Das dunkle Berlin

So, Captain, please consider me.
Let the boats deliver me.
When I close my eyes,
drive, captain, drive.
It’s time.

(Jets To Brazil – Cat Heaven)

I

ch habe es gesehen, das dunkle Berlin, das Schwarz der Stadt, das man nur selten sieht. Das sich an den nasskalten Tagen, die den Winter einfach nicht abschütteln können, in ihren Nacken gebissen hat und das sich als schwarzes, nasses Blut über ihre Schultern bis hinunter auf den Asphalt windet. Das sich dann offenbart und aus den alten Gemäuern kriecht, das einen mit wilhelminischer Schwere erdrückt und einem den Platz zum Atmen abspenstig macht. Weil es da ist und da seit Jahrzehnten hingehört. Weil es dort vermutlich schon immer war. Weil es vermutlich einst dem slavischen Sumpf entstieg, der diese Stadt am Anfang ihrer Zeitrechnung war. An kalten Regentagen, die Säbelzähne des Winters noch im Nacken, zeigt es sich jenen, die es sehen wollen und jenen, die nichts anderes mehr sehen können. Es steigt aus der Spree pechschwarz und rabenhaft setzt es sich auf die Museumsinsel.

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Wie ein Schwarm schwarzer Vögel nimmt es Platz auf dem Pergamon-Museum und bleibt sitzen bis die Nacht anbricht. Es umwebt den Turm der Charité und hüllt die kettenrauchenden Patienten auf der Hauptterasse ein. Ein schwarzer, öliger Film und der Wind trägt ihn weiter. Das dunkle Berlin wartet unten auf der Straße und ich traue mich nicht die Treppen hinunter, warte an meinem Fenster, warte und warte darauf, dass es endlich wieder hell wird. Weil ich mit dem Licht sonst auch den Verstand verliere.

Aus der Hölle

In diesem Morast. In diesem dunkelschwarzen Urschleim aus Dämonenscheiße, gezuckert mit dem Gift und der Galle aus meinen Innereien. In diesem posttraumatischen Fratzenkabinett, diesem Irrgang ohne Irrlichter, in einem Irrenhaus mit nur einem einzigen Insassen. Mit der blinden Wut eines Amokläufers, aber der Ratio eines hauptberuflichen Schlachters. Die Killerinstinkte nicht mehr zielgerichtet. Selbst bluttriefend und aller Unterwelt augenfällig.

Hier bin ich nun. Hier stecke ich. Hier fang ich an, zu waten. Immer in der Hoffnung, meinen hässlichsten Schatten abzuschütteln im Laufrad der Zeit. Und die gute Nachricht ist: Ich kann mich wieder bewegen. Kann wieder kriechen, kann wieder kotzen. Kann wieder scheißen. Und mich einem Ausgang nähern. Wenn auch einem ungewissen. Das ist überhaupt der Schlüssel zur Oberwelt. Das Ungewisse. Mich mit ihm solidarisieren und es am Ende zu benutzen, um die zahlreichen Todfeinden da oben mit ihm zu Tode zu ängstigen. Denn wenn sie mit dem Ungewissen, der grässlichen Angst, nicht zu wissen, was morgen ist, auf ihrem Brustkorb in den terrestrischen Staub gequetscht werden, werde ich über ihnen stehen und weilen und schlussendlich mit meinem Fuß ihren hässlichen Schädel unter meinen Stiefeln knacken lassen.

Denn der Hass, der lässt sich von jetzt an nicht mehr leugnen. Es ist nur noch eine Frage, wer ihn abbekommt auf meinem Weg nach draußen, auf meinem Weg nach oben. Da gibt es diesen Fatzke, voller Angst und Zweifel, der da oben herum rennt, als wäre es der letzte Tag seiner Zeitrechnung. Und diese Missgeburt liebäugelt mit meiner Hölle, sie neidet mir meine dämonische Vita. Er denkt, wenn er mich umbringt, kommt er hinter mein Geheimnis. Die Schwärze erben würde er gerne. Doch die Rechnung ohne den Wirt zu machen, hat sich nur selten bewährt. Denn wenn ich in einigen Monaten oben angekommen bin, ist er der Erste der begleicht. Auge um verdammtes Auge, Zahn um verdammten Zahn.

Doch bis dahin dieser Morast. Das Jäten des eigenen Unkrauts, der Unwuchs, der Tumor in meinem Schädel. Der mein Hirn aufbläst bis meine Augen fast aus den Höhlen schwellen und ich dennoch nichts sehen kann. Weil es so verflucht dunkel hier unten ist, weil das Licht am Ende des Tunnels nur sein kann, wenn es tatsächlich ein beschissener Tunnel ist. Wenn es überhaupt ein Tunnel ist. Aber wir werden sehen.

