Leipzig, Seeblick

Mir fällt überhaupt nicht ein, wie spät es ist. Ernsthaft, ich starre auf meine Uhr, aber ich kann die Uhrzeit nicht erkennen, weil sie irrelevant geworden ist. Neben mir fragt ein großgewachsener Mann ohne Haare, ob ich wegen dem Gorbatschow in der Stadt bin. Ich starre nur auf meine Uhr und sage „Ja, ich glaube schon.“,obwohl das gar nicht stimmt.

Bis vor Kurzem habe ich noch auf eine SMS wegen einer Nachmittagsverabredung gewartet, aber jetzt, da die Zeit irrelevant geworden ist, weiß ich sowieso nicht mehr wann der Nachmittag kommt und wann er wieder geht. Kann sein, dass eine SMS kommt, kann sein, dass sie nie kommt, ich weiß nicht mehr, wo ich das Telefon hingelegt habe, und es ist mir auch wurscht. Ich schaue jetzt nicht mehr auf die Uhr, sondern aus dem Fenster, hinaus in den grellen Polartag, wo sich ohne Unrast aber im sanften Takt der optimistischen Resignation die Menschheit mal hierhin bewegt, mal dorthin. Der großgewachsene Mann ohne Haare neben mir reicht mir einen Osterhasenlutscher aus weißer Schokolade und ich sage Danke, ohne das alles groß zu hinterfragen. Er sagt, sein Sohn heißt Paolo.

Dann kommt mein Fruchtsalat und zwei Studenten, sie sich neben mich setzen, ein Junge mit modernen Schuhen und ein verschlafen wirkendes braunhaariges Mädchen, das aufreizend unauffällig angezogen ist. Mit großer Anmut unterdrücken die beiden nicht nur ihren Dialekt, sondern auch alle dringlichen Fragen, die das Leben ab Mitte zwanzig parat hält und reden über Heavy-Metal-Kneipen, in die sie versehentlich geraten sind, und über Satanisten, aber vielleicht ist das ja auch eine dieser dringlichen Fragen. Mein Fruchtsalat ruht auf einem Bett aus Vanillejoghurt und wenn ich jetzt jemand Kokain darüber streut, wäre meine Erkältung sicher nur halb so schlimm. Der Mann neben mir steht auf, wünscht mir noch viel Spaß beim Gorbatschow und legt zum Abschied seine Hand auf meine Schulter.

Ein paar Stunden später senke ich mich in einem ehemaligen Schleckermarkt so tief in eine Couch hinein, dass sie nicht nur mich samt meiner riesigen Winterjacke, sondern auch den letzten Rest des Tages verschlingt. Ich schaue auf die Uhr, aber es ist zu dunkel in dem Raum und die Zeit immer noch irrelevant. Jemand raucht und jemand liest, jemand raucht und jemand liest, jemand raucht und jemand liest. Es geht um Table Dance, es geht um die vergehende Zeit, hauptsächlich geht es um die vergehende Zeit. Jemand raucht und jemand liest. Als ich wieder raus in die Antarktis will, ist der ehemalige Schlecker abgeschlossen und niemand findet den Schlüssel. Sind eure Scheiben so gelb oder wird es schon dunkel, frage ich, aber bekomme keine Antwort, weil die Farbe der Scheiben irrelevant ist.

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