Brennerpass: Champions League Finale 2012

Bayern München – FC Chelsea i.E. 3:4

Also, an mir hat’s nicht gelegen. Ich bin früh aufgestanden, hab die neue Hot Water Music aufgedreht und laut mit Chuck Ragan geschrien „We are here and time is relevant“. Ich habe meine Erkältung mit Ibuprofen eingedämmt und bin auf dem Alexanderplatz als einziger Idiot mit einem Bayern-Trikot herumgelaufen. Ich habe mir den Champions-League-Ball gekauft hab damit im Park gekickt. Ich habe wie sich’s gehört auf dem Balkon gegrillt und Whiskey und Bier zum Spiel getrunken. An mir hat’s wirklich nicht gelegen.

Nach dem Spiel, als die große Leere begann einzusetzen, habe ich die Mannschaft in Tweets und SMS verteidigt. Weil sie mit Herz gespielt hat und ich ihr diese Blutleere ja zuletzt vorgeworfen habe. Ich glaube auch einen Tag später noch, dass sie ihr Bestes gegeben hat. Aber wie ich schon zu Beginn der Saison in der Ligakolumne angemerkt habe, ist die Chancenverwertung und die unflexible Offensive ein Problem, und das hat sich bis gestern Abend nicht geändert. Ich mag Heynckes, aber ich bin nicht zu hundert Prozent überzeugt, ob er genügend Rattenfängergen besitzt für ein Ego-Ensemble wie den FC Bayern. Wenn er der richtige Trainer sein sollte, dann ist zumindest die Mannschaft die falsche für die großen Erfolge. Denn mit Verlaub, auch wenn Bayern gestern verdient gewonnen hätten, das Karma dazu hatten sie in meinen Augen weder gestern noch die ganze Saison über – ich hatte die erneute Titellosigkeit fast erwartet.

Trotzdem ein Kompliment an die Spieler gestern, bis auf Gomez und Robben (der allerdings auch nicht schlecht war), haben alle eine Riesenpartie abgeliefert, vor allem die Behelfsabwehr aus Contento und Tymoshtschuk. Ich bin ja immer ein Verteidiger von Robben gewesen und ich habe auch nichts gegen ihn, aber man liest und hört immer wieder zwischen den Zeilen, dass ihm das Standing innerhalb der Mannschaft fehlt und er kann das spielerisch auch gerade nicht wettmachen. Ich glaube, dass die Vertragsverlängerung sich noch als problematisch herausstellen wird, hoffe aber, dass ich mich täusche.

Was Chelsea betrifft, habe ich mich das ganze Spiel über nur gefragt, warum die so beschissen spielen. Eine elaboriertere oder kompetentere Meinung hab ich letztlich nicht dazu. Wahrscheinlich haben sie tatsächlich gut verteidigt, oder es muss etwas Faustisches vor sich gegangen sein, bei dieser naiven Zuversicht über 120 Minuten.

Ich hab jetzt erstmal die Schnauze voll vom Fußball. Die Begeisterung kommt mit der EM zurück, das ist nicht so schwer vorherzusagen wie, dass Manuel Neuer gestern der beste Elfmeterschütze war.

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  1. Als ich heute Bilder vom Bankett gesehen hab, kamen mir fast eine Träne hoch… man war das ein bitterer Abend gestern!

  2. Also, da geb‘ ich Dir vollkommen recht, das Dilemma bei den Bayern ist, das hat man gestern sehr deutlich gesehen, der finale Pass bzw. die Unflexibilität im Sturm. Wenn der Gegner, wie beim Handball, rund um den Kreis bzw. Strafraum verteidigt, fehlt im Spielaufbau die letzte zündende Idee. Deutlich wurde dies auch durch die unzähligen Schussversuche aus zwanzig Metern, die eigentlich alle schon im Ansatz abgeblockt wurden. Und wenn ich zwanzig Ecken habe, muss ich doch irgendwann mal merken, dass hoch um den Fünfer nix läuft. Und hat man dann eine Chance, muss man sie auch nutzen und nicht den Marienplatz anvisieren (s. Müller und Gomez).
    Individuelle Klasse, mit der die Bayern auftrumpfen wollen, reicht heute nicht mehr aus – der BVB ist ein guter Beleg dafür. Beweglich, laufstark, teamfähig, belastbar, die heutigen Schlüsselkriterien neben der Technik, wer hat sie? Ganz vorne Lahm, dann Alaba, Luiz Gustavo, Kroos und vielleicht noch Gomez – und dann?