Wir nennen es Brotzeit

Eine kleine Zwischenbilanz nach vier Jahren Berlin

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Der Akklimatisierungsprozess mit der fremden Großstadt Berlin wird wohl ein lebenslanger bleiben. Auch wenn mich die eine oder andere Gewohnheit schon anwidert, auch wenn die ein oder andere Widerlichkeit zur Gewohnheit wurde oder die Stadt sich bei mir anbiedert: Berlin, du bist mir eine Nummer zu groß, um mich zum Kleinbürger zu machen. Dabei geben wir uns beide alle Mühe, ich und Berlin. Ich siedle, Berlin gibt mir Fläche. Ich liebe, Berlin gibt mir Fläche. Und ich bin noch nicht einmal undankbar, sondern schreie hinaus in die Welt, wie die Kalte mich im Winter warm hält indem sie mir alle Freiheit der Welt lässt. Seit ich aus Barcelona zurück bin, darf ich in Berlin nach meinen Spielregeln spielen, sie mischt sich nicht ein und ich schmiege mich zum Dank jeden Tag ein wenig mehr an.

Dennoch: mit jedem Tag, der vergeht, mit jedem Ereignis, das mir diese Stadt nach mittlerweile exakt vier Jahren immer noch ein Stückchen näher bringt, mit jedem Jahr fallen mir mehr Details aus der Heimat ein, die ich vermissen kann, so ich denn will. Sei es der Geruch einer frisch gemähte Wiese in der sommerlichen Dämmerung hinter dem Haus meiner Eltern in Grafentraubach, sei es die Brotzeit abends in einem kleinen Biergarten in der Nähe von Weilheim, die Nächte in den Isarauen, das Schneegestöber im Englischen Garten, die Winzerer Höhen bei Regensburg, der Blick von der Walhalla hinunter zum Fluss, die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Wenn ich also jetzt und hier auf dem besten Wege bin, mich in Berlin niederzulassen, lasse ich dann zu, dass mein Niederbayern und der Rest meines ehemaligen Königreichs seinen besten Abkömmling verliert? So kann es gar nicht sein, denn je mehr die bayrische Heimat mir entrückt, desto mehr wächst sie mir ans Herz. Es ist der alte Trick mit der Herkunft, den sie auch so gerne bei verflossenen Lieben anwenden: Geh weg und das was du zurücklässt wird überlebensgroß.

Aber kein Lamento, kein Manifesto. Kein Grund zum Greinen, lieber Leser. Ich zieh mir eine eigene Heimat heran, hier in Berlin. Ein Fantasiebayern, wie es in echt gar nicht so schön sein könnte. Und in dem ich jede Nacht und jede freie Minute herumtollen kann wie ein junges Hackl und brotzeiteln tu bis der Arzt kommt. Im wirklichen Bayern würde mir das Leben nach drei Tagen aus den Ohren herausbluten, der Dialekt auf die Nerven gehen und die Spießigkeit der Leute im Hals steckenbleiben. Hier darf es ein ganzes Leben lang das sein, was es nie war und nie sein wird. Meine Heimat, meine neue große Liebe.

Streifzüge durch Grafentraubach

Die schönen Seiten an dem Zuhause, dem man einst entflohen ist, festzuhalten, ist gar nicht so einfach. Hätte ich die Fotos da unten vor ein paar Jahren gemacht, sie hätten nicht das Idyll wiedergegeben, das sie jetzt tun. Nicht für mich und vermutlich noch nicht einmal für den neutralen Betrachter. Schönheit liegt in der Liebe zu den Dingen. Manchmal auch im Groll. Aber den hab ich längst abgelegt gegen das gute alte Grafentraubach. Ich glaube, das sieht und merkt man.

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Das ist das Grafentraubacher Schloss samt angrenzenden Stallungen und Grundstück. Nahezu verfallen und von seinem jetzigen Besitzer höchststräflichst verkommen gelassen.

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Schön sind unsere niederbayerischen Käffer immer dann, wenn sie aufhören und an die Felder grenzen. Du bist schön von hinten, um’s mit Stereo Total zu sagen.

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Dieser Bauernhof mit dem alten Taubenschlag gehört zur entfernten Verwandschaft und das Familienoberhaupt ist ein echter Jager und überhaupt wird hier noch mit harten Bandagen gewirtschaftet. Dass dabei weder Vieh noch Mensch zu sehen sind, liegt nicht nur daran, dass Samstag ist.

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Ja, das issa. Der Original Grafentraubach (TM). So fließt er durchs Dorf und war uns als Kind eher wegen der ganzen kleinen Brücken eine Freud. Zum Schlittschuhlaufen zu eng, zum Planschen zu seicht, zum Durchwandern zu kurz.

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Ein bisher weitgehend unentdeckter Mirabellenbaum auf dem weitläufigen Terrain der Familie Burnstl. Ich dummer Hund hab keine mitgenommen. So einen schönen Kuchen hätt ich damit machen können. Saublöd.

Ena

Alle sind sie gekommen. Alle Verwandten und Bekannten. Sogar die Clique, aus der sie sich herausgewunden hatte und die im Anschluss nicht mit subtilen Anfeindungen und Intrigen gegeizt hat. Alle sammeln sie sich jetzt um Enas Grab herum und die Angst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Es ist nicht die Trauer um Ena, die sie lähmt, es ist die nackte Furcht ums Überleben, die Großangst vor der eigenen Sterblichkeit. Es geht ihnen nicht um Ena. Es ging ihnen nie um Ena. Aber wem ging es schon je um den anderen? Beziehungen, Elternschaften, Verwandschaften, Ehen und Angestelltenverhältnisse. Wem geht es denn da um den anderen? Niemandem. Und so geht es auch heute an dem Tag, an dem es ausnahmsweise nur um Ena gehen soll, vermutlich am wenigsten um sie.

