Das falsche Tagebuch: 30. April 2015

Mich kränken nicht Niederlagen vom FC Bayern München, die ärgern mich nur einen Abend lang, dann geht das Leben – ja, tatsächlich – so weiter wie bisher. Aber ich finde diese Häme grauslich. Weil Häme so eine grausliche Angelegenheit per se ist. Ich hau im Brennerpass schon auch mal ein bisschen drauf, daber das ist humoristisch und fachlich motiviert, behaupte ich mal (eigentlich will ich auch nur Aufmerksamkeit). Ich mag im Grunde alle Vereine auf ihre Art, auch den BVB, und ich würde mich nie genüsslich öffentlich darüber ergehen, wenn ein Verein verliert. Dass man so fühlt – geschenkt – man ist ja ein Mensch. Aber genau wie zum Menschsein die niedersten und ekligsten Instinkte gehören, gehört auch dazu, dass man sie sich in der Regel verkneift. Das unterscheidet uns ja von dieser rasenden kriegstreiberischen Meute, die wir ohne Filter und Etikette wären. Und klar darf jetzt jeder sagen, der gestopfte Bayernfan, der verwöhnte fette Erfolgsgockel kann’s halt nicht verkraften, wenn er mal verliert – fair enough – say it to my face, aber sei Dir stets bewusst, dass es traurig wirkt, wenn Du es ins Netz schreibst.

Dann die BND-Affäre. Warum spioniert man überhaupt Frankreich aus? Redet man nicht ohnehin pausenlos miteinander? Und was gibt es in diesem Zeitalter aus Glas eigentlich noch herauszufinden? Okay, Wirtschaftsspionage, I give you that. Aber was außer Geld ist da an Vorteilen heraus zu ziehen? Und ist Geld in unserer Zeit nicht zu einem völlig profanen Wert verkommen, für den man schräg angeschaut wird? Nein, ich weiß, so weit ist es noch nicht, aber soweit kommt es. Ich bin mir sicher, diesen Spionen ist arschlangweilig. Stelle man sich mal vor: Jahrhunderte lang besteht dein Job draus, Kleinstwissen mit unmenschlichem Aufwand zu erzeugen und dann kommt das Internet, du hast plötzlich alle Instrumente, von denen du je geträumt hast, aber bist nur noch von Freunden umgeben. *goodgracious* Der Mensch braucht ein Ziel, welches ist immer erst sekundär. Und wenn der Spion nicht spionieren darf, dann ist er kein Spion mehr und ergo vielleicht auch kein Mensch, weil ein Mensch ohne Aufgabe ist ein Rasender, siehe Thema Häme oben.

Mein Sohn hat mich neulich gefragt, warum es uns gibt, da habe ich gesagt, das liegt an einer Konstellation. Das führte irgendwann zum Thema Aliens und er hat vermutet, Aliens leben schon längst unter uns, deshalb wüssten wir auch nicht wie sie aussehen. Außerdem hat er vermutet, dass Obi Wan Kenobi im ersten Star Wars längst tot ist, als er Luke hilft und gegen Darth Vader kämpft. Er war ohnehin nur ein Geist, sagt er, deshalb ist er auch einfach verschwunden statt gestorben, als ihn das rote Lichtschwert trifft. Weil ich mich im Beruf gerade mit der Schaubühne und Lars Eidinger beschäftige, habe ich viel über das Theater nachgedacht. Und eben die Actionfiguren und zugehörigen Mythologien meines Sohnes. Es ist alles ein Parnassus-Ort, ein Spiegelkabinett mit Moral, Resolutionen und abgeschlossenen Geschichten. Mit Aufgaben. Deshalb ist Eskapismus eigentlich immer auch nur die utopische Sehnsucht nach einem inhärenten Regelwerk für den ganzen Nonsens, den wir täglich verrichten. Ob das Richard III. oder Avengers II ist, es geht immer um einen Regelkreislauf, von dem wir sicher sein können, das ihn jemand steuert oder erstellt hat. Das unterscheidet die Fiktion von der Realität.

3 comments / Add your comment below

  1. Mit den Spionen ist’s wie mit den Schriftsetzern, deren Berufsbild von der Entwicklung der Technik einfach ausradiert wurde. Die paar, die ich kenne, waren coole Jungs, die wirklich was draufhatten, und die danach, obwohl hochqualifizert, nie mehr irgendwo richtig Fuß gefasst haben. Zu special die skills. Mein Mitgefühl für die BND-Fuzzis hält sich allerdings in engen Grenzen, die werden wohl weich fallen, Identitätskrise hin oder her. (Was das wohl für das Genre des Agentenfilms bedeutet?)

    Jedi-Grüße an deinen Sohn – genau das habe ich auch immer gedacht (Schon 1978 im Kino. Holy fucking shit. Ist das lange her). Und Mythologien, die sich um Actionfiguren ranken, können so verkehrt nicht sein. Ein Hoch auf den Eskapismus!

  2. Du meinst damit, dass du Schriftsetzer kennst, nicht Spione, richtig?

    Den Sohn hat schockiert, dass Obi Wan in der Bar jemand den Arm abgehauen hat. Mich auch, ich hatte die Szene vergessen. Sorry, Jugendschutz, ist ab sechs, jetzt seh ich es ein.

  3. Ähm ja, meinte ich :-)
    Soweit ich weiß, gehört zu meiner näheren Bekanntschaft kein BND-Mitarbeiter oder Agent oder wie auch immer die korrekte Berufsbezeichnung lautet (bei Spion muss ich unweigerlich an „Spion & Spion“ aus den MAD-Heften denken.)
    Das mit dem Arm hatte ich auch völlig vergessen, seltsam.

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