    Und nicht zu vergessen, der potenzielle Explosionsherd in der Mannschaft. Ich verstehe weder die Vereinsführung, noch Robben, dass sie alles nach dem Hieb von Ribery so gelassen haben, wie es ist. Im normalen Leben eine fristlose Entlassung – und Robben hat nicht die Cohones, hier persönlich die Reissleine zu ziehen.

    Und durch die (deutschen) Bayern wird der Kern der Nationalmannschaft rekrutiert, die uns den Eurotitel bringen soll – ein Selbstläufer ;-) wird das nicht.

  3. Juri: Ich hab nochmals das Bild von Uli Hoeneß und seiner Frau gegoogelt. Liebe in den Zeiten der Cholera.

    blogspargel: Alles nochmals super auf den Punkt gebracht. Das mit Ribery ist kurios, darüber denke ich auch die ganze Zeit nach. Dass man Fußballer nach solchen Entgleisungen nicht entlässt, ist ja klar und auch sinnvoll – das ist ja auch ein brutaler Sport in jeder Hinsicht. Dass man ihm aber weder im Verein, noch in der Öffentlichkeit einen Vorwurf macht und sich der ganze Frust eher auf Robben konzentriert, ist erstaunlich. Mir geht’s ja nicht anders, ich verzeih dem Ribery ja auch alles. Wahrscheinlich, weil er so mit Leib und Seele für den Verein rennt und brennt.

  4. Bis vielleicht 20 Minuten vor Schluss hat sich das ganze Spiel für mich wie ein einziger Elfmeter angefühlt, den Bayern seit 70 Minuten verschiesst.

    Unfassbar unverdient. Wäre ich Chelsea-Fan, ich würde mich schämen, und ganz sicher nicht jubeln.

  5. Hennes IX: Guter, passender Spruch. Ich hab die ganze Zeit gedacht: Fuck, hier baut sich minütlich mehr Potenzial für eine Riesentragödie auf. Dass es aber dann gleich so dicke kommt, hätte ich nicht gedacht.

  6. Ungefähr ab der zehnten Minute hat mich meine Frau damit genervt, dass Drogba ein Tor machen wird…

  7. leere trifft das gefühl dass man danach hatte sehr gut.
    der traum war ein luftballon der sich nach dem madrid rückspiel kontinuierlich aufblies. gestern platzte er!

  8. Ich kann mir solche Spiele nicht mehr anschauen, weil ich sonst irgendwann ein Herzkasperl krieg. Bestimmt gibt es irgendwo eine Statistik, die belegt, daß deutsche Fußballmannschaften in der Regel beim Elfmeterschießen gewinnen. Tja Bayern ist halt hier die unrühmliche Ausnahme. 3 mal 2.ter: wahrscheinlich hat ein Schelm dem Heynckes eine Ballack-Handpuppe in den Kulturbeutel geschmuggelt!

  9. Jojoboi: Wobei die Bayern in der Champions League ja tatsächlich super gespielt haben. So hätte man locker auch Barcelona begegnen (ich sage nicht: gewinnen) können.

    stt: Am Ende klingt die 3×2-Bilanz nicht schön für die Bayern, aber eine hochverdiente Endspielteilnahme in der CL und eine tolle Leistung im Endspiel sind gar nicht so mies. Vielleicht hat man für die Liga ein bisschen Demut gelernt, denn das Problem ist ja nicht Chelsea (die Gurken), sondern Dortmund.

  10. Na ja, einfach flappsig dahergesagt ist es so, dass man als Bayernfan zu sehr vom Erfolg verwöhnt ist. Ich als 60er kenne bittere Momente auf und neben dem Platz leider viel besser. Da kommt man einfach schneller zum Schulterzucken, was aber möglicherweise auch schon wieder ein Fehler ist.

