Dreieinhalb Minuten

Being but men, we walked into the trees
Afraid, letting our syllables be soft
For fear of waking the rooks,
For fear of coming
Noiselessly into a world of wings and cries.
(Dylan Thomas)

Weißt du, wenn ich heute das Lied höre, kann ich mich nicht mehr an die Vernichtungen erinnern, die es mit sich geführt hat. Die schwarzen Assoziationen sind weg, der Zustand vom Ende ist ausgelöscht, die Tödlichkeit des Texts hat sich in einzelne Buchstaben aufgelöst. Es bedeutet nichts. Es nur ein Lied mit einem Text. Ein bisschen trist die Strophe, der Refrain ein Poppunk wie aus dem Lehrbuch und der Text, na gut, der Text ist von der finstersten Sorte. Aber heute bedeutet er nichts.


(Objekt: Joe Coleman, Bild: von mir)

Aber das ist gelogen, musst du wissen. Natürlich ist alles noch da, die Herrschsucht, die Abhängigkeit, das Blut und die abgehackten Finger. Man kann das alles zurückholen, wenn man den rostigen Haken auswirft und den Sarg aus der See der Zeit hebt. Wenn man die Jahre aus der brackigen Flut hochholt. Mann schaut noch einmal hinein in sie. Wie in einen Glaskasten im Museum. Und obwohl ein Sicherheitsglas drum herum ist, kann man sich noch fürchten vor der Mumie, die da vor einem verfault und doch nicht verrottet.

Weißt du, die Fäulnis von gestern ist eh ein Kuriosum. Die leichten Untiefen des autobiografischen Fahrwassers sind schon im letzten Jahrzehnt zu Marianengräben geworden, die Türme der Unmöglichkeiten himmelhoch, aber auch das seemännische Geschick größer. Stürmchen waren das doch damals, denkst du, aber dann denkst du auch, komisch, wie du jahrelang am absaufen warst, wie das nur sein kann. Dass ganze Jahre so im Treibsand stecken? Jahre, in den man Firmen und Familien gründet oder wenigstens drogenabhängig wird oder in Ausland geht. Stattdessen jahrelang dieses Gehämmer auf dem eigenen Sarg. Ein Nagel nach dem anderen, ssssscht, schon wieder einer im Holz. Wie das gesplittert hat, die ganze Zeit. Und trotz der herumfliegenden Splitter die Augen weit aufgerissen. Natürlich schon damals trotz der Schmerzmittel und dem Schnaps die Klarheit, dass es nicht nur an den anderen liegt. Dass es nicht nur an den Mädchen liegt. Dass da ein Fieber wütet, das bitte, bitte, bitte nur ein Reinigungsprozess der Seele sein soll. Weil andernfalls eine echte Krankheit vorläge.

Weiß du, man neigt ja dazu, solche Umstände, solche Organspendeorgien zu vergessen, zu verharmlosen, als Flausen der verspäteten Jugend abzutun. Weil man die seelischen Kleingreuel nicht schildern kann und nicht schildern will, ohne wie ein kompletter Fantast dazustehen. Jetzt ist doch die Zeit der echten Probleme, jetzt ist die Zeit, die einen als echten Erwachsenen ausweist. Du weißt nicht, was echte Probleme sind, haben die Eltern zu dir in der Pubertät gesagt, und du hast geahnt, dass sie recht haben und dass sie dich gleichzeitig anlügen wie gedruckt. Die alten Zerreissungen sind ein Teil, ein gravierender Teil, vielleicht der gravierendste Teil und vielleicht kommen sie wieder. Bloß nicht ausweisen darf man sie – aus dem gesundeten neuen Inland. Ich sage: Fenster zu, Grüfte auf, die Verwesung nochmal per Lungenzug, eine Nase voll Asche schnupfen, einen ganzen Kreis drehen. 360 verschissene Grad. In einem Lied, in lächerlichen dreieinhalb Minuten nochmal die Welt erzittern lassen.

5 comments / Add your comment below

  1. ….bittersüsse erinnerungen an vergangene leiden. alles wird reibungsloser, je älter wir werden. nicht das ich genau wüsst, was DU meinst – aber ich denk mir manchmal: dont forget to get in trouble. nichts existezielles, aber ein bisschen reibung und provokation bringt aufregung ins fahrwasser. und irgendwie macht es ja spass, wieder kapitän zu sein

  2. diana: Klingt so, als wüsstest DU ganz genau, was ICH meine. Und tatsächlich meine ich eine Menge Dinge gleichzeitig, denen gemeinsam ist, dass man so ein bisschen den biografischen Faden verliert. Sich daran zu erinnern schützt vor allzu großer Selbstherrlichkeit in den eigenen vier Biedermeierwänden.

  3. haha-  hast recht, falsche betonung. ICH wollte es nur vorher anders formulieren und vergessen es zu ändern. spiesser ;)

  4. und es geht um musik. ach, eigentlich ständ dein text besser ohne mein kommentar MIT falscher betonung. ich wollte es vorher anders formulieren und vergessen, es zu ändern. spiesser ;)

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