Optimierung

Ich weiß natürlich, dass jede Wutrede, jedes Aufbrausen immer auch ein Zeichen für Unzufriedenheit, Unsicherheit und am Ende sogar die Angst vor der eigenen Unvollständigkeit ist. Aber deshalb kann man natürlich nicht auf das Aufbrausen verzichten, denn dann wäre man ja auch ein Optimierer, über den ich mich jetzt gleich echauffieren werde.

Wobei das Aufregen vielleicht eh überflüssig ist, denn der Optimierer ist eigentlich eine ganz arme Sau. Er hat keine Hobbies und keine Vision, und auch nicht die geringste Ahnung, was er mit der ganzen Lebenszeit und der zwangsweise daraus resultierenden Biografie alles anfangen soll. Der einfachste Ratgeber ist da ja immer die Fremdbiografie.

Was macht der Durchschnitt, die Nachbarn und die Eltern? Oder der alte Schulfreund, die alte Schulfreundin, die Jutta aus der Müllerstraße, die hinterfotzige Kuh, die missgünstige. Also was die macht, das kann der Optimierer (= die Optimiererin) natürlich schon lange. Was halt so anfällt mittlerweile an zu bewältigenden Lebensstationen. Schaumer mal, hmmm: Studium, Fremdsprachen, Auslandsaufenthalt, Bergsteigen hamma alles schon. Ehepartner ist auch da (wenn auch Lalli), Hochzeit in Brandenburg war auch ganz nett, zwar teuer, aber das haben die Schwiegereltern bezahlt. Kinder sind auch zwei vorhanden, nervig der Max und ziemlich verklemmt die Helena, aber ein drittes gehört sich eigentlich schon noch, die Jutta hat ja auch drei. Art Director mit 40 ist nicht ideal, aber geht noch. Jetzt müsste halt der Partner auch wieder Vollzeit arbeiten (nach dem dritten Kind versteht sich), dass man sich selber so ein Townhouse zusammenstellen kann. Weißt schon, die, die wo grad erst gebaut werden, da kann man sich die Fliesenfarbe selber aussuchen, wenn man 70.000 anzahlt. Die Cosmopolitan-Schule ist nur leider so ausgebucht grade, aber das würde dem Ehrgeiz vom Max schon gut tun, wenn er unter ein paar Architektenkindern und Schauspielerblagen wäre, das wertet ja auch gleich den eigenen Freundeskreis immens auf. Und die Helena, die muss jetzt mal in eine dreisprachige KiTa (Deutsch, Englisch, Chinesisch), sonst hängt dieberuflich völlig hinterher mit ihren vier Jahren. Überhaupt muss man ja mal nachdenken, ob man sich nicht so ein Seegrundstück holt, jetzt wo’s am Schwielow-See grad noch erschwinglich ist. Immerhin ist das ein Gletscherzungensee. Sonst ist eh alles optimal. Auto nervt ein bisschen, weil der Ford, der hat schon viel Platz, aber ein Ford macht halt so gar nichts her.

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  1. Keine Pointe, es soll ja trostlos bleiben. Und die Wut hab ich ja gleich am Anfang ad absurdum geführt. Was bleibt, ist ein kleines bisschen Sozialneid und kleines bisschen Häme, die eine friedliche Ko-Existenz führen.

  2. Irgendwie klingt es, als ob die 80er Jahre Schickeria-Kacke jetzt, frisch aufgewärmt versteht sich, in Berlin am dampfen wäre. Damit kann man regulär nichts anfangen, selbst wenn man gemütsmäßig ganz anders gestrickt ist. Um da vorsätzlich dabei zu sein, da muss man was nicht im Erbgut haben, nie was dazugelernt und dann auch noch infiziert worden sein.

  3. Michi: Schickeria würd ich dazu nicht sagen. Es ist eher der aufstrebende Mittelstand, der sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Erst hat ja Berlin als Coolness-Alibi noch gereicht, aber jetzt wo man sich wie in Reutlingen* eingerichtet hat (und auch keine lauten Kneipen mehr in der Straße hat, dank Klageschrift), zählen auch wieder die Reutlinger Werte. Ist ja an sich auch schön, wenn der Mensch häuslich wird, aber das hier ist ein Häuslichkeitswettbewerb.

    *gerne ersetzen durch Passau, Celle, Elmshorn, Bottrop oder weiß der Geier was.

  4. Es heult sich halt besser auf Marmor als auf Asphalt, könnte man da mit Wolfgang Joop sagen. Denken könnte man aber auch: Aller Besitz ist vom Schicksal geborgt (irgendein ein alter Römer, ich habe vergessen, welcher). Aber so’n bisschen zum Brechen finden darf man die allemal (und sich ein ganz klein wenig drauf freuen, dass die dreisprachige Helena, müde all der glatten Jungs, in ein paar Jahren mal einen tätowierten Nachwuchsgangsta anschleppen wird.)

  5. Magenta: Echt, sagt das der Joop? Lustiger Mann. Das mit dem Nix-mitnehmen hat ja schon der Ringsgwandl gesagt. Vielleicht mach ich mal wieder eine Cover-Version.

  6. Und irgendwo schlummert auch bei jenen anderen der Zweifel, ganz tief drinnen. Einer, den ich kannte, hatte auf dem sogenannten Gipfel seiner beruflichen und familiären Karriere gesagt: „Jetzt habe ich alles erreicht, was ich nie wollte.“

  7. Magenta: Das Zitat wird meines Wissens dem jüngeren Seneca zugeschrieben, der in „De Vita Beata“ tatsächlich noch mehr zum Thema hier Passendes geschrieben hat: „Nichts bringt uns in größere Übel, als wenn wir uns nach dem Gerede der Leute richten, welche für das beste halten, was allgemeine Zustimmung genießt, die nicht nach Vernunft, sondern nach Beispielen leben.“

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