stunde nach der Todesnachricht das Gefühl hatte, es geht selbst beim Tod eines so geachteten Humoristen dann doch nur wieder um die eigene Außendarstellung. Und obwohl ich mir quasi täglich vornehme, das Online-Leben mit einem Lächeln über mich ergehen zu lassen, muss ich zugeben, dass ich eure Urlaubs- und Kinderphotos echt nicht mehr sehen kann. Ein Abstecher zu Google Plus entspannt mich dann aber immer, weil ich von den Leuten die mich in ihren Kreisen haben nur 1% kenne. Ich könnte mich jetzt fragen, warum das so ist, aber die Wahrheit wäre sicher hässlicher als ich mir das wünsche und hat im schlimmsten Fall etwas mit PR zu tun.

Neulich war ich im Kino, als es auch abends so heiß war. Es war das Fantasy Filmfest, das Kino war überausverkauft, die Leute saßen auf den Stufen und der ganze Saal hat vor sich hingestunken wie ein Affenhaus. Da merkt man dann doch wieder, wie die Natur vom Menschen sofort Besitz ergreift, wenn er sich nicht wäscht. Das ist wie in diesem Buch „Die Welt ohne uns“, wo erklärt wird, wie in kürzester Zeit Brücken rosten und Häuser zerfallen. Das Kino ohne uns hätte ich allerdings auch bevorzugt. Gesehen habe ich „Attack The Block“, und der hat selbst bei einer solchen Orang-Utan-Hitze keinen müden Ghettowitz ausgelassen. Ich bin dann auch früher gegangen.

Was gibt’s noch Neues? Im empfehle ausdrücklich die neue Platte von Toxic Holocaust und die alte Metallica-Dokumentation „A Year And A Half In The Life Of Metallica“. Im ersten Teil geht es um die Entstehung des schwarzen Albums mit Bob Rock hinter den Reglern. Und abgesehen von der permanent miesen Stimmung im Studio und den schlechten Frisuren von Bob Rock, James Hetfield und Kirk Hammet, ist es spannend zu sehen, dass man damals offenbar noch einzelne Drumloops mit Tesafilm aneinander kleben musste, statt wie heute per Mausklick.

Neulich war in der FAZ ein gelungenes Stück Provokation, das die Berliner Gesellschaft als ein-sich-gehen lassendes-Konstrukt bezeichnet, das Einigkeit allein dadurch zeigt, dass quer durch die Schichten ein jeder was zu motzen hat und immer der Senat schuld ist, weil er nichts macht. Ich ertappe mich ja insbesondere in Verkehrs- und Mietangelegenheiten selbst beim Maulaufreissen und Parolendreschen, deshalb will ich jetzt gar nicht den großen Alphonso machen, sondern lediglich drei Sachen anmerken. Erstens: Wir Klischee-Zugezogenen mit den Hornbrillen und den Karohemden und den Kinderwagen machen einen verschwindend geringen Teil der Stadtbevölkerung aus. Die anderen sind Assis, Klugscheisser, Arschgeigen, FDP-Wähler und eine Menge netter Menschen. Es ist ein bisschen unzivilisierte Mode geworden, Berlin als Ganzes zu schmähen. Zweitens: ich vermisse meine bayerische Heimat mitunter derart, dass mir das Herz blutet, aber verbringt man dann bei Zeiten nur ein paar Tage in unserer qualligen Selbstzufriedenheit, dann hat das Heimweh auch schnell wieder ein Ende. Drittens: Der Artikel in blumig übersetzt, bedeutet: Hier in Berlin nimmt und fordert jeder von der Stadt, gibt der Stadt aber keine Liebe zurück. Und damit meine ich nicht zur Hertha gehen.

Und sonst? Jobs geht. Gaddafi geht. Oenning geht. Halt, so weit ist es noch gar nicht und ausserdem schon wieder Fußball. Sollte es wirklich noch engagierter Nichtfußball-Leser geben, sie mögen mich bitte wissen lassen, worüber sie gerne lesen würden. Tatort und mein Familienleben ausgenommen, bitte. Ich krieg schon wieder keine Luft wejen die Hitze. Nothing Else Matters, dritte Lektion.

13 Gedanken zu „Wejen die Hitze

  1. Die Berlinsachen hab ich immer gern gelesen. Wie die Sache mit den Handyfotos, so städtische Beobachtungen einfach.

  2. Na, ist doch Ihr Blog, da können Sie doch schreiben, was Ihnen in den Sinn kommt. Ich les übrigens auch immer die Fußball-Sachen, obwohl ich null Ahnung von Fußball habe. Ist unterhaltsam und man wird nicht dummer davon. Und wo wir grad bei Metallica sind: Manchmal, wenn ich mich ein bisschen schwurbelig fühle, gucke ich „Some Kind of Monster“, denke „Achje, was für Muschis“ und fühle mich gleich weniger schwurbelig.

