Der Untergang

Eigentlich ist es ja ganz nachvollziehbar, dass unsere zukünftige Bundesregierung jetzt anfängt, Fantasiegeld unter die Leute zu bringen und das Thema Zilliarden-Verschuldung endlich mal ad acta legt. Als Insolvenzverwalter einer untergehenden Kultur muss man eben harte Bandagen anlegen, sonst nimmt einen weder die Geschichtsschreibung, noch Spiegel Online und schon gar nicht der große Bruder aus Frankfurt ernst. Denn der macht ja schon seit Jahrzehnten vor, wie man mit Geld umgeht, das es nicht gibt. „Weltwirtschaftskrise“ ist unter Bankern sicher ein Idiom aus einer längst vergessenen Zeit und wer staatliche Regulierung des Finanzmarkts in einen anderen Kontext als den eines Kalauers bringt, bekommt im Kanzleramt vom Ackermann höchstpersönlich Hausverbot.

Das Erstaunliche ist, dass man auf der Straße keinen Unmut spürt. Als ich neulich am Wochenende in der Stadt war, platzte das Einkaufszentrum vor wütender Kaufkraft und vorm neueröffneten Neuen Museum stand die Anzahl von Idioten, die normalerweise mit Mario Barth das Olympiastadion füllt. Nein, von Missmut oder Krise war da nichts zu spüren.

Und dennoch gibt es präzise Zeichen der Zeit, die nicht nur grauslich sind, sondern mich auch mit der letzten Gewissheit erfüllen, dass wir uns auf dem Weg nach ganz unten befinden: Im Fernsehen hab ich einen Bericht gesehen, wo jemand am Bahnhof eine frische Bratwurst verkauft hat, die schon vor Stunden gegrillt worden war und für den ahnungslosen Kunden nur kurz warm gemacht wurde, damit der Standbesitzer sich keinen Grill in seine Bude reinbauen muss. Das ist bei Gott das Ehrloseste, was in diesem Land passieren kann. Wenn noch nicht einmal mehr eine Bratwurst ist, was sie zu sein scheint. Wenn pure Profitgier selbst vor einem nationalen Symbol für das letzte Gute im Deutschen (die Vegetarier mal ausgenommen) nicht mehr Halt macht, ist dieses Land ist nicht mehr zu retten. Jetzt kann auch der Söder Ministerpräsident werden, is auch schon Wurscht.

Ich wars.

Ich glaube, ich bin schuld am Wahlausgang. Ohne Schmarrn jetzt. In den Umfragen hieß es doch noch, das mit Schwarz-Gelb wird nichts. Und dann kam es richtig dicke. Und ich bin Schuld. Ich hatte nämlich gestern dieses Karma-Problem. Karma-Probleme sind üble Dinger bei mir. Weil mein schlechtes Karma dann nämlich gleich so immens abstrahlt und Unschuldige mit ins Unglück reisst. Ich kenn das aus meinen zahlreichen früheren Beziehungen. Dass jedoch gleich eine Bundestagswahl und somit das ganze Volk dran glauben muss, ahnte ich nicht und das tut mir aufrichtig leid.

Ich bin gestern aufgestanden und hatte schlechte Laune, weil ich geträumt hatte, meine Frau hätte mich über einen Sachbearbeiter vom Arbeitsamt ins Irrenhaus einliefern lassen. Ich bin grade weder arbeitslos, noch halte ich mich für irrer als sonst und mit meiner Frau ist auch alles in Ordnung. Also frag mich nicht, wie diese Nachtmahr entstehen konnte, was draus entstand, war zumindest meine schlechte Laune. Um den korkenden Morgen ein wenig zu entschlimmen, beschlossen wir zu schlemmen und frühstückten so üppig im Restaurant, dass uns danach der Gang zur Wahlurne wie der nach Canossa (oder wie das Kaff heisst) vorkam.

