Das bisschen Bohei

Im Zwielicht diverser Kapitalismuskritik-Kritik sonnen sich so manche Schisser, darunter Wirtschaftsbosse, Arbeitgeberpräsidenten, Grüne, Rote, Schwarze, Gelbe. Einen Kessel voll Buntes hat Franz Müntefering da umgekippt und jetzt verteilt er sich als farbloser Einheitsbrei in den Medien und dazu gibt’s noch Eier darüber geschlagen.

Ich-bin-dagegen-egal-um-was-es-geht-Patron Oskar Lafontaine wittert ein „wahlpolitisches Betrugsmanöver“ und kann noch viel doller kapitalismuskritisieren. Dass der Vorwurf „unpatriotischen Verhaltens“ aufkommt, ist das eigentlich Unpatriotische und wenn Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt im ZDF die Thematisierung von Raubtierkapitalismus „zum Kotzen“ findet, dann doch nur weil sich die Heuschrecke auf die Fühler getreten fühlt.

Ich finde: das bisschen Bohei um Kapitalismus ist schon angebracht.

Hard Rock Capitalism Cafe

Zahnsinn

Meine ewige Maladie treibt seltsame Früchte. Heute schmerzt meine Zunge und bereitet mir Schwierigkeiten beim Sprechen. Ich fühle mich, als hätte ich einen Sprachfehler (ein Gefühl, das mir aufgrund meiner südlichen Sprachfärbung im Norden der Republik nie ganz fremd ist). Nach Sprachfehler und Hängelippe fühlte ich mich auch vorgestern, nach einer Iron-Man-Wurzelbehandlung in der Zahnklinik am Potsdamer Platz. Davon haben sich weder Zähne noch Zahnfleisch ganz erholt und im Großen und Ganzen arbeitet mein Mundwerk nicht wie es soll, und so richtig in Ordnung war es eigentlich noch nie. Mein Jugendzahnarzt hat mal gesagt:

Ihre Zähne wünsche ich noch nicht mal meinem schlimmsten Feind.

Das, zusammen mit dem Ausspruch der buchschreibenden Zahnärztin Michele Caffin, beunruhigt mich ein wenig.

Unsere Zähne sind perfekte Resonanzkörper seelischer Zustände.

21 Gramm schwere Kost!

Kein pfundiger DVD-Abend. Auch wenn „21 Gramm“ von einem augenscheinlich brillianten Ensemble (Benicio Del Toro, Sean Penn, Naomi Watts) mit Lust zur Selbstentstellung dirigiert wird und Regisseur Alejandro González Iñárritu (Amores Perros) mit seiner fragmentarischen Erzählweise die Fatalität der Ereignisse trotz der Zerstücklung im Zusammenhang grauslich nahe bringt, fand ich den Film pseudomoralisch, aufdringlich, langatmig und ausrechenbar.

Zugegeben, die eine oder andere Szene hat mich in den Schlaf verfolgt, intensiv muss der Film also gewesen sein, im Gesamten hat mir das Spektakel aber deutlich zu lange gedauert und die Hackepeter-Antichronologie hat mich am Ende kollossal genervt, weil einfach gottverdammt nichts voran ging. Ich glaube wirklich, Herrn Inarritus Standpunkt verstanden zu haben, deutlich verstanden, zu deutlich – JA, ICH HAB’S JA VERSTANDEN! Dieser Diskurs zu fundamentalen Fragen des Lebens wie „Was ist ein Leben wert, wieviel wiegt es?“ (21 Gramm hat jemand gesagt) war mir zu aufdringlich und Sean Penns Löffel-Ab-Monolog wäre nun wirklich nicht mehr notwendig gewesen. ICH HAB’S JA KAPIERT!

Ja, war schon irgendwie gut und im Schlimmen schön anzusehen, aber dann doch zuviel des „Guten“. Man soll halt nicht mit seinen Pfunden wuchern. Sagt übrigens auch Roger Ebert.

Her mit dem Bauernopfer!

„Mein Produzent wird zum Bauernopfer gemacht. Fast jeder in der Branche kauft eigene Platten – wer nicht, ist dumm. Regeln, die nicht beachtet werden, sind keine Regeln mehr.“

Sagt die Grand Prix Künstlerin Gracia einfach mal so zum Kölner Express über die Entscheidung des Phonoverbands, ihren Song aus den Charts zu nehmen. Und wie abgebrüht man in dieser Branche auch immer sein mag und wie dickhäutig auch der dauerverarschte Konsument schon ist, das kann man doch nicht so stehen lassen. Wenn ich als heranwachsender Musikfan damals erfahren hätte, dass die Charts manipuliert sind, und das auch noch so schnoddrig dahingesagt, eine Welt wäre für mich zusammengebrochen. Die Wirkung wäre ähnlich gewesen wie bei den einschneidenden Infos „Hey, der Nikolaus war Onkel Wolfi“ und „Es gibt doch gar kein Christkind“. Klar, heutzutage zuckt man verächtlich mit den Schultern wenn man von der Chartsmanipulation hört. Gerade erst hatte man sich ja daran gewöhnt, dass Fußballspiele manipuliert werden. Ich zucke noch zusammen, ich will nicht völlig vom Glauben abfallen. Aus Prinzip nicht. Lasst mir meine Unschuld. In diesem Sinne, liebe Gracia, sogar noch mehr Bauernopfer bitte! Zudem: „Regeln, die nicht beachtet werden, sind keine Regeln mehr.“ Das ist weder moralisch noch juristisch haltbar.