Brennerpass: Das Leben der Anderen (8)

Um die Winterpause zu überbrücken, lasse ich hier Fans „anderer“ (also anders als FC Bayern) Vereine zu Wort kommen, die ihrer Leidenschaft, Sorge oder Rage freien Lauf lassen. In Teil acht seziert der stets gut informierte und fußballversierte HSV-Blogger Florian N. alias Ned Fuller nicht nur seinen Lieblingsverein, sondern auch das Hamburger Medienecho. Am Ende bekommt man einen ziemlich guten Eindruck davon, was der HSV dort oben wirklich treibt, abseits von Sylvie van der Vaarts Biografie.

Nur kein Fußball
Von Florian Neumann

Bei uns in Hamburg ging es in der Winterpause um alles, nur nicht um Fußball.

Der Boulevard überschlug sich, als sich die van der Vaarts getrennt haben. Kein Tag ohne Details aus dem Leben des anscheinend wichtigsten Paars Hamburgs. Wer wann wo umzieht, wie groß die neue Wohnung ist, was die Freundin der Putzfrau der besten Freundin jetzt macht.

Ebenso ging es in der Presse darum, daß die Mitglieder den Verein übernehmen. Weil die Wahl von vier Aufsichtsratsmitglieder anstand. Obwohl der Verein schon lange in der Hand der Mitglieder ist, weil wir ein e.V. sind und die Mitgliederversammlung den Aufsichtsrat wählt, der den Vorstand bestimmt. Egal, ein Schreckgespenst musste her und wurde gefunden. Weiterhin haben wir eine Verkaufsliste von Spielern die wir loswerden wollen, die länger ist als die Dauer des Baus der Elbphilarmonie. Viel schlimmer sind aber die Zahlen! 6,6 Mio. Euro Minus machen wir in diesem Geschäftsjahr! Wir sind also quasi am Ende und müssen Insolvenz beantragen.

Aber um Fußball ging es in der Winterpause nicht.

Jetzt steht die Rückrunde an, die wir mit einem Kader angehen, der sich in der Hinrunde gefunden hat. Der Trainer hat sich die Spieler genau angeguckt und auf eigentlich fremden Positionen eingesetzt. Tolgay Arslan entwickelte sich zum defensivem Mittelfeldspieler, Marcell Jansen sogar zu einer Art Linksverteidiger. Dennis Aogo spielt im Mittelfeld eine sehr gute Rolle und die Abwehr um Heiko Westermann und Michael „Määntschn“ Mancienne ist stabil. Nicht zu vergessen der Bundesadler, den René in dieser Saison endlich wieder überstreifen durfte. Vorne stürmt Artjoms Rudnevs und schießt dabei sogar Tore, Gerüchten zu Folge sogar mit dem Kopf.

Immer noch ist unser Kader zu teuer. Es wurden Großverdiener (Petric, Guerrero) abgegeben, aber in Hamburg wollen die Spieler immer noch eine Mark fuffzig mehr verdienen als beispielsweise in Mainz oder Freiburg. Da der internationale Wettbewerb noch in weiter Ferne ist, muß also die Perspektive oder der Geldbeutel als Argument zur Verpflichtung dienen.

Der Umbruch, der vor zwei Jahren begonnen wurde, ist weiter im Gange. Der Verein trägt weiterhin ein Kader durch die Saison, der vom Gehalt her international spielen sollte. Spieler, die nicht mehr benötigt werden (die Liste ist wahrlich nicht kurz), bleiben lieber auf ihren hohen Gehältern sitzen. Kein Vorwurf, ich gehe auch nicht zu einem anderen Arbeitgeber, wenn ich dort weniger Gehalt bekomme. Uns schadet es, weil der finanzielle Spielraum für Neuverpflichtungen quasi Null ist, so lange keiner verkauft wird.

In diesem schwierigem Umfeld versucht der Vorstand weiter an der Zukunft des Vereins zu arbeiten. Mit Hakan Calhanoglu und Kerem Demirbay wurden junge vielversprechende Spieler verpflichtet, die sich im Schatten der van der Vaarts, Jiraceks und Aogos entwickeln sollen. Die Talente der eigenen Jugend (Levin Öztunali und Jonathan Tah) sollen langfristig an den Verein gebunden werden. Wichtige Säulen der Mannschaft haben noch Verträge, die länger als drei Jahre laufen. Der Trainer macht eine gute Entwicklung und vor allem entwickelt er die Mannschaft. Von der anfänglichen Dampfplauderei ist zum Glück nicht viel übrig geblieben und er versucht mit der schwierigen Hamburger Öffentlichkeit umzugehen. Taktisch hat er sich verändert und sein System an die Fähigkeiten der Spieler angepasst.

Also lasse ich die Presse weiter über alles nur nicht den Fußball schreiben und freue mich auf die anstehende Rückrunde wie seit Jahren nicht mehr. Wir stehen mit beiden Beinen im Mittelfeld und können ohne große Sorgen und Ängste die nächsten Spiele bestreiten. Klar gibt es ein Blick nach oben, der in Hamburg sehr gern und sehr schnell gewagt wird. Den habe ich nicht, da ich denke, daß die Mannschaft noch Zeit braucht um sich nach Europa zu entwickeln.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

(Das in diesem Text der Name Milan Badelj nicht auftaucht hat einen wichtigen Grund: Er soll weiter völlig unbeachtet von allen Experten und sogenannten Fachleuten seine großartigen Leistungen bringen und sich weiter so positiv entwickeln. Ein Beispiel gefällig? Sucht ihn mal in der kicker Rangliste der defensiven Mittelfeldspieler. Gefunden? Seht ihr.)

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