King Kong

Und überall auf dieser katastrophengeilen Welt wurden Millionen Wecker gestellt. Und morgens um 5 hingen sie vorm Fernsehbild in der Hoffnung, heut‘ wird original gekillt. (Udo Lindenberg – Sister King Kong)

Mein lieber Herr Gesangsverein. Du bist ja ganz schön groß geworden. Ich weiß, es ist ein Dschungel da draußen und man muss sich behaupten aber dass du dann gleich so groß geworden bist. Du gehst einem ja gar nicht mehr aus dem Sinn.

Dein insuläres Dasein musste ja irgendwann ein Ende haben, das finde ich ja im Grundsatz ganz gut. Aber dann hierher kommen und so eine große Lippe riskieren, musste das sein? Ja, natürlich hat es dich getrieben, nein, Entschuldigung, sie haben dich getrieben. Ich hab dich getrieben? Ich war das also? Nur weil ich damals auf deiner scheiß Insel gestrandet bin? Wer hat mich denn in seine Riesenfaust gepackt und wollte mich samt Haut und Haaren auffressen? Wer hat sich denn mit seinem dicken Hintern durch die Hintertür gequetscht?

Es gab eine Zeit, da waren wir uns einiger. Einigermaßen vertraut waren wir uns sogar. Du erschienst mir gar nicht so furchterregend, wenn ich dich näher anschaute. Eigentlich warst du sogar ziemlich schön, wenn man durch dich durchschaute. „Auf sie mit Gebrüll“ haben wir manchmal gescherzt und ich weiß noch als du sagtest, du würdest wegen diesem Aggressionsproblem endlich einen Therapeuten aufsuchen. Ich war richtig stolz auf dich. Doch dann hat dich dein urinstinktiver Freiheitsdrang wieder gepackt und du hast mal pro forma um dich geschlagen und geschaut was man so alles in einem Radius von 600 Kilometern zusammendreschen kann. Kein Wunder, dass die Leute neugierig wurden und anfingen zu reden.

Und jetzt ist das Wehklagen natürlich groß. Hoch oben auf deinem Turm hockst du und veranstaltest einen riesen Zirkus, weil du nach Hause willst. Dass du dir nicht blöd vorkommst, so exponiert in deinem Selbstmitleid. Natürlich geht es hier etwas rauer zu. Hier in der Stadt musst du dich eben damit auseinander setzen, dass du anders bist, dass du alles kaputt machst was du anlangst. Und dass man trotzdem nicht immer mit dem Kopf durch die Wand kann. Du mit deinem Dickschädel.

Jetzt bin ich aber auch noch so blöd und bleib bei dir die ganze Zeit. Und was ist der Dank? Du lässt dich gehen, lässt dich abschießen wie ein Stück Vieh und ich sitze die ganze Zeit in deiner Hand und muss mir das alles mit anschauen. Dabei hätte ich längst Besseres zu tun anstatt mich hier permanent zum Affen zu machen.

Also dann, Ciao. Kannst mich ja anrufen wenn du mal wieder in der Stadt bist.

Auf deiner Beerdigung

Auf deiner Beerdigung werde ich mir das Megafon schnappen und hineinbrüllen:

„Da liegt sie! Die ewige Jungfrau, die Unschuld vom Lande aus dem reichen Mittelstande. Ihr habt sie zu dem gemacht was heute Nachmittag tot vor uns liegt. Ich hab versucht sie zu retten. Doch sie war verloren, lange bevor sie geboren wurde. Und geboren wurde sie, um mir das Herz zu brechen. Eine Verbrecherin war sie und ihr Verbrechen war ihre zielgerichtete Blindheit gegenüber den Sternen, die sie gar nicht leiteten so wie man ihr einst versprochen hatte. Sie, die selbstbezeichnete Sternschnuppe, die man nicht zu fassen bekommt. Die man nur vorbeizischen spürt. Was für ein Schwachsinn.