Der Fairness halber muss man sagen, dass es Ena tatsächlich auch fast auschließlich um sie selbst ging. Aber ihre Egomanie war keine böswillige. Es war noch nicht einmal Fahrlässigkeit. Ihre Rücksichtslosigkeit war eigentlich nur ein Versehen. Sie ging einfach nur voran und wusste haarklein, was sie wollte. Ihr Problem war, dass sie dabei niemanden aus dem Weg räumen wollte. Aber wenn man das nicht will, dann bekommt man auch nicht was man will und dann ist man unglücklich und am Ende tot wie Ena. Und liegt da zwischen all den Freunden und Bekannten, von denen keiner auch nur den blassesten Schimmer hatte, dass so etwas passieren kann. Dass so etwas vor allem unserer Ena passieren kann. Aber wie sollten sich auch etwas ahnen? Zum einen hätten sie sich mit Ena auseinandersetzen müssen und das fiel nicht leicht, weil Ena beinahe arrogant in ihrer aufgesetzten Sorglosigkeit wirkte, zum anderen hätte man Ena keines ihrer Probleme auch nur im Ansatz angemerkt. Niemand hat es kommen sehen. Niemand außer mir.

Für mich waren die Zeichen überall. Jeden Morgen lag der Tod ein bisschen intensiver in der Luft. Beim Aufwachen fand ich sie bereits halb tot vor in letzter Zeit. Und beim Einschlafen machte sie mir eine Heidenangst, denn sie drehte sich weg und rutschte ganz weit auf ihre Seite des Betts, damit ich nicht hören konnte wie kleine Tränen ihre Wange hinabliefen. Wenn sie lachte, lachte sie nicht aus tiefem Herzen, sie zeigte nur ihre makellosen Zähne. Und sobald wir alleine waren, schlief sie sofort ein. Sie entzog sich mir sofort. Sie wollte alleine sein.

Dass sie ihren Weg verloren hatte, merkte ich schon nach wenigen Wochen. Sie benutzte kein Make-Up mehr wenn wir ausgingen und bald gingen wir überhaupt nicht mehr aus. Sie ertrug mich mehr, als sie mich mochte, und das obwohl sie mich jahrelang verehrt hatte und seit wenigen Monaten endlich ihr Eigen nennen konnte. Aber das, aber ich half wohl auch nichts mehr. Ena war oft weggetreten, wenn sie las oder arbeitete. Man sprach sie an, aber sie hörte einen nicht. Oft rief sie tagelang nicht an, weil sie es vergaß. Weil sie einfach vergaß, dass es noch jemanden gab in ihrem Leben. Selbst ihr Vater, musste manchmal bei ihr klingeln, um mit ihr zu sprechen. Ena hatte vergessen ihr Telefon anzumachen. Seit fünf Tagen.

Ich weiß nicht genau, wie Ena früher war. Ob sie schon immer so war. Und ob es jetzt nur zuviel von diesem Immer war. Ich kannte sie ja kaum und erst seit ich mit ihr zusammen bin, verstehe ich sie in ihrer verzweifelten Gänze. Vielleicht hätte ich etwas tun können, um sie zu retten. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich irgendeinen Einfluss auf sie hätte ausüben können. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht einmal das Gefühl, ihr Freund zu sein, obwohl sie mich so nannte. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Ena war schon verloren, als wir zusammen kamen und vielleicht war sie das immer schon. Es ist nicht meine Schuld. Aber für mich war das eindeutig. Eindeutig, dass es so kommen musste. Die anderen haben es nicht kommen sehen. Sie stehen hier versammelt und fürchten sich vor der Eindeutigkeit. Ich habe keine Angst. Ich wusste, was auf uns zukommt. Ich wusste, wie Ena ist. Ich weiß, wie fürchterlich das Leben sein kann. Ich beneide Ena sogar ein wenig, jetzt wo sie das hinter sich hat.

(Anmerkend: Artikel aus der Kategorie B-Files sind fiktiver Natur. Es ist auch niemand gestorben, den ich kenne und ich kenne auch niemanden, der jener Ena ähnlich ist. Also keine Sorge, liebe Leser. Alles ist gut soweit.)

Coney Island

From the park you hear the happy sounds of the carousel,
and you can almost taste the hot-dogs and french fries they sell.
Under the Boardwalk, down by the sea
on a blanket with my baby, is where I’ll be.