    Auf jeden Fall muss ich der Mannschaft Respekt zollen, in meinen Augen haben die Bayern ein hervorragendes Fussballspiel abgeliefert, Chelsea hat praktisch nicht stattgefunden. Ich glaube auch gar nicht, dass ein Schwachpunkt in der Leistung einzelner Spieler, der Aufstellung oder sonst in einem „technischen“ Grund zu finden ist. Wenn man etwas evtl. orten kann, dann ist das neben einer gigantischen Menge Pech vielleicht eine psychologische Überbelastung, die in den „Elfmetermomenten“ bei zwei oder drei Spielern zu Tage getreten ist. Aber was will man da machen? Das weisst Du als Spieler vorher nicht, dass Dir in diesem Moment ein Quäntchen Schiss in Hirn und Beine fährt und Dir die zwei, drei Sekunden nicht so toll gelingen und ein Trainer kann das auch nicht hellsehen. Ausnahme vielleicht der Schweinsteiger, da ist nach der Verletzung noch nicht alles so wie es mal war. Aber da sind ja jetzt auch keine „Welten“dazwischen.

    Jedenfalls habe ich die Hoffnung, dass die Spieler ihre Trauer in Wut verwandeln können und bei der Nationalmannschaft mit einer fetten Menge Energie auflaufen. Ich freu‘ mich langsam doch auf die Europameisterschaft.

  11. Michael: Das mit der Erfolgsverwöhntheit mag ja in der Außensicht durchaus Sinn ergeben, aber wenn man sein Leben lang nur Fan dieser einen Mannschaft ist, sind die Verhältnisse nicht verschoben und die Messlatte liegt nicht hoch, das Lamentieren findet nicht auf einem hohen Niveau statt, sondern es ist einfach nur so, dass fast jede Niederlage eine kleine Tragödie ist. Das sollen andere Hybris nennen, es ist aber einfach nur der Alltag eines Bayernfans. So wurde uns das von den Vätern und den bayerischen Medien beigebracht von Kindesbeinen an beigebracht. Mal schauen, was mein Bub draus macht, sollte er sich auch für Bayern entscheiden. Falls er als Mischblut die Hertha bevorzugt, wird er sowieso enterbt.

  12. Auch als Bayernfan muss man ab und zu leiden. Diese Saison besonders bitter, weil die Dortmunder auch noch den besseren Fussball gespielt und mehr Leidenschaft gezeigt haben. Und daran wird sich nach Lage der Dinge auch nichts ändern in der nächsten Saison mit Heynckes auf der Bank.

    Von einem unverdienten Sieg für Chelsea zu sprechen, halte ich für völlig unangemessen. Hinten wenig zugelassen und vorne im richtigen Moment einen Standard zum Tor verarbeitet. Wer gute Chancen so wie die Bayern liegen lässt, muss sich am Ende nicht wundern, wenn der Fußballgott den Daumen senkt.

    Was Robben angeht: Ich hoffe, die Vertragsverlängerung mit ihm wurde nur gemacht um die Ablöse in angemessener Höhe zu halten. Obwohl ich nicht sehe, wer so einen Egozentriker und Schwalbenkönig überhaupt verpflichten wollte. Es sei nur erinnert, dass in der Hinrunde mit Müller auf rechts deutlich besser und flexibler gespielt wurde. Und der arbeitet auch deutlich besser nach hinten.

  13. Usedomspotter: Kann schon sein, dass Heynckes den Dortmundern auch nächstes Jahr nicht Herr wird, aber es wäre vermessen, sich jetzt schon ohne Kenntnis der Tranfers festzulegen.

    Ich habe gar nicht gesagt, dass der Chelsea-Sieg unverdient war, fällt mir grade auf, deshalb sagte ich es jetzt: Er war unverdient. Das ist nicht unangemessen, das ist einfach nur eine Meinung, die sich nach so einem Spiel legitimiert. Chelsea hat nämlich auch nicht besonders gut verteidigt, die Bayern haben vorne einfach nur zu unoriginell gespielt. Aber ob es jetzt Chelsea oder Milan, ManU oder Real ist, das ist mir wurscht. Gratulieren kann ich da ohne Groll.

    Das mit dem Egozentriker und Schwalbenkönig halte ich für eine Stammtischmeinung, mit der leider auch schon Bayernfans infiziert sind. Wer sich so oft verletzt hat, muss mittlerweile panische Angst vor jedem Zweikampf haben. Und grade der Verzicht auf seine Egozentrik und seine Alleingänge haben ihn dieses Jahr zu einem schlechteren Spieler gemacht.

