Brennerpass WM-Studio 2014 (22)

Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5) (difficulty: amateur)

Gemessen an den Fähigkeiten beider Teams und dem bisherigen Turnierverlauf ein stringentes Ergebnis, das mich nicht so wahnsinnig überrascht, wie man meinen könnte – ein 4:0 hielt ich immer für möglich. Brasilien stand ja schon beim Eckball und Tor von Müller dermaßen verloren herum, man hätte auch diese dösigen Leute hinstellen können, die morgens in der S-Bahn nie Platz machen, wenn man einsteigt. Hätte mehr gebracht. Die Szene war für mich symptomatisch für das gesamte Spiel der Brasilianer bei dieser WM und hat den Überfallfußball der ersten zehn Minuten ins Lächerliche gezogen. Jetzt haben die Brasilianer ja weiß Gott keine schlechten Leute im Team, was mich zu zwei Thesen führt: 1. Scolari coacht einen ziemlichen Mumpitz zusammen 2. Dieser Haufen marginal überbezahlter Sonderlinge war in der kurzen Zeit nur über Euphorie und Autoerotik zu coachen. Als Quintessenz fürs gesamte Turnier fällt diese Niederlage dann auch kein Tor zu hoch aus und es ist lediglich traurig, dass so Mannschaften wie Chile, Mexiko und Kolumbien der Seleçao unter die Räder gekommen sind. Wobei die auch selbst schuld sind, denn wie man gesehen hat, braucht man nicht am CERN arbeiten, um die Brasilianer zu entschlüsseln.

Aber ja doch, zum Unvermögen des Gegners kam dann auch ein wenig deutsche Brillianz dazu. Ich fand zum Beispiel weniger Kloses billigen Abstauber toll, dafür aber grandios, wie er David Luiz durch massiven Körpereinsatz schon bereits am Anfang des Spiels für alle Zeiten den Schneid abgekauft hat. Und während andere vielleicht Mitleid mit dem greinenden Knäuel verspürt haben, ist dieses Herumheulen einfach nur ein Zeichen von gekränkter Eitelkeit und einem völlig überzogenen Nationalbewusstsein. Und am schlimmsten: wahrscheinlich sogar ein Dialog mit Gott. Fußballer und ihre „Frömmigkeit“, Thema für sich.

Wichtig, dass das mit dem Toreschießen überwiegend in der ersten Hälfte erledigt war, so konnte sich Manuel Neuer ein wenig fürs Finale einschießen lassen. Nach wie vor ist die angeblich nur aus Innenverteidigern bestehende Abwehrkette der eigentliche Star der Mannschaft and I’m also looking at you, beautiful Benni Höwedes. Dass der hierzulande eher ungeliebte Löw jetzt auch aufgrund seiner Umstellungen und vermeintlichen Taktik den höchsten WM-Sieg in einem Halbfinale sein Eigen nennen darf ist doch ein schönes Trostpflaster, wenn er am Sonntag seinen Meister in Louis Van Gaal findet. Aber im Ernst: ich hab noch Hoffnung – trotz des Spiels gestern.

Zum Schluss mach ich das, was Spiegel.de und Konsorten so gerne tun: Ich zitiere aus diesem verrückten Social Web.

„I’m gonna rip my ears off if I hear anybody using the words ‚German‘ and ‚Efficient‘ in the same sentence ever again.“ (Chris von der Liverpooler Band Silent Sleep auf Facebook)

„Someone needs to make the Hulk angry.“ (Noel Fielding auf Twitter)

„Someone needs to pick up the other Playstation Controller.“ (Gary Warnett @gwarizm auf Twitter)

„Wonder if David Luiz is still ahead in FIFA’s player of the tournament competition.“ (Gary Linker auf Twitter)

4 comments / Add your comment below

  1. Eines halte ich den Brasilianern zu Gute: sie haben die Schuld nicht bei irgendwem, sondern tatsächlich bei sich selbst gesucht.
    Und in der totalen Niederlage haben sie dann wieder Größe gezeigt. Der 3. Platz wär ja noch ein Trostpflaster für die brasilianische Seele, obwohl die Vorzeichen extrem ungünstig sind. Denn der Mann mit dem direkten Draht zum (Fussball)-Gott ist Argentinier. Also auf gehts selceao, spielt endlich mal wieder Fussball! Mein Rat für Scolari: lass lieber den dicken Ronaldo mit Fredmaske spielen; denn schlimmer kann der auch nicht sein.
    Meinen Tip fürs Finale halte ich weiterhin aufrecht! Und fürs Abschlusstrainig der deutschen Mannschaft würde ich speziell für Özil den Juan Zúñiga einfliegen lassen….

  2. stt: Stimmt, in der Niederlage haben sie sich das erste Mal in diesem Wettbewerb als großes Team erwiesen. Haha, der Zuniga war gut! Ich will gar nichts mehr über Özil sagen, das macht er ja selbst indirekt am besten.

  3. Mangels Sachkenntnis halte ich bei Fußballdiskussionen eigentlich immer den Ball flach (tschuldigung…), nach mehr als 40 Jahren mehr oder weniger geduldigem Zuschauen (a lot of Bezirksliga auf zugigen Plätzen included), habe ich gestern Abend aber völlig unerwartet eine Premiere erlebt – nämlich, dass ich zu fast allem, was Olli Kahn sagte, beifällig mit dem Kopf nicken musste. Sinngemäß unter anderem, dass die Brasilianer weniger heulen und mehr fußballspielen sollten. Exactamundo. Das mit dem Heulen verstehe ich zwar schon – aus Wut, Frust, Enttäuschung, kann ich alles nur allzu gut nachvollziehen. Aber dieses ganze gen-Himmel-Gedönse und „Ich wollte für mein Land siegen“-Geschluchze, wtf? Nix gegen einen gepflegten Pathos, aber genug ist genug. Mag sein, dass es daran liegt, dass ich zu Zeiten länderspielsozialisiert wurde, als Klaus Allofs die komplette Nationalhymne hindurch ungerührt Kaugummi gekaut hat und wirklich keine Sau was dabei fand, aber ich finde es ja schon bei der deutschen Elf befremdlich, wenn Hände auf Herz und DFB-Symbol gelegt werden.

    Lieblings-Internetz: „In einem Mannheimer Raucherlokal trifft sich zur Stunde die Creme de la Creme der Löw-Kritiker zum Krisengipfel. »Tja.« – »Wollt ich auch gerad sagen.« (Schweigen) »Aber das mit dem Mustafi wird ihm nachhängen!« – »Tja.«“ (aus dem 11-Freunde-Liveticker beim Stand von 0:5)

    Lieblings-Gadget: Freistoßspray. Meine Herren, da fallen mir auf Anhieb mindestens 10 Situationen aus meinen Leben ein, in denen ich das hervorragend hätte einsetzen können.

    (So. Das reicht jetzt auch wieder für die nächsten 40 Jahre. Danke.)

  4. Umso toller, dass du dich zum 40jöhrigen der Nichtbeteiligung genau bei mir geäußert hast, meine Teuerste. Und dann mit so einem Bonmot:

    „…dass ich zu Zeiten länderspielsozialisiert wurde, als Klaus Allofs die komplette Nationalhymne hindurch ungerührt Kaugummi gekaut hat und wirklich keine Sau was dabei fand, aber ich finde es ja schon bei der deutschen Elf befremdlich, wenn Hände auf Herz und DFB-Symbol gelegt werden. “

    Ich finde auch, dass Oli Kahn dieser Tage ein sehr glückliches mündliches Händchen hat, man verzeihe mir das Paradoxon.

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