Bergen

Und dann kurz in Bergen, Norwegen gewesen. Und gleich erste Enttäuschung am Flughafen: Sonne scheint. Na ja, was heißt scheint, aber sie ist irgendwo hinter den Wolken und es regnet nicht. Und das, obwohl man sagt, dass es in Bergen quasi keinen Tag ohne Regen gibt. Man hat dort sogar ein Wort für Nichtregenwetter erfunden, das ist so selten in Gebrauch wie bei uns im Haushalt das Wort „Geldregen“.

Ich muss dazu sagen, dass ich mir nichts anderes als das finsterste Szenario von Bergen erwartet habe, schließlich kenne ich die Stadt ausschließlich aus meiner Recherche über Norwegischen Black Metal. Und spätestens ab 14:30, wenn es langsam dunkel wird und die Wolken sich wie ein Heer über dem kleinen Flecken Zivilisation zwischen dem ganzen Gefjorde zusammenballen, kommt einem die Idee, dass die jungen Leute trotz oder gerade wegen der blitzsauberen Holzhausidylle und der allgemeinen Weltkulturerbe-Behäbigkeit auf dumme Gedanken kommen könnten, nicht mehr so abwegig vor. Warum Bergen Bergen heisst, ist nicht ausschließlich von einem promovierten Ethymologen aufzuklären. Die Stadt ist quasi eingekerkert von Bergen, und da wo die Berge nicht sein können, machen sie gemeinsame Sache mit dem Wasser. Man kann also nicht auf natürlichem Wege in oder aus der Stadt hinauswandern. Tunnel, Flugzeug oder Boot sind nötig, um diese allumfassende Natursperrung zu „umgehen“.

Ich wohne im Bed & Breakfast einer älteren Frau mit türkisen Haarsträhnen, deren Holzhaus angeblich fünf Stockwerke umfasst (ich durfte nie höher als in den Ersten) und bis zur Decke vollgestopft mit esoterischem Nippes ist. Sie ist Drehbuchautorin, sagt sie, und ab sieben lallt sie immer ein bisschen. Aber sie ist nett und wir reden ein bisschen über Attentate und Kirchenbrände.

Am Samstag abend gehe ich aus und hole mir vorher einen Kebab für zirka sechs Euro, der mir den restlichen Abend immer wieder schmerzlich in Erinnerung gerufen wird, da ich alle zwei Minuten von der Kräutersoße aufstoßen muss. Ich gehe in die bekannte Rockerkneipe Garage, weil ich hoffe, einen bekannten Black Metaller wie Gaahl oder Fenriz zu sehen. Das wäre für mich sowas wie ein Prominenter. Nicht nur so ein Allerweltsgesicht wie Benno Führmann oder Detlef D. Soost, bei denen man sich mittlerweile schon Mühe geben muss, sie nicht zu treffen. Aber es ist kein Black Metaller da. Dafür eine Folkband. Ein Mädchen mit einer Motorradlederjacke und einem wildem Blick nimmt mich in ihre Gruppe auf und wir gehen fünf Minuten zu einem anderen Konzert. Dauernd entschuldigen sich alle, weil es so lange dauert. Sorry, das ist so weit weg, sagt das Mädchen mit dem wilden Blick, die eine Ausbildung zur Köchin macht, dabei sind wir längst da. Sie kommt vom Fjord, da ist es saulangweilig, sagt sie. Hier in Bergen kann sie kochen, zuhause gibt es keine Restaurants. Sie möchte mehr Chemie in ihre Küche bringen, sagt sie, aber vielleicht verstehe ich das falsch.

Der Club befindet sich in einer Höhle und heißt folgerichtig hulen. Die erste Band spielt progressiven Power Metal mit Black-Metal-Einflüssen und einem Keyboard. Sie heisst Like Rats From A Sinking Ship. Danach die ziemlich wuchtigen Wolves Like Us und am Ende noch Blood Commmand, bei denen das Kochmädchen dann vollends ausrastet und ohne Schuhe in einen Männermoshpit hineinspringt. Irgendwann habe ich kein Geld mehr, was kein Wunder ist, bei den Fassbierpreisen. In Bergen ist alles vier Euro teurer als bei uns. Aber nur bei den Preisen unter zehn Euro. Über zehn Euro gehts exponentiell nach oben mit der Differenz. Ich habe mir das auch unnötig kompliziert gemacht, ich hätte mir auch einfach den Umrechnungskurs merken können. Aber irgendwann hab eh nichts mehr umgerechnet, weil du wirst ja wahnsinnig, wenn du ständig alles ins Teure umrechnest. Da bräuchtest du ja nochmal einen extra Urlaub nach dem Urlaub, in dem du dich vom Geldausgeben erholst. Und der würde ja dann wieder was kosten…, lassen wir das.

Wobei es ja auch kein reiner Urlaub war. Zu Recherchezwecken war ich unter anderem bei der Stabkirche in Fantoft, die von Black-Metal-Impresarios in den Neunzigern komplett abgebrannt wurde. Ich hab die Bilder aus den Dokus deutlich vor Augen, als ich mich unter dem versammelten Wolkenheer den schuppigen Drachenköpfen nähere. Dass die Black-Metal-Leute, die ja ausgesprochene Heiden sind, ausgerechnet die heidnischste aller christlichen Kirche angezündet haben, klingt zunächst skurril. Aber wie man hört, erst recht deswegen. Weil das früher mal ein friedlicher Ort der Naturreligion war, wo man ungestört ein Blutopfer an Odin und Konsorten bringen konnte, bis der Christ an sich und seine ganzen Hausmeisterregeln über Skandinavien hereinbrachen. Man muss auch zugeben, dass der Norweger nicht explizit nach dem Christentum gefragt hat, das hat ihm der Olaf der Erste quasi mit spitzer Klinge untergejubelt.

Am Sonntag hat es dann endlich in Strömen geregnet und zwar den ganzen Tag. Dazu noch ein Nebel, der fast mit Händen zu greifen war. Auf der Straße dennoch alles andere als lange Gesichter. Der Bergenser an sich ist kein aufgeregter Typ, aber auch kein unterkühlter. Wenn du jemand auf Englisch was fragst, bekommst du meistens eine präzise und freundliche Antwort. Millionenfach freundlicher als der erstbeste Mensch mit dem ich zurück in Berlin reden musste. Der Wurstverkäufer am Flughafen, der sich absichtlich soviel Zeit beim Geldwechseln ließ, dass ich fast den Zug verpasst hätte. Und dabei hat es in Berlin nicht den ganzen Tag geregnet.