Zur Bayernwahl und überhaupt

Warum kann ein Wendehals und Egotist wie Seehofer trotz Nepotismus, Bankenskandalen und vollkommen zerstocherter Parteipolitik solche Mehrheiten auf sich vereinen? Nicht schwer zu erklären: Unsere Gesellschaft, die deutsche meine ich im Speziellen, ist motiviert von Angst und Phlegma. Nie zuvor wurde (auch dank Internet) soviel genörgelt und konvers dazu so wenig getan. Das Kehren vor der eigenen Haustür geht halt viel besser, wenn sich der Status Quo nicht ändert und damit ist das bundesdeutsche wie das bayerische Wahlverhalten erklärt. Die Leute haben eine Heidenangst und sind obendrein faule Schweine.

In meiner Wahrnehmung hat diese groteske Lebensangst mit dem 11. September begonnen und ihre nächsten sich selbst bestätigenden Kapitel mit der Lehman-Bankensause und der Staatspleite von Griechenland erfahren. Dazu kommt das, was ich die globale Gewissheit nenne: wir saturierten Eurpäer sind nicht mehr alleine auf der Welt, und unser Artverwandter, die USA, hat seine abschirmende Hegemonialstellung verloren. In der größeren Hälfte der Welt erheben nun (und eigentlich schon immer) Krieg, Hungersnöte und Revolution ihr meist hässliches Haupt. Im Angesicht dieser Kumulation von Unwägbarkeiten hilft nur eine Bewahrungsmentalität und wie man etymologisch unschwer herleiten kann, entspricht der politische Konservatismus dieser Geisteshaltung am besten. Dazu kommt noch ein bisschen Rückzug ins Private und Materielle (ein neues Biedermeier, sprich die Eigentumswohnungsbewegung) und fertig sind die Machtverhältnisse der Achtziger Jahre. Wir erinnern uns: auch damals war die Angst groß: vor Waldsterben, Atomkrieg und den Russen.

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  1. In den Achzigern waren zwar die Machtverhältnisse ähnlich zementiert, aber die Gegenwehr war größer. Später wurden Inhalte der Gegenwehr geschickt von den sogenannten Volksparteien absorbiert. Aber vielleicht hat dieser Eindruck nur mit der persönlichen Sozialisation inmitten des Kalten Krieges, der Punk- Öko- und Anti-AKW-Bewegung zu tun.

    Die Informationsflut durch elektronische Medien macht die Menschen zusätzlich hilflos, da angesichts des Begreifens, dass man sich mit ungeheuren Komplexitäten konfrontiert sieht, die Resignation und das Vertrauen auf Vertrautes in den Vordergrund rücken. Weiterhin gilt: Menschen wollen einfache Lösungsangebote. Und die Grenze zwischen einem einfachen Lösungsangebot und der Lüge sind fließend.

  2. mq: Ja, dass die Informationflut die Leute rettungslos verunsichert, ja paralysiert, das sehe ich haargenau so. Die Welt ist tatsächlich in ihrer Vielfalt, in ihren theoretischen Okkasionen zu komplex für die Leute – die Evolution des Geistes hinkt hinterher, zumindest bei den Erwachsenen. Alleine die Vorstellung, dass unser zukünftiger Arbeitsmarkt global sein könnte, erschüttert den Heimatbegriff semantisch bis ins Mark. Ich will die Jetztzeit nicht gänzlich der Lethargie beschuldigen. Ich kann der Occupy-Bewegung und der Anti-Atomkraft-Stimmung (Bewegung ist sie ja keine mehr) schon etwas abgewinnen, aber die Intensität lässt doch etwas zu wünschen übrig, und da muss ich mich unbedingt an der eigenen Nase nehmen. Ich schätze, wenn in Deutschland plötzlich alle Mediamärkte geschlossen würden, gäbe es einen größeren Proteststurm als die NSA je hervorrufen könnte.

  3. Hm. Irgendwie ist es nicht tröstlich zu wissen, dass die FDP in Bayern nicht mehr mitregiert. De facto haben sie es eh‘ nicht getan. Jetzt wo die CSU die AlleinreGIERung wieder in ihren Fingern hält, gruselt es mich doch ein wenig. Gottseidank hab ich einen Nervenarzt für die SPD gewählt, sonst müsste ich schreiend zum nächsten Bezirkskrankenhaus laufen und um Aufnahme betteln. In Bayreuth ist doch vor kurzem einer frei geworden? Ist auch irgendwie komisch, dass mir grad ein Satz vom verblichenen FJS einfällt: „Vox populi, vox rindvieh.“ Und diesmal hat es wieder ganz laut gemuht.

  4. stt: Das wirklich Tragische am Seehofer ist, dass er weder Humor noch Intellekt besitzt. Der FJS war ein Superschurke nach Maß und der Stoiber wenigstens unfreiwillig komisch. Jetzt ist da nur noch selbstgefälliges, populistisches, geistiges Ödland. Im Nachhinein vermisst man sogar noch den Beckstein, der kannte immerhin die Bedeutung des Wortes süffisant.

  5. „Mein Gott, dabei ist es doch so bequem, eine Religion zu haben,
    man glaubt an Gott und an den König, und damit ist alles gesagt.
    Heutzutatge muss man, um weder an den einen noch an den anderen zu glauben, zu viele Dinge lernen und zu viele Bücher lesen; ich ziehe es vor, niemals zu zweifeln.“
    Aus Joseph Balsamo von Alexandre Dumas.

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