Mir war mittlerweile übel von der Kombination Pesto und Mangomarmelade und ich konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten. Dennoch stieg ich mit meiner Frau in den Wagen, um die Bauhaus-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu besuchen und anschließend ins Kino zu gehen. Der Wagen sprang aber noch schlechter an als der gesamte Tag bisher, nämlich gar nicht. Ich wartete also eine dreiviertel Stunde auf den ADAC und um die Batterie aufzuladen, kurvten wir ziellos den Ku’Damm auf und ab. Dabei öffnete ich das Fenster, konnte es aber nicht mehr schließen, denn offensichtlich war da jetzt ein Wackelkontakt in den elektrischen Fensterhebern. Mit laufendem Motor blieben wir stehen, damit die Batterie nicht ausging und verbogen unseren Kellerschlüssel bei dem Versuch, die Mittelkonsole zu entfernen. Aus technologisch nicht herleitbaren Gründen, funktionierte der Kontakt plötzlich wieder und wir schlossen die Fenster.

Mit halbwegs aufgeladener Batterie kamen wir am Potsdamer Platz an und stellten fest, dass das Kino schon lange angefangen hatte. Auf Museum hatte ich nun auch keine Lust mehr und wir traten den Heimweg an. Ich sagte zu meiner Frau: „So, jetzt kann ja eigentlich nichts mehr passieren. Wir sind ja so gut wie daheim.“ Sprachs und öffnete das Fenster, um die angenehme Sommerschlussverkaufsluft zu genießen. Ich parkte ein und wollte das Fenster schließen, doch die Fensterheber (you might have guessed it) blockierten erneut. Gut, kannte ich ja schon, fummelte ich halt wieder ein bisschen an den Kontakten rum. Dabei muß ich eine Art Kurzschluss verursacht haben, denn plötzlich fing ein Metallplättchen an zu glühen, die Lichter in den Amaturen gingen aus und die Fensterheber verabschiedeten sich nun gänzlich in den Vorruhestand. Dummerweise standen jetzt aber beide Fenster meines Autos weit offen und so konnte ich das Ding ja auch nicht über Nacht draußen stehen lassen. Ein Sonntagabend ist nicht zwingend der optimale Zeitpunkt, um eine geöffnete Autowerkstatt zu finden, also rief ich zum zweiten Mal an diesem Tag den ADAC, der mir nach einer weiteren Stunde Wartezeit eine neue Sicherung für die Fensterheber schenkte. (Nach zwei Telefonaten und zwei persönlichen Begegnungen mit ADAC-Mitarbeitern kenne ich jetzt auch aber wirklich jeden Vorzug der Plus-Mitgliedschaft.) Endlich konnte ich also zurück in mein sicheres Schlafzimmer und meinte noch im Halbwitz zu meiner Frau: „Bei meinem heutigen Karma gibt das einen ganz unangenehmen Wahlausgang.“ Ich schalte den Fernseher an und schon grient mir Gliedo Westerwelle triumphierend ins Schlafzimmer. Ich hätte es wissen müssen, dass man an einem solchen Tag keine Bundestagswahl abhalten darf. Nicht bei meinem Tageskarma. Ultrasorry. Echt jetzt.

Grade hat sich übrigens rausgestellt, dass die Fensterheber jetzt wieder funktionieren, dafür aber die Bremsen völlig im Eimer sind, die Aufhängung defekt, die Wanne verrostet, der linke Stabilisator im Arsch, die Stoßdämpfung marode und die Aussicht auf neuen TÜV vorerst geringer ist als eine Regierungskoalition aus Rot-Grün.

Jetzt..

..werden wir also dann nur noch von ausschließlichen Arschlöchern, Opportunisten und Feiglingen regiert. Und unsere Führerin bleibt nachwievor eine verhuschte und hinterfotzige Ossintrigantin. Rechtaussenminister wird im schlimmsten Fall die aggroschwule Pickelhaube und statt an den Stadtrand sollte ich wohl besser an den Staatsrand ziehen.

Die Sache mit Twitter

Ich habe aufgehört zu twittern. 140 Zeichen sind zu wenig, um das Warum zu erklären. Wahnsinnig viel mehr Zeichen brauche ich dazu aber auch nicht. Drei Dinge haben mich u.a. dazu gebracht, mich aus jeglicher Cliquenwirtschaft (=anderes Wort für soziales Netzwerk) auszucliquen.

