Brennerpass: Das Leben der Anderen (6)

Um die Winterpause zu überbrücken, lasse ich hier Fans „anderer“ (also anders als FC Bayern) Vereine zu Wort kommen, die ihrer Leidenschaft, Sorge oder Rage freien Lauf lassen. Teil sechs ist von einem Leverkusen-Fan mit Haut und Haaren (und hin und wieder mit einem guten Schnurrbart), dem großartigen Initiator von Fokus Fußball, Jens Peters, und er kann zurecht auf eine herrschaftliche Hinrunde inkl. Bayern-Zermalmung zurückblicken, und weil der Gast König ist, widerspreche ich auch ausnahmsweise nicht.

Selbsterfüllende Prophezeiungen
von Jens Peters

Die Voraussetzungen für den Boulevard waren hervorragend. Ein großer Finne und Fußball-Exprofi mit der sprühenden Eloquenz einer Heidi Klum. Der Partner an seiner Seite ein Brummbär im Trainingsanzug, der mal Jugendmannschaften trainiert hat. Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski – die aktuellen Trendtrainer der Bundesliga in Leverkusen, für die die Zeitung mit den vier Buchstaben bestimmt schon hübsche Worthülsen à la „Pat und Patachon“, „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ oder „Yogi Bär“ in der Schublade liegen hat, überraschen die Liga und die Anhängerschaft der Leverkusener.

Dass die Schublade bisher zu blieb, lag vor allem an einer Vielzahl von guten Spielen in der Hinrunde, Platz 2 in der Tabelle hinter den übermächtigen Bayern und dem Überwintern in der Europa League. Das Ausscheiden im DFB-Pokal vergessen wir mal schnell und muss unter Substanzverlust verbucht werden.
Erstmals seit einer langen Zeit hat die Mannschaft ein Spielsystem verinnerlicht, dass die Trainer auf die einzelnen Akteure abgestimmt haben und das diese sogar umsetzen können. Kaum ein Leverkusener wird sich an so geschlossene Mannschaftsleistungen wie in dieser Saison erinnern. Wo früher einzelne Spielerpersönlichkeiten überzeugten, geht dieses Jahr eine Mannschaft voran.

Und die sonst so unlustigen und skeptischen Pillen-Anhänger in der selten ausverkauften BayArena honorieren diese Spiele mit frenetischen „Vizemeister, Vizemeister“-Anfeuerungen. Was auch schon wieder das gute, alte Dilemma am Rhein ausdrückt. Zwar geht man inzwischen selbstbewusst mit dem Thema „Versagen-vor-dem-Meisterschaftsfinale“ um, aber Bayer wird auf lange Zeit immer nur der belächelte Meisterschaftskandidat bleiben.

„Nein, nein – Bayern wird Meister. Oder Dortmund vielleicht noch. Bayer? Ach die sind doch inzwischen schon mit Platz 2 zufrieden.“ Und im schlimmsten Fall wird diese Erwartungshaltung, die auch immer wieder in den Spielerköpfen an die Schädeldecke klopft, gemäß den guten alten „selbsterfüllenden Prophezeiungen“* dazu führen, dass die Meisterschale nie im Trophäenschrank der Werkself stehen wird. Lediglich, wenn Sascha Lewandowski in den Schlussminuten einer Partie seinen Spielern zuruft, dass man das Spiel beim Stande von 1:1 noch gewinnen will, flackert irgendwo ein kleines Lichtlein auf, das Meisterschaft ruft. Speziell, wenn er das im Spiel gegen die Bayern macht. Speziell, wenn Bayer dann tatsächlich gewinnt. In München. Beim übermächtigen Rekordmeister. Nach über 20 Jahren Punktedürre. Mit Hilfe von Jerome Boatengs Gesicht. Wenn soviel Gutes passiert.

Ja dann, vielleicht dann – ist die Geschichte mit der Meisterschaft doch nicht ganz unmöglich.

*Selbsterfüllende Prophezeiung beschreibt das Phänomen, dass ein erwartetes Verhalten einer anderen Person (Prophezeiung) durch eigenes Verhalten erzwungen wird.vErwartet jemand ein bestimmtes Verhalten von seinem Gegenüber, erzwingt er durch eigenes Verhalten genau dieses Verhalten.

>> Das Leben der Anderen (1) – Eintracht Frankfurt
>> Das Leben der Anderen (2) – Hertha BSC Berlin
>> Das Leben der Anderen (3) – Spielvereinigung Greuther Fürth
>> Das Leben der Anderen (4) – SV Werder Bremen
>> Das Leben der Anderen (5) – Fortuna Düsseldorf

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