  3. Purp: Ich hab’s auch gern geschrieben, aber irgendwann hatte ich das Gefüh, dass zu dem Thema alles gesagt ist. Jetzt könnt ich noch über die BVG, den Verkehr oder die Mieten schimpfen wie alle anderen, aber das muss ja nicht sein.

    Magenta: Aber mutig, wie sie sich als Muschis zeigen lassen, oder? Niemand kommt bei dem Film gut weg. Am wenigsten Dave Mustaine:)

  4. Also ich für meinen Teil bin ja irgendwie auch nicht so wirklich Fußball. Dass ich die Ballsportberichterstattung trotzdem so gern lese, liegt (natürlich) zum einen am Glubb. Und zum anderen daran, dass sich dann immer so schöne Saubua-Topoi finden, wie beispielsweise das Dutt-Bashing. Das mag ich schon sehr. Gleichwohl ich nach der pathostriefenden Selbstfindung immer wieder mal zeitlang hab und dann halt auch bei dir praktisch nix mehr finde. Ich glaub, es liegt halt auch a bisserl daran, dass uns nimmer das Herz rausgerissen wird. Was waren das noch für Zeiten, wo einem eine Frau sowas von durchs Gekröse gerast ist, dass die Sätze nur so rausgesprungen sind aus diesem blutigen und scheißeversauten und verheulten kleinen Dasein. Aber macht einen ja auf Dauer auch kaputt. Und selbst zu solchen Trotteln wie uns kommt halt irgendwann eine, der wir nicht zu blöd sind. Und wenn wir ihr doch zu blöd werden, kommt halt eine andere. Und irgendwann noch eine andere, und die bleibt dann einfach. Das lenkt natürlich blogmäßig sauber ab. Deswegen hab ich drüben bei mir absolut nix mehr zu erzählen. Weil immer nur schimpfen macht das Karma ja auch nicht besser. Und irgendwann findest du dich halt damit ab, dass der Schwester Gliedo ein blödes Arschloch ist und machst dafür halt nicht noch einen Beitrag.

    Aber über einen Schweinsbraten könntest mal wieder schreiben. Und bittschön sag jetzt nicht, dass du Vegetarier geworden bist.

  5. naaaa gut – dann sag ich’s. wie wärs mal mit etwas, das dich freut?
    wär ein guter ausgleich für die fussballlaberflashs. du hast gefragt.

  6. Rationalstürmer: Dem ist ja wenig hinzuzufügen, ausser dass ich natürlich kein Vegetarier bin, du Knallschote und dass drüben bei der SZ der Prantl jetzt für den Gliedo in die Bresche springt. Und das muss ja nun wirklich nicht sein. http://www.sueddeutsche.de/politik/kritik-an-guido-westerwelle-gebuh-und-gelaechter-fuer-den-grossen-staatsschauspieler-1.1136019

    Diana: Hmm, der Positivismus war ja noch nie meine starke Seite. Und freuen tut mich zum Beispiel ganz arg meine Familie und die geht ja niemanden was an. Und als ich noch alleine (oder in wechselnder Teilzeitbegleitung) war, musste ich auf niemanden Rücksicht nehmen. Wenn ich doof da stand, dann stand nur ich doof da. Jetzt könnte ja auch meine Frau doof dastehen, weil sie so einen doofen Mann geheiratet hat;)

  7. Auch wenn mir der HSV wurscht ist, war nach dem Spiel gestern doch klar, dass der Oenning geht. Und dann schreibt der Kicker heute >sowas. Apropos. Wurscht ist mir auch, über was du schreibst. Mir kommt es hauptsächlich darauf an, wie du schreibst – und dass du schreibst.

  8. Das ist wie die Rückendeckung vom Heribert Prantl für Guido Westerwelle bei der SZ. Und dass es dir wurscht ist, ist ja ein feines Kompliment. Die schönsten Komplimente kommen ja von Leuten, die man für durchaus kompetent genug hält, einem ein valides Kompliment zu machen.

  9. Ist nicht das schwarze Album die letzte gerade noch so hörbare Platte von denen?

  10. Muss man leider so sagen, obwohl ich mir jedes Album danach selbst Jahre später noch anhöre, in der Hoffnung, einen positiven Aspekt überhört zu haben. Aber Load und Reload waren bis auf vier Songs uninspiriertes amerikanisches Rock-Radio, St. Anger war bis auf zwei Songs einfach nur nervig, langweilig und schlecht komponiert und die Death Magnetic ist so erzwungen progressiv und auf Wiedergutmachung aus, dass sie einen stresst.

  11. Genau meine Meinung! Die „Justice…“ ist deren Meisterplatte, leider viel zu unterbewertet. Allein die Gitarrenarbeit mit diesen herrlichen Riffs. Das entschädigt den nichtvorhandenen Bass allemal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.