1. Die Begeisterung für die Piratenpartei, einer lebendig gewordenen politischen Randnotiz.
2. Das Internetmanifest.
3. Die „Alle so Yeah“-Sache. Mit der die sogenannte digitale Bläheme endgültig bewiesen hat, dass ihr offensichtlich neben Sex, vernünftiger Arbeit und guten Ideen auch der Humor abhanden gekommen ist.

Ich möchte kein Teil einer Bewegung sein.

Der Befund

Eine kurze aber langwierige radiologische Anekdote

Vor über einer Woche hatte ich dann dieses MRT. War gar nicht so unangenehm, die Schwester war freundlich und attraktiv und streichelte zur Beruhigung kurz mein Bein bevor es in die Röhre ging. Ich wollte diese Untersuchung nicht unbedingt machen, aber ein Experte für invasionäre Rückenbehandlung brauchte ein aktuelles MRT, um meinen Bandscheibenvorfall erneut zu verifizieren. Mein behandelnder Orthopäde schätzte allerdings, dass dies reine Geldmacherei sei. Ich ließ den entstandenen Befund sogleich zum Experten und zum Orthopäden faxen und brachte die Röntgenaufnahmen sogar persönlich im Sekretariat des Experten an der Charité vorbei. Ich selbst hatte den Befund nicht bekommen, aber ich rechnete ja fest mit einem Anruf des Experten in Kürze.

Als der nicht kam und ein paar Tage ins Land zogen, stellte ich fest, dass der Experte schon in Sommerurlaub gefahren war und so rief ich bei meinem Orthopäden an, um ihn nach dem Befund zu fragen, schließlich konnte es ja sein, dass sich mein Prolaps verschlimmert hatte, zumindest fühlte sich das seit ein paar Wochen so an. Die mir bekannte Sprechstundenhilfe versprach einen Rückruf. Zwei ohne Rückruf verstrichene Tage später rief ich wieder in der Praxis an und fragte nach meinem Rückruf. Worum es bei dem Rückruf ginge, fragte man mich und ich war dumm genug, ehrlich zu antworten, es ginge um die Einsicht in meinen aktuellen radiologischen Befund. Das war ein Fehler, denn jetzt wurde ich so richtig abgebügelt von wegen Rückruf und ob ich denn nicht wisse, dass ich ohne einen Termin beim Arzt keine Einsicht in meinen Befund bekäme. Nein, wisse ich nicht, ich will auch keinen Termin, weil ich nicht erst eine Woche warten will. Ob sie nochmals nach dem Rückruf fragen kann. Die gute Frau log mir in die Leitung, dass sie den Doktor konsultiere und ich hörte wie sie ihre Kollegin am Empfang fragte: „Befund am Telefon, nee, machen wir nüscht, oda?“. Dann teilte sie mir mit, dass es keinen Rückruf geben werde und ich einem Missverständnis aufgesessen sei. Daraufhin wurde ich etwas laut und auf ihre Frage, ob ich denn nun einen Termin wolle, meinte ich, dazu müsste ich mich erst wieder beruhigen und legte auf.

Am nächsten Tag machte ich mich auf zur radiologischen Praxis, wo das MRT ja erstellt wurde. Das geschah auf den Rat meines Phyisiotherapeuten hin, der meinte, ein aktuelles MRT wäre auch für seine Behandlung hilfreich. So stand ich nun in der radiologischen Praxis und wollte meinen Befund einsehen. Ob ich nicht wisse, dass das nicht ginge, meinte man zu mir. Man hätte den Befund ja schon an den behandelnden Orthopäden und den Experten von der Charité geschickt. Ich solle mich doch dahin wenden. Ich entgegnete, dass der Experte im Urlaub sei und der Orthopäde mir ja erst einen Termin geben müsse, ob man den Befund nicht auch an den behandelnden Physiotherapeut schicken könne, den sehe ich am ehesten. Ja, das sei die Lösung. Könne man. Ich solle einfach die Faxnummer dalassen. Jetzt muss ich zugeben, dass ich die Faxnummer nicht parat hatte und das Googeln im iPhone leider eine falsche Faxnummer zu Tage förderte. So rief mich die radiologische Praxis am nächsten Tag an, um mich auf die falsche Faxnummer hinzuweisen. Dankbarerweise hatte sie aber einen Lösungsvorschlag parat: Ich solle bei der Physio anrufen und diese selbständig den Befund anfordern lassen. Gesagt, getan.

