Mandels Büro: Frankfurt

So, Compadres. Ab heute gibt’s das Buch ja auch in jeder dahergelaufenen Buchhandlung, und deshalb hab ich hier mal eine Art Bonustrack ausgegraben. Eine kurze Kurzgeschichte mit den Kollegen Mandel und Singer, die in einer fernen Stadt jenseits unserer medialen Wahrnehmung spielt. Mit besten Grüßen an meinen Blogsozius Markus Quint.

FRANKFURT

„Muchas Gracias“, sagte der Mandel zu dem italienischen Eismann und man wusste nicht, ob er sich jetzt einen Spaß machte, oder ob es ihm wurscht war. Ich tippte auf Letzteres. Ich persönlich würde ja in der Nähe vom Frankfurter Hauptbahnhof überhaupt kein Eis probieren, aber das kommt wahrscheinlich nur daher, weil ich mal schlechte Erfahrungen mit dem Hauptbahnhof gemacht habe. Die hatten nicht zwingend mit Speiseeis zu tun, aber danach hat ein bisschen Eis ganz gut getan. Der Mandel und ich waren von der Freundin einer Ex-Freundin vom Mandel angerufen worden, die kürzlich nach Frankfurt gezogen war. Nicht freiwillig, das ist klar. Da waren Kinder und der Beruf des Ehemannes im Spiel. Höhere Gewalt, wenn man die Frau entschuldigen will.

Am ersten Abend unserer Recherche hatte sie uns Zugang zu dieser Veranstaltung verschafft, die im Zuge der Automobilausstellung stattfand. Auf der Party sah der Mandel diesen Ski-Langläufer, den ich nicht kannte. Bei ihm stand eine Nachrichtensprecherin, die ich schon kannte.
„Die sieht aber alt aus ohne Fernseher“, sagte ich.
„Du siehst auch alt aus ohne Fernseher“, sagte der Mandel.
„Ich bin ja auch nie im Fernseher. Also gibt es überhaupt keinen Vergleich“, sagte ich.
„Ja, ja“, sagte der Mandel.

Sonst sahen wir keine bekannten Gesichter, ausser natürlich den Kapp, aber wegen dem waren wir ja schließlich auch hier. Es wäre also bedenklich gewesen, wenn wir den Kapp nicht gesehen hätten. Irgendwann gegen elf ging der Kapp.
„Los geht’s“, sagte der Mandel.
„Ich kann nicht fahren, ich bin total stoned“, sagte ich.
„Wieso bist du stoned?“, fragte der Mandel.
„Ich hab im Hotel Einen geraucht. Während du in der Dusche warst.“
„Dann bist du ja auch stoned gekommen“, sagte der Mandel und er hatte nicht Unrecht, denn ich war ja gefahren, weil der Mandel sich an der Hotelbar schon einen Beefeater Tonic erlaubt hatte.
„Ich bin jetzt aber noch mehr stoned als vorher. Jetzt hat sich das Gras erst so richtig in meinem Kopf ausgebreitet.“
„Und ich bin rabenvoll“, sagte der Mandel.
„Rabenvoll? Das Wort gibt es nicht“, sagte ich.
„Besoffen. Sturzbetrunken“, sagte der Mandel.
„So wirkst du aber gar nicht“, sagte ich. Wohlwissend, dass der Mandel nie so wirkte, selbst wenn er rabenvoll war.

„Fahr jetzt, Sigi“, sagte der Mandel mit einer Dringlichkeit, die mich jeden Widerspruch unter zu-viel-Stress abheften ließ.
Innerhalb von Sekunden hatten wir den Kapp verloren und ich irrte ziellos durch die leere Innenstadt.
„Das ist eine Einbahnstraße, Sigi“, sagte der Mandel.
„Oh“, sagte ich.
„Ich kann nicht mehr. Lass uns ins Hotel fahren“, sagte ich zwei Minuten später.
„Bitte, wenn du schon aufgeben willst. Dann kannst du aber der Karin Wegert sagen, dass die Spesen vom ersten Abend gleich in den Sand gesetzt wurden.“
„Was willst du denn jetzt machen? Willst du den Kapp jetzt nach dem Zufallsprinzip finden? Vielleicht ist er auch einfach nach Hause gefahren“, sagte ich.
„Der Kapp ist keiner, der einfach nach Hause fährt. Das sieht man doch, wenn man ihn anschaut.“
„Die Leute hier ticken doch ganz anders. Wenn ich jemand aus Frankfurt anschaue, dann weiß ich doch nicht, wo er hinfährt“, sagte ich.
„Frankfurt ist eine Stadt wie jede andere auch. Wenn jemand dringend noch wo hin will, dann sieht man ihm das auch in Frankfurt an“, sagte der Mandel.

5 comments / Add your comment below

  1. Überhaupt soll der Umgangston recht frostig sein. Allerdings muss ich gestehen, dass ich seit 10 Jahren nicht mehr in Frankfurt war. Was hat sich denn verändert? Hat sich was verändert?

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