(The Drifters – Under The Boardwalk)

Am Montag waren sie in Manhattan angekommen. Heute war Freitag und Samuel und Martha waren per U-Bahn unterwegs nach Coney Island. Eine Fernsehdokumentation über den Strand Brooklyns hatte bereits vor Monaten noch zuhause sein Interesse geweckt und er konnte Martha davon überzeugen, ihr geliebtes Manhattan für ein paar Stunden zu verlassen. Auf dem Weg dorthin spielte Samuel die Bilder der Dokumentation in seinem Kopf ab, weichgezeichnet und verfremdet durch seine verblassende Erinnerung. Da war die alte Holzachterbahn, längst außer Betrieb mit Gras überwuchert, Teil des 1912 geschlossenen Luna Parks, die ihm als Erstes in den Sinn kam. Eine surreale Welt aus Wasserrutschen, kitschiger Geländebahnen, schnörkelhaften kleinen Schlosstürmchen und der für damalige Verhältnisse einzigartigen Holzachterbahn Loop Of The Loop. Jetzt lag Müll auf dem seit vielen Jahrzehnten stillgelegten Gelände und die Schienen waren vom Rost zerfressen. Und trotzdem erschien es Samuel in dem Film, als wäre in einer Art Metawelt, der alte Luna Park mitsamt der Achterbahn noch aktiv, als würde die Vergangenheit spirituell in die Gegenwart strahlen. Als wären sie noch da, die Verliebten, die Familien, die Geschwister die kleinen Gauner und die Arbeiterkinder von Brooklyn, die russischen Juden, die sich nach der Flucht aus Russland hier an Brooklyns Brighton Beach angesiedelt hatten. Als würden ihre Astralleiber die hölzernen Bahnen weiterhin rauf und runter fahren und ihre Unschuld und ihr Staunen die Jahrzehnte überdauern können. Das Old Mills Gebäude, auch Tunnel Of Love genannt, eine Wasserstrasse im Stil viktorianischer gekünstelter Intimität, als dunkelromantischer Höhepunkt der öffentlichen und der geheimen Liebespaare New Yorks ging ihm auch nicht mehr aus dem Kopf und er dachte daran, wie es wohl sein mochte, Martha jetzt als attraktive Fremde zufällig irgendwo zu sehen und zu wollen.

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Dieses Bild vor Augen saß er mit ihr im B-Train und sie passierten den weitläufigen Greenwood Cemetery, der seine weißen Grabkreuze über Brooklyn ausschickte und wie eine Art grimmiger Vorbote für diejenigen wirkte, die von Brooklyn her über den Motorway auf Manhattan zufuhren. Samuel dachte über den stillgelegten Vergnügungspark von Coney Island nach, dachte an die russischen Einwanderer und an eine aus dem Zusammenhang gerissene Filmszene aus Angel Heart, in der Mickey Rourke am Strand auf einen Mann trifft, der ihm bei Wind, Wetter und Sonne einen seltsamen Nasenschutz verkauft. Er dachte an „Under The Boardwalk“, den Song, der die Verliebten an der Promenade schildert, den Geruch von Pommes, den Klang des Karussells, und das Paar ganz nahe am Vergnügen der Masse, aber doch isoliert in ihrer eigenen Harmonie, autark und doch auf der Hut vor den Konventionen der New Yorker Gesellschaft. Martha saß ihm gegenüber und las Gabriel García Márquez.

Irgendwann hielt die U-Bahn und sie stiegen aus und gingen eine Treppe hinunter, durch eine Art Eingangshalle, die nach Urin stank, mit schlechtem Graffiti beschmiert war und deren Boden übersät war mit kleinen Lachen von Flüssigkeit, vielleicht Öl. Vier Polizisten mit verspiegelten Sonnenbrillen kontrollierten den Ausgang. Samuel, der vorbelastet durch einen Haschischdelikt und diverse Rangeleien in den Kneipen seiner Heimatstadt nicht besonders erpicht darauf war, sich den örtlichen Behörden erklären zu müssen, widmete den Cops keinen Blick. Martha blickte erstaunt in die Gesichter der Polizisten. Dann verließen sie das Gebäude und setzten ihren Weg in Richtung Strand fort. Ein großes Gebäude, das ein überdimensionaler Imbiss Laden zu sein schien, flankierte den Weg hinunter zur Strandpromenade. Es war Nathan’s Coney Island Hot Dogs. Schon von weitem konnten sie das Wonder Wheel, das traditionelle Riesenrad Brooklyns sehen, nach dem der Vergnügungspark unter anderem benannt war: Deno’s Wonder Wheel Amusement Park. Es drehte sich nicht. Die Straßen hier trugen Namen wie Surf Avenue, Neptune Avenue und Mermaid Avenue, aber sie waren vernarbt und übelriechend, keine Spur von maritimem Prestige oder Strandparty-Glanz. Sie gingen an dem Vergnügungspark entlang. Es war trocken und dennoch schwül und die Wolken hingen tief über dem Meer. Der seltsame Nebel, der ihnen aus Manhattan hinaus gefolgt zu sein schien, erlaubte es kaum, aufs Meer hinaus zu blicken, die erhoffte Weite des Ozeans blieb aus. Selbst das Strandszenario wirkte beengend auf Samuel. Escape From New York, wie der Werbespot aus dem Hotel suggeriert hatte, funktionierte auch hier offensichtlich nicht. Wenn Samuel sich den alten, geschlossen Luna-Park morbide vorgestellt hatte, musste er nun dem noch geöffneten mindestens dasselbe Charisma bescheinigen. Eine Art Kartbahn mit Booten war von einem hohen abweisenden Zaun umgeben und die Motoren der Boote liefen, obwohl niemand am Fahrgeschäft teilnahm. Die Wasserbahn trug einen unappetitlichen Ölfilm und es war kein Schausteller weit und breit zu sehen. Ein ähnliches Bild nebenan bei der echten Kartbahn. Kein Personal, aber laufende Motoren. Der westliche Eingang zum Vergnügungspark gab einen interessanten Blick frei: Eine leere Betonstrasse führte ins Innere des Parks, vorbei an geschlossenen und verrammelten Schaubuden und über den Buden, über dem fleckigen Asphalt waren Leinen gespannt, an denen bunte kleine Fähnchen zu Hunderten befestigt waren. Polizeiwagen standen am Straßenrand und sogar berittene Uniformierte kreuzten ihren Weg. Als sie die Promenade über eine Holzrampe hinaufschritten, grinste sie ein alter, zahnloser Mann an, der vom Strand abgewandt an der Rückseite einer Eisbude lehnte, vor sich einen Ghettoblaster stehend. Er winkte ihnen zu und aus dem Kasettenrekorder kam I Want You Back von den Jackson 5. Auf der Promenade: Polizisten und Soldaten. Am Außentresen einer heruntergekommenen McDonalds Filiale lehnten mehrere US Soldaten mit geschulterten Panzerfäusten. Es war mehr Militär und Polizei als Passanten unterwegs.