Zwei Tage später ruft mich der Physiotherapeut an und meint, er wäre jetzt endlich mal bei der Radiologie durchgekommen und die hätten ihm gesagt, er bekomme keinen Befund ohne die schriftliche Vollmacht des Patienten. Okay, ich rufe also unter schwerem Seufzen bei der Radiologie an und wundere mich, warum man mir denn empfohlen habe, der Physiotherapie zu empfehlen, sich den Befund direkt bei der Radiologie zu holen, wenn die Radiologie ihn nicht rausrücken würde. Die Rezeptionistin seufzt mindestens genauso schwer und empfiehlt mir, den Befund bei meinem Orthopäden abzuholen. Das will ich nicht, sag ich, da bräuchte ich extra einen Termin und wer weiß, wann ich den bekomme. Sie verbindet mich mit einer Kollegin, die nicht seufzt, sondern lacht und sagt, es wäre jetzt eh schon alles so kompliziert, ich könne den Befund einfach jetzt doch persönlich abholen, wenn ich in der Nähe wohne. Und wie ich in der Nähe wohne.

Pandemie des Zufalls

Als ich 18 war, traf ich in Athen im historischen Museum den Bruder eines meiner besten Freunde. Das hielt ich für so einen unfassbaren Zufall, dass ich noch Jahre später andere Leute mit dieser Andekdote nervte. Mittlerweile hab ich vermutlich mehr Leute an unvermuteten Orten getroffen als an denen, wo sie hin gehören. Die Zufälle sind mehr geworden, fast zum Regelfall. Genauer gesagt hab ich das Gefühl, dass ich von Jahr zu Jahr anfälliger für Zufälle werde. Besonders die absurden. Und auch die ganz fürchterlichen. Der irrste jedoch ereignete sich letzte Woche. Der Mann, der als Einschlepper der Schweinegrippe nach Deutschland gilt, ist nämlich der Sohn eines Vorarbeiters meines Vaters. Nachdem die niederbayrischen Leuchten im Kreiskrankenhaus Mallersdorf offenbar nicht gerne 1 + 1 zusammenzählen, wollten sie zunächst nicht den Zusammenhang zwischen Fieber und Mexikoaufenthalt des Patienten herstellen und so lief die Schweinegrippe quasi ein paar Tage frei im Haus meiner Eltern herum. Tat sie natürlich nicht, weil der Vater des Infizierten doch nicht infiziert war, wie sich später herausstellte. Aber verrückt ist das schon, wenn man den Fernseher einschaltet und der einem mehr von Zuhause erzählt als man selbst gerade weiß. Ich fühle mich vom Zufall auf jeden Fall mittlerweile bedroht. Man kann ja keiner Wahrscheinlichkeit mehr über den Weg trauen heutzutage.

was ich beim zahnarzt eigentlich nie wissen wollte aber mittlerweile is auch schon egal

Das wird eine teure Zahnarzt-Saison. Endlich hab ich mich dazu entschlossen, die Amalgam-Deponie in meinem Mund durch Kunststoff zu ersetzen und dazu noch fünf rastlosen Beißerchen nach Jahren des Darbens zur Krönung zu verhelfen. Das bedeutet neben einer Menge Schotter auch eine Menge abzugebener Zeit in der Zahnarztpraxis. Da liegt man dann halbmeditierend, halbsediert, halb in Schockstarre und denkt über den Unsinn des Lebens und den Sinn von Zahnpflege nach. Und über folgende Fragen, die ich mich noch nie meinem Zahnarzt stellen getraut habe.