Doch ihr Poesialbumcharme gepaart mit ihrem artifiziell angezüchteten Zynismus haben mir die Kehle durchgeschnitten. Niemand sonst hätte bemerkt, was für ein Juwel sie darstellt. Niemand außer mir. Was für ein unglaublich berauschend schöner Goldschatz da durch die Straßen dieser eitlen Stadt schleicht. Ihr habt sie erzogen, um mir zu dienen und sie hat sich widersetzt und mich vernichtet, mich als Leiche auf ihrem Weg aber als Liebhaber gehalten.

Ihr seid ihre Peiniger und ihr habt euch dennoch von ihr übertölpeln lassen. Ihre dunkle Seele hat sich euch nicht offenbart, weil ihr eure negativen Partikel in eurem eigenen Kinde nicht wiedererkennen wolltet. Ihr habt sie umgebracht. Ich habe sie umgebracht. Wir haben sie getötet und sie hat es uns schon zu Lebzeiten heimgezahlt.“

Das werde ich den Leuten auf deiner Beerdigung erzählen. Nicht böse sein, du bist ja noch nicht tot.

Schädelhöhe

Sein Glück hängt an einem seidenen Faden, als er die Königinstraße in Richtung Odeonsplatz entlang läuft. Die alten Villen zu seiner Rechten und der Englische Garten zu seiner Linken beschützen ihn, geben ihm Deckung, solange bis er in die schutzlose Weite des Odeonsplatzes hinaustritt. Vor die Flanken der unbarmherzigen Feldherrnhalle, die ihn zum Rückzug an den Rand des Hofgartens drängen, wo der Eingang zur Unterwelt darauf wartet, das Mädchen wieder in seine Biografie zu spucken. Es ist eisig an diesem Novembertag und er hat sie das letzte Mal an derselben Stelle im August gesehen.

Sie hatte ihn bei der Hand genommen und ihn an eine bestimmte Stelle des Hofgartens geführt, von wo aus man die Kirche angeblich besonders gut sehen konnte. Sie hatte ihm stets die Augen für die Schönheiten dieser Stadt geöffnet, sie hatte ihr eine Identität verschafft und sie unabspaltbar mit sich selbst verbunden und jetzt hatte er zwar die Stadt und den Salat, nicht aber sie.

An diesem grausam kalten Novemberabend erinnern die Türme ihn an Totenköpfe und die um die Türme kreisenden Fledermäuse, die er im August noch als possierlich empfunden hatte, erscheinen ihm nun wie stumme Wächter eines ganz hässlichen Geheimnisses: Dass die Türme dieses ach so verehrten baulichen Glanzstücks in Wahrheit Schädel darstellten und alle jene verhöhnten, die nie hinter ihr Geheimnis gekommen waren.

Er versteckt sich in dem umnachteten Eingang zum Hofgarten und bewacht den Ausgang der Unterwelt. Wenn sie an die Oberfläche kam, brachte sie stets diesen Glanz mit sich, dem er sich nie entziehen können würde. Sie brachte dieses Strahlen, das unmöglich ihrer schwarzen Seele entspringen konnte, nur ihren hellen, wässrigen Augen und ihrem blonden Haar. Er raucht eine Zigarette in dieser fürchterlichen Kälte. Seine behandschuhte Hand zermalmt fast den Filter vor Nervosität. Sie soll ihn rauchend sehen. Sie soll ihn fauchend sehen. Ihn kämpfend, nicht resignierend, ihn rasend, ihn wütend, ihn wollend, ihn fordernd, ihn unnachgiebig, ihn tapfer, nicht ihn wartend. Nicht ihn wie er auf sie wartet