Samuel und Martha liefen jetzt einen langen Steg in Richtung Meer entlang, vorbei an fettleibigen Asiaten, die ihre Angelschnüre ins Meer hingen und neben sich eine Plastikschüssel mit kleinen, schmutzigen Fischen stehen hatten. Als sie am Ende des Stegs angekommen waren und aufs Meer starrten, riss die Nebeldecke kurz auf und die Sonne kam hervor. Für einen Moment wirkte das Meer wie das Meer, der Strand wie ein Strand und der Vergnügungspark wie ein Hort der Unterhaltung. Nur wenige Minuten später war die Sonne wieder verschwunden. Sie versuchte sich durch die seltsame Melange aus Wolken und Nebel hindurch zu drücken, zu behaupten und schlich dahinter in mattem Gelb ungeduldig auf und ab, aber es gelang ihr nicht – der Durchbruch blieb aus. Hinter ihnen waren einige Polizisten herangetreten und blickten ebenfalls aufs Meer. Samuels malader Zahn vermeldete ein leichtes Pochen. Martha und Samuel gingen den Weg zur Promenade nicht ganz zurück, sondern zweigten zum Strand ab. Dort setzten sie sich in den Sand und Samuel fühlte beim Hinsetzen, wie das Pochen in seinem Mund anschwoll.

Die krankhafte Gesundung des St. B.

When you stop drinking,
you have to deal with this marvelous personality
that started you drinking in the first place.
(Jimmy Breslin)

Es geht mir nicht gut. Ich trinke zu wenig. Ich kann nachts nicht schlafen, bin ständig gereizt und mir fehlt jegliche Gelassenheit. Die Gründe liegen auf der Hand. Ich trinke zu wenig. Ich erlebe zuviel mit von dem Leben hier in der Stadt. Und ich bekomme jeden elenden Tag eine Überdosis Reize frei Haus geflutet. Das ist mir zuviel. Da fehlt die Kapuze Alkohol. Auch die paar Notbiere nach dem Abendessen helfen nichts. Der Schnaps fehlt.

Ach wie selig waren die Zeiten, als wir uns mit Pastis und Averna nachts in der 8mm Bar in den Schlaf wiegten. Wie golden die Momente, in denen wir unsere Existenz zwar verfluchten aber längst nicht mehr spürten. Wir haben getanzt und gesungen, wir standen auf Bühnen und in der Manege. Wir waren Verlierer, aber wir hatten Stil.

Jetzt liegen wir brach und erfolgreich und fühlen uns ganz sicher nicht als Gewinner. Ausgetrocknet, verdammt zur nüchternen Wahrnehmung, was für Arschlöcher wir doch eigentlich sind. Was für ein Arschloch ich doch bin. Befreit vom phlegmatischen Filter der trägen Selbstverherrlichung merke ich, was für ein Hanswurst ich bin. Und nicht nur ich. Die Fratzen der anderen Hanswursten erscheinen mir im Lichte des Tages noch grotesker und ich bekomme es langsam mit einer ernsthaften Angst vor der Gesellschaft zu tun. Schaut her, seht mich an, ich treibe Sport und stehe früh auf, ich sehe gesund aus, gehe einem verantwortungsvollen Job nach und bin ganz und gar Pop. Wie soll ich das meinen Eltern erklären, die jahrelang nur auf meine Geschwister gesetzt haben und ihrem schwarzen Schäfchen den roten Teppich ausgerollt haben, weil es so verloren war. Wo sollen sie nun hin mit ihrem Mitleid, mit ihrer ganzen Sorge und Zuwendung? Wer will schon einen verlorenen Sohn, der sein Leben im Griff hat? Da könnte er ja gleich nach Hause zurück, nach Grafentraubach ziehen.