1. Ist es eigentlich gefährlich, das ausgetretene Betäubungsmittel aus der Zahnfleischspritze runterzuschlucken?

2. Wie kann der Zahnarzt anhand von einem Papier, auf das ich gebissen habe, sehen, wie weit mein Zahn noch übersteht?

3. Was ist dieses schraubstockähnliche Ding, in das man meinen Zahn einklemmt, bevor man ihn füllt?

4. Sind eigentlich schon einmal Menschen gestorben als ein Zahnarzt sich mit voller Wucht in ihren Kiefer gelehnt hat, um die Füllung grade zu ziehen, und aus Versehen abgerutscht ist und ihnen den gesamten Kiefer herausgerissen hat?

5. Produzieren eigentlich alle Menschen soviel Speichel wie ich?

Hohe Standards

Dass es dem feinen Herrn Eichinger eher um Einspielergebnisse als um filmische Botschaften geht, hätte man schon beim Untergang bemerken können. Da hitlert sich Bruno Ganz einen Wolf während die arme Traudl Maria Lara schaut wie ein Schwalberl wenns blitzkriegt, ganz Berlin fällt in sich zusammen und irgendwie fällt bei dem ganzen Gewumms der Holocaust unter den Tisch. Dennoch glaube ich, dass der feine Herr Eichinger sich zumindest selbst vorgaukelte, er hätte da eine Art Statement für die Völkeraussöhnung gemacht, indem er eine – Zitat – „Massenverrücktheit“ an Einzelpersonen aufzeigen wollte.

Eine weitere kassenträchtige Actionhistorie fand er mit Austs Baader-Meinhof-Komplex vor und da lagen er und Uli Edel gar nicht so arg neben der Spur. Ähnlich wie Aust versuchten sie, beide Seiten der Medaille zu betrachten und abgesehen von einigen überinszenierten Szenen und der üblichen Pathospatschigkeit deutscher Jungsschauspieler fand ich dieses Ansinnen nicht völlig ungelungen. Auch hier trieb Eichinger eine Aufarbeitungswut deutscher Geschichte und sicher sah er sich auch hier als filmischer Aufklärer, eine Art Steven Knoppberg.

Er wäre immer gegen Autoritäten gewesen, sagte er neulich mal in einem Interview. Das hat er mit seinem neusten Schwarm Bushido vielleicht sogar gemeinsam. Aber bei allem was der feine Herr Eichinger bisher so angepackt hat, gab es neben dem Geldverdienen zumindest im Ansatz einen Nimbus von politischer Korrektheit, auch wenn der Schuss beim Untergang einer in die finsteren Regionen des Ofens war. Warum man sich jetzt kreuzritterartig voran wirft und jedem erzählt, die neue Priorität im Leben sei die Verfilmung der saudummen Bushido-Autobiografie (die sein entwaffnend doofer Autor und Begleiter Lars Amend verfasst hat), weiß nur der Wind. Ist das für Eichinger die Geschichte eines Rebellen mit Migrationshintergrund? Einem, der es aus dem Ghetto bis zu Kerner geschafft hat und deshalb gesellschaftliche Beachtung verdient? Ist das gar das Martyrium eines Künstlers?

Denn für mich ist die unberechtigte Ins-Rampenlicht-Rückung einer Perversion unserer an sich begrüßenswert durchmischten Gesellschaft. Aus schlechtem Gewissen gegenüber den mutmaßlich in ärmlichen Verhältnissen lebenden Immigrantengenerationen nimmt sich der deutsche Intellektuelle ausgerechnet den miesesten aller deutschen Rapper und macht aus ihm eine Galleonsfigur des Aufbegehrens gegen die herrschende Sozialethik. Ich weiß nicht, inwiefern der Film belegen wird, was für ein übellauniger Prolet und Hassprediger Bushido ist, aber da er selbst die Hauptrolle spielt, hält sich die Kritik an seiner Person sicher in Grenzen. Und eigentlich völlig egal, wie der Film ausfällt, alleine die Tatsache dass Deutschlands bekanntester und geldigster Produzent Deutschlands zweitdümmsten (nach Horst Mahler) Demagogen so ein Denkmal setzt, ist nichts weniger als skandalös. Das kriminelle Umfeld, dem man hier genauso seinen Tribut zahlt, wird sich geschmeichelt fühlen. Aber vermutlich will’s der feine Herr Eichinger genau so kontrovers haben, weil er genau wie der feine Herr Bushido „sehr hohe Standards an sich selbst“ hat. Oder er wird erpresst.