Natürlich kommt sie zu spät. Sie war immer zu spät und er hat das Warten so satt. Sie hatte ihn vor Jahren das erste Mal hierher beordert, es war genauso bösartig kalt gewesen, es war diesselbe schutzlose Weite und diesselbe Zuflucht an den Toren zum Hofgarten, wo er gelauert hatte. Und sie war zu spät gekommen. Sie waren stundenlang durch die Stadt gelaufen, gejagt von einer übelmeinenden Kälte. Sie hatte sich beklagt, dass er zu unverbindlich sei und er hatte sich nicht getraut, ihre Hand zu nehmen. Sie hatte von einem Leben erzählt, an das er sich nicht mehr erinnern konnte und wollte und hätte er geahnt, dass er es nochmals leben müssen würde, dass er wiedergeboren im Feuer jugendlicher Todesnähe würde, er hätte sich glatt von der Schädelkirche gestürzt. Doch er hatte auf eine wärmende Umarmung in dieser allesverneinenden Novemberkälte gehofft. Eine Umarmung, die er in keinem Sommer und in keiner Jahreszeit je von ihr bekommen würde. Doch nie hätte er klein beigegeben. Nie sich der Kälte gebeugt, nie sich die Blöße gegeben, die Augen zu verschließen vor diesem bitterkalten Strahlen ihrer Augen.

Als sie endlich auftaucht, geht er langsam auf sie zu und umarmt sie. Sie spricht ganz leise und es klingt wie eine geheime Botschaft, die er nicht entschlüsseln kann. Er hat sie seit August nicht mehr gesehen und er will endlich die Kälte vertreiben, die Veränderung in Gang stoßen. Die Schädel schauen stumm dabei zu wie er mit ihr langsam über den Odeonsplatz in Richtung Ludwigsstraße schreitet.

Der erste Reiter

Mein ätzzüngiger Komilitone C. und ich spotteten uns gerade fröhlich durch die Regensburger Studentenlandschaft, beneideten die BWLer um ihre fatalen Hühner, erlebten linguistische Bummer von ehemals im Irrenhaus einsitzenden Anglistikdozenten, ritualisierten jeden Tag die Next Generation von Star Trek mit einer kräftigen Bong, hörten und machten und stritten vor allem über die Definition von Punkrock, schimpften alle Studenten Wixer und benahmen uns auch sonst überwiegend peinlich.

Just zu dieser Zeit begann die unheimliche Siegesserie des österreichischen Tennisspielers Thomas Muster. Bereits 1989 befand sich Muster auf dem Vormarsch an die Spitze der Weltrangliste, doch bevor er seinen ersten Grand Slam gegen Ivan Lendl gewinnen konnte, wurde er rechtzeitig genug von einem Auto angefahren. Bereits 1990 holte er sich jedoch Turniersieg nach Turniersieg und über den ATP geprüften Rasen dieser Welt braute sich noch weit schlimmeres Unheil zusammen.

1995 erlitt Muster im Halbfinale eines Turniers in Monaco einen Zusammenbruch, gewann das Match aber und besiegte am nächsten Tag Boris Becker im Finale. Ab da gab es für den blonden Racketlackl kein Halten mehr. Muster gewinnt als erster und einziger Österreicher die French Open gegen (Michael Chang) und übernimmt im Februar 1996 das Ruder über die Weltspitze im internationalen Tennis. Die Nummer eins der ATP Weltrangliste.

Mit vor Entsetzen triefenden Mündern wurden C. und ich unfreiwillige Zeitzeugen der Siegermaschine Muster, der personifizierten österreichischen Unsportlichkeit. Auch wenn ich Boris Becker heutzutage für einen ausgemachten Schwachkopf halte, am Centercourt war er eine Persönlichkeit, leider eine, die der Dampfwalze Muster nicht nur einmal unter die Räder kam. Für uns war der Triumphzug dieses Fleisch gewordenen Schmetterballs ein deutliches Zeichen für das Verludern und Verlodern der bestehenden Weltordnung und wie seiner Zeit Johannes erkannten wir nun deutlich die Zeichen.

Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eine der vier Gestalten sagen wie mit einer Donnerstimme: Spiel Satz Sieg, Muster. Und ich sah, und siehe, ein weißes Leiberl. Und der darin saß, hatte ein Racket, und ihm wurde eine Schale gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen.