Nein, es geht mir nicht gut. Ich sehe mit einer Deutlichkeit, einer gellenden Grelle ins Licht des Tages und mir tun alle Gelenke weh, weil ich sie jetzt in ihrer Gesamtheit spüren muss. Ich kann nicht mehr schlafen, ich kann nichts mehr essen. Überhaupt esse ich deutlich zu wenig Fett und Fleisch. Gemüse, Obst, Säfte, Vitamine, pfui Teufel, es kann einem das kalte Grausen kommen vom vielen Gesunden. Wie schön finsterromantisch war das warme, notgedrungene Überleben im Gegensatz zur kalten Verpflichtung des echten Lebens. Und wie gemein ist die erfüllte Liebe. Wie furchtbar ist es, wenn einen jemand mag und man sich die Verwünschungen, die Vorhaltungen und ewigen Flüche sparen muss, weil einem Gutes widerfährt? Das ist die brutalste Form der Ausnüchterung: wenn man niemand mehr hat, der einem sein Leben ruiniert. Am Ende ist man noch selbst schuld. Das kann bei bestem Willen und Gewissen nicht wahr sein.

Es geht mir nicht gut, ich trinke zu wenig. Heute Abend muss ich mich zwingen, eine Flasche Schnaps zu kaufen und mich an die Theke zu setzen. Das Herz ein wenig schwarz färben, die Leber ein wenig tunken und vergessen, dass es da draussen diese hässliche Ding namens Normalität gibt. Wenn mir jemand Gesellschaft leisten will, bittesehr.

Das Erwachen

„Nun sind wir wohl erwacht“, sagte sie – „für lange.“
(Arthur Schnitzler „Traumnovelle“)

Psst, St. Burnster. Aufstehen. Es ist Zeit.

Ich wache auf. Das Zimmer ist weiß wie ein Krankenzimmer, ein Aufwachzimmer. Nichts ist in dem Raum. Nichts außer ein Bett und weiße Wände. Nichts außer ein Bett, weiße Wände und ich. Ich bin aufgewacht und es ist nichts hier außer mir und einem weißen Mädchen, das neben mir in ein weißes Laken gewickelt ist und schläft. Das hier ist nicht die Hölle. Das ist nicht die Hölle, in der ich matt und kraftlos eingeschlafen bin. Ein weißes, warmes Licht bricht durch eine riesige Fensterfront in das weiße Zimmer und jetzt erwacht auch das Mädchen. Sie schiebt ein weißes Bein aus dem Laken. Sie ist nackt und wie aus Milch. Sie seufzt und dreht sich zu mir. Ihre Augen öffnen sich langsam und sie sind dunkel wie die Dunkelheit, aus der ich komme. Sie lächelt mild und ihre Wangen sind gerötet. “Du hast aber nicht lange geschlafen.?, flüstert sie und ich muss ihr Recht geben. Ich war nicht lange weg. Ich habe nicht lange geschlafen, obwohl ich gehofft hatte, es würde eine Ewigkeit dauern. Und jetzt bin ich wach und das hier ist definitiv nicht die Hölle.

Als ich mich vor zwei Wochen hingelegt habe, um zu schlafen, war da nicht viel, was mich wach gehalten hätte. Es lag etwas in der Luft, ich hätte es merken müssen, doch es war ein wenig zu spät, um Morgenluft zu wittern. Ich war aus der Hafenstadt zurück in den Moloch gekehrt, hatte die richtigen Leute an den falschen Orten getroffen. Der Verwesungsgeruch in dem Club war so stark, dass ich den Frühling nicht mehr bemerken konnte. Ich hatte mich schlichtweg aufgegeben. Es war ein kalter Abend und mein Körper war ein Bündel aus Schmerz und tauben Stellen. Als ich mich hineinlegte in das Bett, das mein Sarg werden sollte, war an ein Erwachen nicht mehr zu denken. Ich war bereit, ich wollte entschlafen, ich wollte dieser brutalen Szenerie endlich auf Dauer fernbleiben.

Obwohl ich so gut wie tot war, träumte ich seltsames Zeug. Da war dieses Mädchen mit der weißen Haut, die ich damals im dunklen Berliner November zuerst gesehen hatte. Die mir in einem Moment der tödlichen Unsicherheit erschienen war. Damals hatte sie mich, ohne etwas dazu zu tun, vor der Dunkelheit bewahrt, nur um mich genauso unabsichtlich zurück in dieselbe zu treiben. In meinem Traum, meinem zweiwöchigen Traum, hatte sie mich angetroffen und ich trank Wein, während sie nur neben mir saß. Wir liefen an alten Gebäuden vorbei und an Neuen, wo Regierungen in den ersten lauen Frühlingsnächten anfangen, uns genau zu beobachten, wenn sie zu lange im Büro sitzen. Wir erkundeten den Glaskoloss auf der Suche nach etwas zu essen und etwas Eiscreme. Wenn ich versuchte, sie zu ärgern, wurde sie noch eine Spur liebevoller und ich fing an zu hoffen, dass dies kein Traum war. Ich war schlaflos in meinen Träumen und sie war immer da. Doch bald verabschiedete sie sich und entwich der Stadt in der Dämmerung am vorderen Rand des Sommers. Ich sah nur zu und verfiel wieder in meinen alleserlösenden traumlosen Schlaf. Auf keinen Fall hätte ich gedacht, so früh wieder zu erwachen.

