Brennerpass: Das Leben der Anderen (7)

Um die Winterpause zu überbrücken, lasse ich hier Fans „anderer“ (also anders als FC Bayern) Vereine zu Wort kommen, die ihrer Leidenschaft, Sorge oder Rage freien Lauf lassen. Teil sieben stammt aus der Feder von einem der Spitzenkommentatoren des Brennerpass, der auf seinem eigenen Blog als Gefreiter Paul Jonas sein literarisches Unwesen treibt. Sven E. ist Bremer mit Herz und Verstand, und im zweiten Bremer Beitrag geht er der Sache mit Allofs, Schaaf und der Sehnsucht nach Konstanz auf den Grund, aber nie auf den weinerlichen Leim.

SV Wechsel Bremen
von Sven E.

“Ich werde mich dazu nicht äußern. Ich bin schließlich lange genug dabei”, spielte Thomas Schaaf die Situation schmunzelnd herunter, als noch nicht bekannt war, wer Klaus Allofs ersetzen soll. Wie enttäuscht er wirklich war, wie verraten er sich tatsächlich fühlte, ließ sich an Schaafs Gesichtsausdruck schwerlich erahnen. Er neigt nicht zu öffentlichen Emotionsausbrüchen eines Klopp oder Tuchel, er ist schließlich lange genug dabei, um sich zu nichts hinreißen zu lassen. Auf dem Trainingsplatz und am Spielfeldrand strahlt er stets nur die typische norddeutsche Grantigkeit aus. Dass das Gespräch zwischen den beiden Freunden wohl trotzdem nicht angenehm war, bestätigt nur Allofs, indem er, während der Pressekonferrenz auf das Thema angesprochen, kurz um Fassung ringt.

Werder Bremen befindet sich in einer ähnlichen Situation wie 2002, als Allofs seine Zukunftspläne präsentierte und erklärte, der SVW werde in den nächsten fünf Jahren mindestens drei Mal international spielen. Damals wie heute wurde man an der Weser für derartige Ambitionen eher belächelt. 1999 (noch unter Lemke) knapp dem Abstieg entkommen, sich 2001 nur durch eine gute Rückrunde ins gehobene Mittelfeld gerettet, gelang dem Manager in Bremen zusammen mit Trainer Schaaf 2004 trotzdem das Meisterstück. Immer wieder wurde in den Medien das weitsichtige Transfergeschick Allofs‘ gelobt. Dass er in jüngster Vergangenheit vermehrt an graubleibendem Star litt, trübt diese Erinnerungen nur wenig, macht seinen Umzug nach Wolfsburg aber vielleicht doch erträglicher.

Natürlich gehören Wechselgerüchte zur Bundesliga wie Verletzungspausen zu Arjen Robben, doch in Werders Fall bestätigen sich leider selbst die abwegigsten Exklusiv-Schlagzeilen der Boulevard-Zeitungen allzu oft. Allofs bietet da nur das jüngste Beispiel, mit dem niemand gerechnet hätte. Als bekannt wurde, dass Thomas Schaaf seinen Vertrag nicht vorzeitig verlängern würde, war es daher nicht weiter überraschend, dass sofort das endgültige Ende einer Ära heraufbeschworen wurde.

Seit Super Mario sich entschied, auf dem Rasen die gleichen Farben zu tragen wie auf der Nintendo-Konsole, hat man sich zwar mehr und mehr daran gewöhnt, dass entscheidende Spieler und Persönlichkeiten immer wieder zu finanziell verlockenderen Vereinen abwandern, selbst wenn weder der sportliche Erfolg noch regelmäßiger Einsatz in Aussicht stehen. Dennoch ersehnt man in Norddeutschland nichts stärker als Konstanz. Dazu gehört, dass Schaaf nach über vierzig Jahren im Verein auch weiterhin den Trainerstab in den Händen hält, aber insbesondere auch, dass man Führungsspieler für mehr als ein, zwei Spielzeiten halten kann.

Es ist immerhin beeindruckend, wie weitgehend schmerzfrei die zahlreichen Umbrüche weggesteckt wurden, weil man früher einen Micoud durch einen Diego durch einen Özil ersetzen konnte. Aber mit einer über längere Zeit etablierten, eingespielten Mannschaft ähneln die Saisonverläufe vielleicht dann auch endlich nicht mehr atemberaubenden Achterbahnfahrten, sondern Fährfahrten zu den ostfriesischen Inseln. Im Hochwasser, versteht sich. Arnautovic und Hunt gäben sicher gute Seemänner ab, de Bruyne wird vielleicht besser Smutje. Jetzt gilt es nur noch einen Geschäftsführer und Manager zu finden, der sich der Kapitänsbrücke würdig erweist.

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