Nobody’s Fault But Mine (sagt Paul Breitner)

Goldene Gitarren. Und das Gesicht unschuldig in die Scheinwerfer-Sonne halten, weil man tut ja nur, was man liebt. Eine ganz scheinheilige Ausrede für das immerwährende Bedürfnis zu glänzen. Der Beste der Besten zu sein. Der Gedanke kam mir, als ich auf Youtube gesehen habe, wie sich Paul Breitner (ausge-verdammt-rechnet Paul Breitner) in Anwesenheit von der Katzenberger darüber aufregt, dass heutzutage jeder seine Fresse in die Kamera halten will oder zumindest ein bisschen was aus seinem Leben twittern. Und fast hätte man geklatscht, doch dann war das gottseidank Paul Breitner, der wiederum seine Fresse ja auch zu jeder passenden und noch mehr zu jeder nicht passenden Gelegenheit in die Kamera hält.

Dumm nur, dass man dann wieder in der Meinungsmitte darüber angekommen ist, ob es jetzt eine Untugend ist, auf Publikumsbasis glänzen zu wollen. Ich ausrede mir ja ein, dass es an der Intensität liegt, mit der man die Erheischung von öffentlichem Schulterklopfen betreibt. Dass man schon gerne berühmt sein wollen darf, wenn man dabei nur nicht verkrampft oder gar verbiestert. Wenn man dabei möglichst beiläufig aussieht. Aber sicher bin ich mir da nicht. Vielleicht ist die Eitelkeit wirklich eine von sieben Todsünden, aber todsicher ist sie in einem Atemzug mit der Maßlosigkeit zu nennen. Andererseits habe ich als katholizierter Mensch ja selbst ein schlechtes Gewissen beim Sex, ist dann die Eitelkeitschuld nicht auch nur eine anerzogene Scham? Dass sich die Lorbeerenjagd ja quasi durch alle mir bekannten Bevölkerungsschichten zieht, ist ja auch kein Mysterium, denn das Streben nach materiellem Status ist ja eigentlich nur die raffinierte Form vom Zuwendungskampf, ohne seinen Arsch für nicht existierende Gagen auf irgendwelche Bühnen, Internetportale oder Lesungen herzuzeigen.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass hier und überall eine riesengroße Scharlatanerie im Gange ist, eine immense Scheinheiligkeit, bei der jeder so tut, als wolle er eigentlich gar nicht. Aber vielleicht ist das auch so eine Art Etikette, so zu tun, als brauche man keinen Applaus. Vielleicht kenne ich aber auch einfach nur die falschen Leute und die Bescheidenen geraten mir nur selten ins Gesichtsfeld, eben weil sie so bescheiden sind. Ich sehe die goldene Les Paul (keine Sorge, nur eine Epiphone) da stehen, stecke ich sie in den Marshall Warsaw (15 Watt), spiele ein gutes Gitarrensolo und denke mir, was für eine Verschwendung, wenn das keiner mitbekommt, wie gut ich spielen kann. Was Paul Breitner wohl jetzt von mir denkt.

7 comments / Add your comment below

  1. Haha! „Ich ausrede mir ein“ ist großartig. Und auch die Nicht-Auflösung des Problems. Hauptsache, mal drüber gebloggt, das ist viel understatementiger als in eine Kamera gebrüllt. Und lesen kann’s ja auch, wer will. Bitte hör‘ meinen Applaus.

  2. stilhaeschen: Der ist freilich Musik in meinen Ohren. Und auflösen kann man’s ja gar nicht, ohne garstig oder ignorant zu werden. Und da hab ich heute einen zu ausgeglichenen Tag dafür dawischt, sorry.

  3. Da hab ich keine Angst, denn so berühmt wie Sie, Herr Kid, werde ich nie werden. Und sollten Sie das Buch irgendwo erwerben, bevor ich es Ihnen am 26.3. im Molotov persönlich darreiche, fühlen Sie sich jetzt schon phantomgewidmet.

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