Wie sagte eine ehemalige Arbeitskollegin, die beruflich öfter mit dem Thema Bushido zu tun hatte: „Der wird Kanzler irgendwann und dann emigriere ich aber.“

a packerl dreierwatchmen is glei aufgrissn

Ich habe gerade Watchmen gesehen und fand ihn toll. Man kann ja immer was blödes finden, aber ich wollte und will auch jetzt nicht. Und der Vorspann war einer der besten, die ich im Leben je gesehen habe. Sonst ist unserem Cutter noch fast die Wohnung abgebrannt und er kann jetzt nicht nach Hause, weil alles voller Ruß ist. Das tut mir aufrichtig leid. Natürlich ist das zu einem Zeitpunkt passiert, wo die laufende Produktion dringend eben jenen Cutter benötigt hätte. Der arme Schnufti entging nur knapp einer Rauchvergiftung und musste dringend an die frische Luft. Gestern hatte ich selbst noch vergessen, die Herdplatte auszustellen und es dampfte schon recht bedrohlich.

Die Polizei hat mich heute ausnahmsweise nicht in der Oranienburger aufgehalten und auch sonst waren ein paar Sachen in Ordnung und ein paar ganz und gar nicht. Zum Beispiel das Kinopublikum. Man könnte ja meinen, in die englischsprachige Vorführung würden sich weniger Deppen verirren, aber weit gefehlt. Stumpfes Zuprostpublikum. Und das meine ich wörtlich. Fünf Jungs, die während des Films mit der grauslichen Plörre, die sie für Bier halten, laut anstoßen und während Sexszenen hysterisch werden und lachen. Natürlich auch bei Splatterszenen. Weil ja beides Seltenheitswert in ihrem Leben hat und man nicht genau weiß, was man machen soll, wenn man mal einen drinnen hat. Oder eine. Eine Axt. Who watches the Watchmen hab ich mich gefragt und mir selbst die Antwort Proleten gegeben. Watschen hätten die Watcher von Watchmen verdient gehabt, aber ich war in der Unterzahl. Wäre auf 1 gegen 300 rausgelaufen. Hab ich dann lieber gelassen.

kurzer gedanke zur bankenkrise

Ich habe mich grade gefragt, warum ich hier noch nie etwas über die Finanzkrise geschrieben habe. Einerseits, weil ich nichts Qualifiziertes dazu zu sagen hätte, andererseits aber auch, weil es mich nicht sonderlich in Angst und Schrecken versetzt. Wenn du wie ich davon ausgehst, dass eh alles früher oder später zum Teufel geht und dann ein Reunion-Konzert gibt, was soll dich da noch erschrecken (ausser Mando Diao und Daniel Erk)? Ich war im letzten Jahr ein paar Mal mit dem Tod konfrontiert und da ist der eigene Kontostand ganz weit nach hinten im Oberstübchen gerückt. Vielleicht ist es naiv zu glauben, dass ich immer genug Geld verdienen werde, um nicht vor die Hunde zu gehen, aber genauso naiv ist es, das ganze Leben lang so zu tun, als wäre man schon auf der Geraden und müsste bis zur Ziellinie die höchstmögliche Geschwindigkeit erreichen. Kann ja immer noch von links oder rechts ein Auto kommen oder sogar eine Kurve. Das ist übrigens kein Pessimismus, eher so Zen für Fußgänger. Enstpannt zum Ausflugsziel wandern.