Und jetzt ist es passiert. Ich bin aufgewacht in diesem strahlenden Weiß, in diesem Zimmer, in dem Bett, das ich für leer gehalten habe, bis sie ihr weißes Bein aus dem Laken geschält hat. Sie drückt mich eng an sich und da sind diese winzigen Küsse. Ich muss sie berühren, sie muss mir ein wenig Gewalt antun, damit ich sicher gehen kann, nicht mehr zu schlafen. Dass dies kein Traum, sondern die Wirklichkeit ist, so surreal sie mir auch erscheinen mag. Ist das noch dieselbe Stadt da draußen? Ist das noch der Moloch, der sich in uns verbissen hatte mit seinen fauligen Zähnen und dem unguten Atem der Pestilenz seiner Bewohner? Höre ich da leise Musik von draußen? Das klingt wie Brian Wilson, das klingt wie die Siebziger, das könnten auch die High Llamas sein. So hell und so klar ist die Musik, mehrstimmig und harmonisch. Nun bin ich also erwacht, denke ich. Nun bin ich also endlich erwacht. “Psst..?, flüstert sie, “Es ist Zeit aufzustehen, St. Burnster, wir haben heute doch so vieles vor.? flüstert sie mir ins Ohr und Wasser läuft aus meinen Augen. Milchig und weiß.

“Steh auf.? sagt sie zu mir. “Du musst aufstehen.?

Erster Nachruf

von Rationalstürmer

Verehrte liebe Blogosphäre, liebe Freunde und Weggefährten, geschätzte Kolleginnen und Kollegen

Ich habe die traurige Pflicht bekannt zu geben, dass es Gott dem Allmächtigen in seiner unergründlichen Weisheit allem Anscheine nach gefallen hat, unseren geliebten Chef und Compadre, den strahlenden Erheller und diabolischen Verfinsterer so mancher Lesestunde, den Freund und das Vorbild, den großartigen und einzig wahren Burnstl, zu sich heimzuholen.

Nicht ein einziges Wort – und bemühten wir uns noch so sehr – das wir im Angesichte einer solchen Unglücksbotschaft zu äußern im Stande sind, kann auch nur im Entferntesten wiedergeben, was dieser Verlust wirklich für uns bedeuten mag. Und so können auch diese Zeilen nichts als der ebenso hilflose wie verzweifelte Versuch bleiben, sich dem Geiste und der Wortgewalt des in der prachtvollen Blüte seines jungen Erdendaseins so grausam aus unserer Mitte Gerissenen zumindest ein ganz klein wenig würdig zu erweisen.

Ich hoffe nicht zuletzt deswegen, dass es gestattet ist, wenn ich hier auch als zutiefst bestürzter Freund eines Mannes spreche, der sich über die längste Strecke meines eigenen Schaffens als liebenswürdiger Begleiter, als prima Kumpel, als gleichermaßen unbestechlicher wie kompetenter Kritiker, vor allem aber als wahrhaftig Seelenverwandter und Abkömmling vom selben unbeugsamen Stamm erwiesen hat.

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Mit unserem lieben Brenner verliert unsere Gemeinschaft einen ihrer herausragendsten Protagonisten. Wir werden von nun an verzichten müssen auf einen, für den das geschriebene Wort nicht mehr und nicht weniger als sein Leben bedeutet hat, und an diesem Leben teilzuhaben hat der Gegangene uns bald jeden Tag aufs Neue eingeladen. Es war diese urbajuwarische Herzlichkeit und Offenheit, mit der er auf seiner Bierbank immer noch ein Stückerl gerutscht ist, wenn noch einer von uns eingetroffen war, ihm zuzuhören. Immer wieder brachte er uns mit einer noch unerhörteren Begebenheit zum Schmunzeln. Immer wieder überraschte er uns mit einer nie dagewesenen Idee. Immer wieder auch führte er uns an seiner sicheren Hand an die düster sich vor uns auftuenden Ränder von Abgründen, angesichts derer uns schwindelte. Er war zu jeder Zeit ganz und gar einer von uns, und doch lebte er in seinem ganz eigenen Kosmos, den er bis in die entlegensten Weiten mit seinem einzigartigen Wesen füllte. Es wäre ihm wahrscheinlich nicht recht, dass ich jetzt ausgerechnet Rilke zitiere, und doch hoffe ich, dass sein Geist mir verzeihen möge, weiß ich mir doch nicht anders zu helfen und fänd ich keinen bessren Zeugen für das, was der Burnstl mir und uns war. Zu gut trifft des Dichters Wort, was ich auszudrücken in diesem Augenblicke tiefster Trauer nicht vermag:

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum, von vielen Blättern eines,
dies eine Blatt, man merkt es kaum, denn eines ist ja keines.
Doch dieses eine Blatt allein war Teil von unserm Leben,
drum wird dies eine Blatt allein uns immer wieder fehlen.

