Irgendwann muss ein jeder heim

HEUTE zeigen Markus Kavka und ich im Grünen Salon in Berlin die Serie „Irgendwie und Sowieso“ von Franz Xaver Bogner mit Elmar Wepper, Robert Giggenbach, Ottfried Fischer, Olivia Pascal, Hannelore Elsner, Bruno Jonas, Karl Merkatz, Barbara Rudnik, Michaela May, Sigfried Rauch u.a.

Warum machen wir das? Erstens, weil uns der Gernsehclub dazu eingeladen hat, zweitens weil wir uns bei aller Liebe zur preussischen Großstadt hin und wieder erinnern müssen, wo wir herkommen. Das ist wie ein Zwang.


(Bild vom Bayerischen Rundfunk)

Ich muss zugeben, dass ich mir zur Vorbereitung jüngst alle Folgen schnell noch mal hineingepfiffen habe. Auch wenn ich die Serie bereits dreimal gesehen habe, war zu meiner Studentenzeit das letzte Mal und das ist dann ja ein paar Monate her. Ich war immer ein aufrichtiger Bewunderer der Reihe, hab sie aber qualitativ stets unter den regionalistischen Dietl-Dauerbrennern wie Monaco Franze, Kir Royal oder Münchner Geschichten eingeordnet. Zu Unrecht, denn sie ist einfach nur weniger sardonisch und vielleicht ein klein wenig naiver, was den Blickwinkel angeht. Aber genau das macht sie aus.

Wie sich’s für eine Serie gehört, fing ich vor ein paar Wochen mit der ersten Folge an und auch wenn ich dem Autor und Regisseur Franz X. Bogner schon ab dem Pilot ein sagenhaftes Gespür für Timing und wahrhafte Dialoge bescheinige, hielt ich die erste Folge für ein bisschen zu aufgedreht, zu plakativ und auf zu lässig getrimmt, mit vielen One-Linern, über die ich heute nicht mehr in dem Maße lachen kann wie in meiner Gymnasialzeit. Doch schon ab Folge 2 begreift man Folge 1 lediglich als eine Präambel zur einer Geschichte übers Älterwerden und dem Aufflammen eines inhärenten Abschiedsschmerz, den Auftakt vom Ende der Jugend auf dem Dorf, scheißegal ob in den 68ern oder jetzt. Genau genommen hab ich der Serie die Hippie-Zeit auch in der Ausstattung nie so ganz abgenommen, andererseits ist das vielleicht die Crux, dass selbst 1968 dasselbe bornierte Treiben auf dem Dorf geherrscht hat wie in meiner Jugend zwanzig Jahre später und man das Jahrzehnt noch nicht einmal an der Mode wiedererkennt. Aber immerhin an den Autos.

Zurück zur Serie: Sobald sich die Aufregung um den Sir ab Folge 3 ein wenig gelegt hat, entwickelt die Serie einen fast furchterregenden emotionalen Sog um die Beziehungen seiner Hauptdarsteller, wie man ihn heutzutage in keiner deutschen Serie mehr findet. Dass neben der Beziehungsagonie der Darsteller der Humor, die Musik (u.a. die vom Haindling) und die Autos nicht zu kurz kommen, ist einem feinsinnigen Balanceakt von Bogners Drehbuch geschuldet. Und den hat er in der Perfektion höchstens noch in der „Freiheit“ hinbekommen.

Die oft zitierte und nie wieder erreichte schauspielerische Leistung von Ottfried Fischer als „Sir Quickly“ ist nicht die einzig bemerkenswerte. Auch Elmar Wepper (das ist der Unblöde von beiden Weppers), Robert Giggenbach und allen voran Toni Berger als Holzmagnat Binser geben hier Bestleistungen ab. Man merkt tatsächlich, dass jeder aus dem Nähkästchen spielt, sogar die gespreizte Hannelore Elsner bringt ab Mitte der Serie ein paar Brocken Bairisch heraus, denen man ihre Heimat, das oberbayerische Burghausen, noch anhört. Ich weiß nicht genau, wo ich Olivia Pascals Schaffen in diesem Kontext einordnen soll, denn sie spielt die größte Z’widerwurzn der bayerischen Fernsehgeschichte und schon allein vom Zuschauen treibt sie einen in den Wahnsinn, da kann einem der Sir wirklich nur leid tun. Zehrt sie nicht allzuviel von ihrer hauseigenen Z’widerkeit, muss man auch ihr ein Riesenkompliment machen. Aber vielleicht auch so.

Am Ende steht aber niemand so für das Ende einer Epoche, für die Fin-De-Siecle-Stimmung (inmitten des Jahrhunderts) wie der Binser und das Ende seines Holzimperiums. Ein Kriegsgewinnler, ein Vorläufer des bajuwarischen Homo Amigous, ein Alleinherrscher und bedingungsloser Machtmensch, wie man ihn selbst heute noch in freier Wildbahn hin und wieder sichtet, der in einer Art Spätpubertät erkennt, dass weder das viele Geld noch die Unterwürfigkeit eines halben Landkreises viel taugt, wenn man zu faustisch dafür gelebt hat. Auch wenn er noch in den alten Manierismen eines Großkopferten gefangen ist, ahnt der Binser als Erstes aus der Clique, dass am Ende von allem Entwicklungen nur die Freundschaften und die Erinnerungen daran übrig bleiben. Und so erinnert die Serie nicht nur den des Bairischen Mächtigen an eine Tatsache, die selbst der cleverste Geschäftsmann nicht hinweg wirtschaften kann: „Irgendwann muass a jeda moi hoamgeh – ganz egal wo des dann is.“

6 Gedanken zu „Irgendwann muss ein jeder heim

  1. Geliebt habe ich – obwohl ausgewiesener Nicht-Bayer – diese Serie immer. Mag daran liegen, dass Jugend auf dem Land vermutlich unabhängig vom Dialekt (den man ja auch nie so ganz los wird) überall ziemlich ähnlich ist. Frage mich allerdings, wie ich sie heute finden würde – sollte ich mir vielleicht noch mal anschauen, als soziologische Feldstudie twenty years later.

  2. Das hab ich mich auch gefragt, Magenta, und habe eben im ersten Moment gedacht, es ist mir zu nostalgisch und zu fixiert auf lokalkolorierten Humor, aber mit jeder weiteren Folge ist mir die Allgemeingültigkeit und die erzählerische Tiefe wieder bewusst geworden. Das war jetzt geschwollen ausgedrückt für: Richtig taugt hat’s mir wieder.

  3. Nett wars, Danke für einen vergnügten Abend im grünen Salon. Auch dem Preißn der mit dabei war hat es gut gefallen.

  4. Leo: Freut mich, freut mich. Und wenn selbst der Preuß lacht, dann beweist das nicht nur die Allgemeingültigkeit bairischer Komik, sondern auch dass unser Dialekt dem Chinesischen doch nicht so nah ist, wie manche vermuten. Ein Vorurteil weniger.

  5. Pingback: Lesesachen KW 49+50 | Patsch / Bella / Blog

  6. Kinderheitserinnerungen kommet… Klasse fand ich die Serie auch. Es wäre zu überlegen, mal einen Abend zu veranstalten und einige der Folgen mit Freunden anzusehen …

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