  14. Heynckes kann halt nicht aus seiner Haut und in dem einen Jahr, das er noch hat, wird er nicht die Weichen auf neue Spielphilosophie stellen. Sieht alles nach einem Übergangsjahr aus.

    Über Robben kann man gerne geteilter Meinung sein, aber die Bayern waren in der Hinrunde ohne ihn besser, weil weniger leicht ausrechenbar.

    Das mit unverdient bezog sich auf Hennes.

  15. Unverdient ist ein Sieg für mich dann, wenn die Mannschaft, die das schlechtere Spiel gemacht hat gewinnt. In diesem Fall war es sogar deutlich schlechter. Ich habe nicht von unfair, ungerecht oder sonst was gesprochen. Für die mangelnde Chancenverwertung der Bayern kann Chelsea nun wirklich nichts. Chelsea hat sich 1,5 Chancen erspielt, die Bayern ungefähr 10. Das Ecken-Verhältnis war 1-20. Speilaufbau fand bei Chelsea nicht statt. Wie man da von „nicht-unverdient“ oder gar „verdient“ sprechen kann, verstehe ich beim besten Willen nicht. Wahrcheinlich definieren wir den Begriff irgendwie unterschiedlich.

  16. Chelsea hat nicht gut verteidigt, bestenfalls effizient. Bei einer intelligenten Defensive spielt man nicht passiv, versucht Pässe durch gute Raumdeckung zu verhindern, zielgerichtet zu entschärfen, zu erobern und in schnelle Angriffe zu verwandeln. Eventuelle Konter hat Bayern zum einen über weite Strecken ausgezeichnet verhindert, Contento und Lahm haben vorwärts wie rückwärst brilliert, auf der anderen Seite hat es Chelsea gar nicht erst versucht und ausschließlich abgeblockt. Die Anzahl der Ecken lag auch an der konsequenten Weigerung Chelseas aus dem Spiel heraus spielerisch einen eigenen Angriff einzuleiten. Erst kürzlich haben die Queens Park Rangers damit Manchester City in den Wahnsinn getrieben, nur befanden diese sich im Spiel gegen den potenziellen Meister im Abstiegskampf, was die Taktik zum Teil legitimiert. Auf diese Weise aber CL-Sieger zu werden, ist vielleicht nicht unverdient, aber auf jeden Fall richtig, richtig hässlich.

    Abschließend lässt sich für mich nur festhalten, dass der Fußball dieses Jahr vom Rückrundenstart bis zum Finale Dahoam fast ausschließlich von Frustration geprägt war. Bremen wurde durchgereicht und ich konnte mich mit meinem Mitbewohner, ein Düsseldorf-Fan, nicht einmal über den Aufstieg freuen, weil dieser zum Politikum wurde. Die einzigen Fußballspiele, die ich wirklich mit Freude geschaut habe, waren das Pokalfinale und das CL-Halbfinalrückspiel. Die EM und die nächste Saison können eigentlich nur besser werden.

  17. Sven E.: Ja, das war’s nämlich, eine Weigerung, und keinesfalls Berechnung. Wie gesagt, es ärgert mich nicht, dass es Chelsea war und nicht Barca, aber man brauch jetzt Di Matteo auch nicht als Trainerfuchs bezeichnen, denn das war ein Hasenfuß-Auftritt. Freut mich allerdings für Drogba, der hat sich’s wirklich redlich erbulldozert.

    Und zur Gesamtsaison: Jens Lehmann hat mal nach einem Spiel ganz melancholisch in die Kamera gesagt „Fußball ist komisch geworden“ und ist den Mannschaftsbus gestiegen. Fiel mir nur grade so ein.

  18. Ich wünsch‘ Dir ja, dass der der Bub und der Papa wunderbar gemeinsam mit dem FC Bayern fiebern werden, aber parallel zu meiner Sichtweise auf den möglichen Erfolg (des FCB und „Erfolg“ im Leben ganz generell) rate ich, den Fall frühzeitig in Betracht zu ziehen, dass der Bua nicht nur nicht den FCB verschmäht, sondern auch die Hertha, den Fussball generell langweilig findet und sich viiiel lieber mit Rasenhockey und Skispringen beschäftigt ;-) Bleibt als Lösung noch eine Teilenterbung.

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