Expo Hannover

Honestly, we lie through our teeth
But our bodies just survive the weeks
If we’re rolling over, we’ll meet when we sink.
Until we hand over Hannover.

(Maritime – Hand Over Hannover)

2000 mit dem Bassisten auf der Expo Hannover. Ex-Bassisten um genau zu sein – wir reden wieder miteinander. Mit dem Zug. Ich fahre nie Zug. Familien mit ganzen Mittagsmenus machen sich breit. Ich bin Mitte zwanzig und eine Familie ist das undenkbarste auf der Welt, was klar ist, wenn man bedenkt, dass ich erst vor sieben Jahren von meiner weggezogen bin. Der Sommer fängt gerade erst an, es ist mein letztes Jahr in der alten Stadt. Das weiß ich, weil ich es so beschlossen habe, egal was noch passiert. Ich habe gerade ein Jobangebot aus Hamburg abgelehnt, und ich weiß nicht, was ich tun soll, aber ich bleibe nicht in der alten Stadt. Das geht nicht mehr. Die ganzen Jahre habe ich mir überlegt, was ich tun soll, wen ich anrufen soll, aber für den letzten Sommer in der alten Stadt habe ich mir vorgenommen, einfach nur da zu sein und abzuwarten. Abwarten und zusehen, wie schön es in der alten Stadt sein kann, wenn man sie nicht für den Irrsinn verantwortlich macht dem man zwischenzeitlich anheim gefallen ist. Wahnsinn, wie verrückt man in nur sechs Jahren werden kann. Die alte Stadt kann nichts dafür, sie hat den Sommer, die Hügelkette, den breiten Fluss und die Mädchen. Und ich bin nur undankbar.

Ich weiß nicht, was eine Expo ist, was eine Weltausstellung ist. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich habe gelesen, dass Monumente und ganze Stadtteile zu vergangenen Expos entstanden sind. Hier ist nur ein Messegelände. Danach wird mich das Thema so lange nicht loslassen, bis ich einen Bildband mit allen Weltausstellungen und allen wichtigen Pavillons und Gebäuden gefunden habe. Aber jetzt bin ich nur verwirrt, darüber, wie viel ich laufen muss, wie lange ich in Schlangen stehe und wie wenig ich verstehe. Ich verstehe die Ausstellung nicht, aber da es mein letzter Sommer ist, beschließe ich, mein Unverständnis nicht zu hinterfragen. Irgendwann liege ich unter einer Installation auf Kopfsteinpflaster, Laserstrahlen durchstreifen den riesigen improvisierten Raum und eine Art Meditationsmusik kommt angespült. Ich fühle mich leer und zufrieden, ich schlafe für ein paar Minuten ein. Es ist beinahe das beste Gefühl, das ich je hatte. Ich werde es erst sechs Jahre später wieder in Barcelona um die Mittagszeit vor dem MACBA haben, als ich den Skatern zuschaue und ein Brot mit Salami esse. Aus diesem Gefühl der Leere heraus lasse ich mich mit dem Ex-Bassisten durch die immer leerer werdenden Straßen der Weltausstellung fallen. Todmüde. In einer kleinen Pension, deren Zimmer mich an Zimmer im Kloster Vilshofen erinnern, liege ich mit leichtem Kopfschmerz, trinke ein Bier aus der Flasche und schaue ein Fußballspiel, das vielleicht etwas bedeutet.

Am nächsten Morgen sind wir noch einmal kurz auf dem Ausstellungsgelände. Ich esse eine Wurst und ein Eis und gehe in den Schweden-Pavillion, weil er am Vormittag nicht so überlaufen ist. Nichts interessiert mich, und nichts stört mich. Ich habe seit ein paar Wochen ein Mobiltelefon und erschrecke mich zu Tode, wenn es klingelt. Kaum jemand hat meine Nummer. Die Kinowelt AG aus München ist dran und will mir einen Festvertrag anbieten, obwohl ich gerade von der Universität komme und so gut wie keine praktische Erfahrung in Online-Redaktionen habe. Das ist das Jahr 2000. Ich sage, ich rufe später zurück, und gehe aufs Klo. Auf dem Klo ruft MTV an und bietet mir einen Festvertrag als Online-Redakteur an. Vor zwei Wochen war ich eine Stunde zu spät zum Vorstellungsgespräch gekommen, weil ich in der großen Stadt München mein Auto nicht mehr finden konnte. Ich sage zu. Ich sage zum Ex-Bassisten, dass ich ab Herbst in München arbeiten werde. Und dass ich jetzt zurück in die alte Stadt fahren will.

5 comments / Add your comment below

  1. Mei die Expo ich bin dahin weil quasi im Anschluss das Architekturstudium begann – sozusagen als Inspiration. Im finnischen Pavillon, dem mit dem Indoor-Birkenwald, gabs finnischen Wodka und hübsche finnische Bedienungen, die uns zur Staff-Night-Party eingeladen haben. Es wurde ein völkerverbindender Ausflug ;)

  2. Ja, jetzt wo du’s sagst, erinnere ich mich auch wieder an den Indoor-Wald. Hatte ich tatsächlich vergessen. Finnische Bedienungen habe ich leider nicht kennenlernen dürfen und Wodka haben wir auch keinen bekommen. Das ist halt dann der Unterschied zwischen der Musiker und der Architekten-Kaste, haha.

  3. Wir hatten eher noch bundeswehrkurze Haare, sahen also definitiv nicht wie Musiker aus – aber Damen aus dem Norden sind da eh eher entspannt….

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