Wir alle kennen eine Vielzahl von Redewendungen, an denen wir übrig Gebliebenen uns leider nur viel zu schlecht anhalten können, wenn das Verscheiden eines geliebten Mitmenschen uns völlig unvermutet trifft und von uns verlangt wird einzugestehen, dass unser aller Zeit hienieden im nächsten Augenblicke abgelaufen sein kann. Mors certa, hora incerta – das alte Rom schon hatte solch unzureichendes Wörterkrückenwerk, das doch zum Weitergehen als Alleingelassne so herzlich wenig taugt. Und so gehört es zum Allerschlimmsten, das wir arme Menschenkinder zu erdulden haben, wenn der grimmige Schnitter gerade die prächtigste Pflanze mit gnadenlos hartem Schwung mäht, deren kräftiges Korn eben noch unser Herz erfreut hat und uns nicht einmal vergönnt ward, Abschied zu nehmen. Voller Schrecken blicken wir in diesem schwärzesten Moment auf das Stundenglas in Freund Heins knochiger Hand und müssen einsehen, dass all die Worte, die wir noch zu sagen vorhatten, jedes Glas, das wir noch gemeinsam trinken wollten, vielleicht auch jeder Kuss, den auszutauschen wir uns so fest gewünscht hatten, von nun an hohle Idee, hoffnungsloser Gedanke und auf ewig heimlich und unstillbare Sehnsucht bleiben müssen. Nicht einem einzigen von uns wird es jemals noch vergönnt sein, mit „seinem“ Burnstl zu erleben, was er oder sie einander in die Hand versprochen hatten. Mitten im Leben hat der Tod unseren jetzt schon so bitterlich vermissten Chef und Schreibekünstler auf seinen Wagen befohlen und den schwarzen Rappen zum Wege hinüber ins Jenseits die Sporen gegeben.

Wenn ich jetzt sage, dass der viel zu früh verschiedene Burnstl neben allem anderen ganz besonders auch eine recht gscheade Pfundsau gewesen ist, ein elender Unfried und ein gscheider Wuidling, dann verstoße ich damit keineswegs gegen den ehernen Grundsatz, es sei über die Toten nihil nisi bene zu sagen. Ganz im Gegenteil – ich lobpreise mit diesen Worten ihn und den auf so wunderbare Weise fruchtbaren Mutterboden, der einen Samen wie ihn geboren und uns geschenkt hat. Denn oh, er hat schon sein Maul sauber weit aufgrissen, oft arg herumgefuhrwerkt und mit dem blitzenden Stahl seines Morgensterns tiefe Breschen in die Flanken der Feinde wie des Lebens geschlagen! Furchtbare und gar grausige Schneisen der Verwüstung und großflächige Narben hat er so manches Mal hinterlassen und diejenigen vor Angst und Grusel zum Zittern gebracht, die sich mit ihm oder einem der Seinen angelegt hatten. Doch stand er dabei stets aufrecht und blickte einem jeden fest ins Auge. Diese Aufrichtigkeit, diese autochtone Größe – sie ist nur bei denen zu finden, die ihren Wurzeln die Ehre zuteil werden lassen, die ihnen gebührt. Und so einer war er ganz gewiss, der oide Brenner. Nie um eine Watschn verlegen und doch jederzeit mannsgenug für ein von Herzen kommendes „Samma wieda guat.“

Verneigen wir uns also in dieser dunklen Stunde in tiefem Respekt vor diesem grandiosen Saukerl und seiner Lebensleistung. Blicken wir auf die Lücke, die er hinterlassen wird und stützen wir einander gegenseitig, die wir von nun an ohne ihn auskommen müssen. Seien wir dankbar, ihn nicht nur gekannt, sondern tatsächlich erlebt zu haben, und bewahren wir seiner Person wie seinem Schaffen ein würdiges Andenken. Lieber Burnstl, merse und machs guat!

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Ihr wollt Blut sehen


You say it’s the end
And I say that’s a start
Cause I believe in knives
And the stainless lonely heart
You can’t just leave me here
In the blackness of this calm
I just cut you through, I just do you
I don’t believe in love
I just run the blood
Keeps working in my veins
Keeps dripping from my mouth
I don’t believe in love, I just love the blood
(St. Burnster – The Blood)

Wir hatten grade Ostern, liebe Leser, aber damit hier nach Ablauf der Karwoche bloß niemand denkt, dass jetzt schon wieder Fasching vor der Tür steht, hab ich gemäß dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“, einen brillianten Prosaporno zum Leben erweckt, den der Kollege Rationalstürmer kürzlich von sich gegeben hat. Der Unfried ist auferstanden und badet gleich am nächsten Tag wieder in Blut, so kennen wir das, so mögen wir das. Und weil’s so schön ist, gleich noch ein neuer Schlachtgesang von mir, zu dem mich der Text vom Ratzlmeier inspiriert hat. Und wegen dem Foto müsst ihr euch keine Sorgen machen. Schreiben kann ich noch und das mit dem Reden wird eh überbewertet.

button.gif St. Burnster liest Rationalstürmer
button.gif St. Burnster singt „The Blood“ (Mp3)

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