Es beginnt

Es liegt in der Luft des ausdünstenden Sommers. Es steckt in jedem Detail dieses scheinheiligen Morgens. Der Nordstrand glitzert, aber es sind nicht die Sandkörner sondern die Scherben. Die hereinkommenden Anrufe tragen die falschen Nummern, die Pracht der nächtlichen Gesellschaft wird langsam zu einer rein formellen Mitgliederversammlung. Das Taxi bringt sie dahin, wohin sie will, obwohl sie sich auf einen Umweg eingestellt hatte. Die Hitze frißt sich in den Mauern fest, obwohl es längst in Strömen regnet.

Die grausam lächelnden Strahlen des letzten Monats verbrennen ein paar unwichtige Hautpartien, die Ängstlichen sind eingefettet, aber ohnehin schon am Zusammenpacken. Die Tapferen scheucht spätestens der Ostwind zurück in ihre jämmerlichen Quartiere aus Holz und Strohfeuern. In den Nächten schiebt der Herbst seine modrige Zunge bereits tief in den Schlund des Sommers und grunzt zufrieden dabei. Vor Scham lassen die Bäume Federn, vor Wut schäumen die Flüsse, vor Ehrfurcht ziehen die Dächer der Stadt ihren Hut. Nur der Wetterfeste weiß, dass nichts ist, wo nichts war, wo nichts sein wird. Eine kleine Gruppe Wegelagerer schließt sich dem allgemeinen Meinungsumschwung an und zieht mit den letzten Barbecue Schwaden gen Osten. Der Rest fängt jetzt an, sich zu verstecken. Die Zeit der Lockvögel bricht an.

Ich lächle bösartig, als ich das heiße Wasser in der Dusche andrehe. Wenn die Kraft der Allgemeinheit versiegt und sie matt von der ganzen Unberechenbarkeit darnieder liegen, wenn sie entkräftet ächzen, während der Sommer sie langsam verlässt, wenn sie stöhnen unter den immer tiefer sinkenden winterlichen Damoklesschwertern, dann ist meine Zeit gekommen. Dann vermag ich zu gaukeln und zu spuken, werde mich drehen und vor allen Augen verschwinden, nur um an den entlegensten Stellen dieser Stadt wieder aufzutauchen.

Denn es tagt, während andere schlafen. Es sieht während es die Stadt mit Schneeblindheit schlägt, es kommt an wenn der Sommer verkommt und es brennt, wenn der September ausgelodert hat. Der Sommer begeht Fahnenflucht aber es hat gerade erst begonnen.

North Beach

Hier gibt es kein Wasser, hier gibt es kein Meer. Hier gibt es nicht einmal Sand. Hier gibt es nur Straßen und Häuser. Das hier ist der Nordstrand.

Hier liegen wir nicht in Liegestühlen, hier trinken wir keine tropikalen Getränke. Hier wird nur Bier und Wein gesoffen. Das hier ist der Nordstrand.

Hier ist das Trottoir unsere Promenade, hier kommt die Flut in den Straßen. Hier spült es die Leute an. Das hier ist der Nordstrand.

Hier schlagen wir hohe Wellen. Und hier holen wir uns einen Sonnenbrand. Hier sind wir Urlauber und Anwohner zugleich. Das ist hier ist der Nordstrand.

Hier herrscht ein ewiger Sommer und hier klingt „Caroline No“ bis lange in die Nacht hinein. Hier auf dem Asphalt promenieren wir, die strandaffinsten Menschen ohne Meer. Das hier ist der Nordstrand.

I wish they all could be macedonia girls.

I wish they all could be macedonia girls

Interview mit einem Bajuwampir

Wir sind bodenständiger, kräftiger, herzlicher, erfolgreicher und natürlich schlauer als die Anderen. Dazu haben wir das schönste Bundesland, das tollste Wetter, die hübschesten Mädchen, die witzigsten Kabarettisten, das beste Bier, das gmschackigste Essen, die Alpen, die höchste Lebensqualität, ein Ein-Parteien-System, unsere eigene Verfassung, sind halbe Italiener und noch dazu sautolerant. Liberalitas Bavariae. The Reflection Of Perfection. Noch Fragen?

Gott mit dir

Ja, eine hätte ich, Herr Burnster. Ist es nicht ein bisschen langweilig in all dieser Perfektion?

Doch, doch. Manchmal fehlt das Unberechenbare, das Chaos. Trotzdem muss man sagen, dass eine heile Welt einem auch viele Freiräume lässt. Denn wenn die Natur sich hübsch macht und das Geld auf der Straße liegt, lebt es sich einfach sorgloser.

Aber Herr Burnster, wenn man in Bayern lebt und nun nicht glücklich und erfolgreich ist. Wie fühlt man sich dann?

Also, falls es sowas geben sollte, wäre der Erfolgsdruck schon unangenehm hoch. In München beispielsweise bist du ohne Job, viele Superfreunde und ohne Partner schön im Hintertreffen. Da kann die bayerische Dolce Vita der anderen sehr schnell zur Belastung für einen werden. Oder Single am Land, wo sie dich mit Einfamilienhäusern und Kindern geradezu zuscheissen. Na ja, aber wer ist schon unglücklich in Bayern?

Und das mit der CSU stört sie nicht, Herr Burnster?

Ach, wissen sie. Man arrangiert sich ja im Laufe der Jahre. Wir haben ja auch so tolle Kabarettisten, die das ganze auf die Schippe nehmen. Da fühlt man sich nicht so allein. Und man kann ja dann nach München ziehen. Da schwingt seit dreitausend Jahren die SPD ihr rotes Zepter. Beziehungsweise, so eine Art von SPD. Traurig sind wir nicht, wenn der Stoiber nach Berlin geht. Aber ich wüsste jetzt auch nicht, was da Besseres nachkommen sollte.


Ich habe gehört, dass die Bayern gegenüber Ausländern nicht ganz so offen sind.

Na ja, wir staunen halt gerne.

Und was hat es mit dieser doch sehr isolatorischen ‚Mir san mia“- & Freistaat-Mentalität auf sich? Sind die Bayern nicht ein wenig zu self-centered, wie der Engländer sagen würde?


Schmarrn, uns Bayern, gerade uns jungen gefällt es überall in der Welt. Während die Saupreussen immer über uns und München herziehen, lassen wir uns ausgelassen in Hamburg und Berlin nieder und bringen ein wenig boarische Gmütlichkeit in eure finsteren Nordmetropolen. Klar, mit vierzig ziehen wir wieder nach Hause und da bleiben wir dann auch. Daheim ist es halt doch am schönsten. Und wenn’s nach uns ginge, hätten wir gerne unsern Kini zurück und wären ein eigener Staat. Aber als isolatorisch würde ich das nicht bezeichnen.

Woher kommt denn eigentlich dieser wirtschaftliche Erfolg? Warum hat sich die New Economy denn seiner Zeit gerade rund um München manifestiert?

Ja, weil der Stoiber genug Pulver hat springen lassen, für die ganzen Existenzgründer. Im übrigen war die New Economy ein Riesenscheißdreck, wenn sie mich fragen. Wer arbeitet schon gerne bis Zwölfe in der Nacht?

Hmmm. Abschließend noch eine letzte kleine Frage, Herr Burnster. Wenn es ihnen in Bayern so gut gefällt, warum wohnen sie dann eigentlich in Berlin? Berufliche Gründe hat das bei ihnen wohl nicht.

Ja mei, diese Sucht nach Sinnsuche, diese Zerstörungswut, diese Lust am Untergang. Wissen sie, zuviel heile Welt kotzt einen mit der Zeit einfach wahnsinnig an. Und inmitten dieses verwüsteten Landstrichs hab ich dann auch soviel Schönes gesehen, das fällt viel mehr auf als Schönes in Bayern. Eine einzelne Blume in einer verwilderten, ungemähten Wiese hat mehr Wert als ein Meer von Blumen. Ausserdem is das Bier hier wahnsinnig billig.

Zefix! Radl richtn!

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Ich besitze ein Klapprad und damit fahre ich auch gerne. Ja, so ein richtig altes Angeber-Berlin-Mitte-Klapprad. Mit zwei Gängen, darauf lege ich großen Wert. In der Regel fahre ich nur Kurzstrecken damit, mehr muss nicht sein, wenn man zentral und kiezig wohnt wie ich. Nichtsdestotrotz schickte ich mich und Klappi neulich auf große Reise nach Kreuzberg und prompt hatten wir uns einen fiesen Schlitzplatten im Hinterreifen eingehandelt, der den Neukauf eines Schlauchs samt Mantel nach sich zog.

Nun gibt es ja Leute, die gehen zum Fahrradunterhändler und sagen: „Einmal Reifen austauschen, bitte, und die lustige Kuhhupe dahinten.“ Nicht so euer Burnson. Denn er ist ein Mann und liebt es, in Unterhemd und Jeans mit Schmiere an den Händen mit Schraubenschlüssel in den Händen den Hinterhof zu regieren.

Hinterreifen rausgeschraubt, nichts einfacher als das. Obwohl, die Zusatzhalterung wartete mit verrosteter Mutter auf und es dauerte doch länger als geplant. Dann erstmal Luft in den neuen Schlauch. Verdammt, ich hatte ja ein Autoventil gekauft, also nochmal hoch in die Wohnung und die andere Luftpumpe geholt. Shit, die falsche, nochmal hoch in den Dritten und nochmal runter. Dann mein Lieblingsprozedere: den Mantel über Schlauch und Reifen stülpen. Viecherei. Wieso geht das nicht einfacher? Die schicken Leute zum Mars aber dafür haben sie noch keine griffige Lösung gefunden. Na gut, Reifen aufgepumpt und jetzt einfach wieder drauf, oder?

Leider ist es nicht ganz so einfach. Die Kette muss erst eingefädelt werden und aufgrund der Kürze der verfluchten Kette passt der Reifen nicht in die Halterung. Klar – erstmal mit Gewalt probieren. Resultat: Klapprad klappt in der Mitte auseinander und Kette fliegt davon. Schließlich verabschiedet sich auch noch der Sattel und im Hinterhof verstreut liegen jetzt: der Hinterteil des Rades, der Lenker samt Vorderreifen, der Sattel samt Stange, die Kette und ein einsam wirkender, neu bezogener Hinterreifen.

Nun gut, erst mal wieder die Kette einfädeln. Hoppla, Kette fällt auseinander. Dreck, verhurter. Okay, Kette eingefädelt und wieder zusammengeheftet. Shite, Kette falsch eingefädelt. Also, nochmal von vorne. Kette geöffnet, Kette eingefädelt, Kette geschlossen. Wieder falsch. Kettenführung bei anderem Fahrrad abgeguckt und den ganzen Scheiß nochmal, Arschaxt. Dann Reifen montiert. Kette wieder zu kurz, doch Kompromiss gefunden, ob der Mist hält, mir scheißegal wie. Schrauben angezogen wie ein Nibelunge. Ach so, vergessen, die Halterung anzubringen. Also nochmal die Hurenschrauben aufgemacht. Welcher Idiot hat die so fest angezogen? Kreizkruzefix!

Arrgh, endlich ist der verschissenene Hinterreifen drin. Mit gespannter Kette. Leicht schief, aber wenn kratzt das? Jetzt das Klapprad wieder zusammenschustern. Kann nicht so schwer sein. Ist ja für die schnelle Montage gedacht. Könnte man meinen. Dreckstück von einem Fahrrad. Wie soll ich die zwei schweren Rahmenteile zusammenhalten und nebenbei noch den Keil durchstecken? Ich habe keine vier Arme und sauschwer ist das Zeug auch noch. Und warum ist die Schraubmechanik auf dem Keil verrostet? Wie soll ich das Hurending jetzt zuschrauben?

Grade noch schnell mit der Zange alle Hebel gen Unbeweglichkeit gehämmert und den Sattel angeschraubt. Das Rad ist wieder eins. Und es fährt. Gut, der Hinterreifen liegt etwas schief und die Kette geht dauernd am Schutzblech an, aber Hauptsache ich habe gewonnen. Beim nächsten Reparaturfall kauf ich mir einfaches ein neues Rad. Und zwar kein so Hurenscheißdreckverrecktes Klapprad, scheißverrecktes.