Mein Karneval der Kulturen

Man musste mich nicht einmal breitschlagen, um dort hinzugehen. Ich war breit und willenlos genug aus der vorangehenden Nacht. Zunächst einmal transportierte die U1 mich und meine Reisegruppe statt zur Möckernbrücke einfach in die andere (meiner Ansicht nach falsche) Richtung, nämlich Warschauer Str. Nach einem windigen Fußmarsch zurück zum Kottbusser Tor nahmen wir dann die echte U-Bahn gen Südstern. Dort erlitt ich bereits meinen ersten Orientierungsverlust. Gestapelte Menschen lösen das bei mir aus.

Schließlich folgten wir dem Umzug und dabei offenbarte sich folgende Crux: Da wir einerseits überwiegend in Bewegung blieben, andererseits aber manchmal kurz innehielten, um ein Bierchen zu trinken, erreichten wir ziemlich präzise die Taktung derselben drei Wägen, die uns (oder wir sie) die nächste Stunde gnadenlos begleiteten. Dabei handelte es sich um einen „Jesus ist auferstanden“ Wagen mit singenden Sozialpädagoginnen, einen mit einer Tarantel dekorierten Truck mit keiner von mir decodierbaren Message und der dritte war so ein Gospel Ding. Noch bizarrer als den Umzug fand ich aber die Tatsache, dass mir ständig Bekannte über den Weg liefen. Und zwar zielgenau jene, die man weder beim Karneval noch im echten Leben treffen will.

Den fatalsten Fehler des Tages beging ich allerdings, als ich versuchte, meine kleine Reisegruppe über die Blücherstrasse gen Kirche aus der kulinarischen Straßenschlacht rund um den Blücherplatz hinauszulotsen. Vierzig Minuten dauerte der Kampfeinsatz und ohne eine Steakbrötchenpause hätte ich die Tour De Force wohl nicht durchgestanden. So lange für eine so kurze Strecke habe ich zuletzt beim aufs Klogehen am Oktoberfest gebraucht. Und die Analogie ist begründet.

Irgendwann standen wir vor dem für mich exotischsten Element des Tages: Der Kneipe von Pornoschauspielerin Molly Luft. Wusste nicht, dass es die gibt. Die Dame hat auch noch selbst bedient.

Tanzschule

Es dürfte schon halb sechs gewesen sein, als wir das Mädchen auf der Tanzfläche vom Bassy gesehen haben. Ich habe sie gefragt, wo sie hin will und sie hat uns mit ins Kaffee Burger genommen. Es muss wohl eine dieser unsäglichen Russendiskos gewesen sein. Das Publikum war verroht, die Musik Ethno für Halberfrorene und überhaupt war der Laden von Primaten besetzt, nur vereinzelt gesellten sich Gepielinnen dazu, die sich für einen „krassen“ Abend im Burger mal wieder zu ihrem ausgewaschenen mittelkleinen Schwarzen überreden hatten lassen.

Inmitten dieser tristen Boheme tanzte aber dieses Mädchen und ein dauerhaftes Lächeln hatte sich auf ihrem Gesicht niedergelassen. Keins dieser Happy-On-Drugs-Grinsen und auch kein Hasch-mich-ich-bin-die-Prinzessin Smiley. Es war der pure Spaß am Tanzen und am Ausgehen. Klar machte sie die Neandertaler verrückt, klar fanden wir sie auch nicht unattraktiv, aber darum ging es nicht. Es war einfach nur ein Vergnügen, sie den Laden aufmischen zu sehen.

Viel hat sie nicht geredet und viel wollten wir auch nicht wissen. Wenn mich mein alkholgelöchertes Gedächtnis nicht im Stich lässt, war sie Sozialpädagogin und gerade von einem missglückten Berufsstart in einem Schweizer Kaff zurück nach Berlin gekehrt. Entscheidend war ihr Tanz. Bescheiden, lächelnd, rhythmisch en point, präzise die Armschwünge und doch leicht und bekömmlich wie Actimel.

Abendschule

Ausgehen bildet. Gestern habe ich gelernt, was „Scheiß der Hund drauf“ auf Isländisch heißt und es quasi umgehend wieder vergessen. Zudem habe ich gelernt, dass man sich am besten mit Dirk Nowitzki versteht, wenn man sich zwei Bierkästen unter die Füße schnallt. Schnallen ist wichtig, man will ja auch mit Herrn N. Schritt halten können. Ich habe Herrn Nowitzki gar nicht getroffen, nur jemand, der genauso groß war. Aber so funktioniert es, das habe ich gesehen. Weiterhin habe ich gelernt, dass es in Berlin ein Rabbitaxi gibt, gleichzeitig den Rekordhalter im wortkargen Navigieren. Den gegenteiligen Rekord wollen viele brechen, habe ich den Eindruck. Zu guter letzt habe ich nun hoffentlich endgültig gelernt, dass man nach einer Schnapsphase nicht mehr zu Bier zurückkehren sollte. Und ich habe heute Mittag seltsame Landschaftsaufnahmen von Oberbaum City in der Galerie meines Mobiltelefons gefunden. Den Lehrgehalt jener gilt es noch zu überprüfen!

Icelandic Road Warriors

Meine isländischen Freunde Thrandur und Ivar sind ein Magnet für Kuriositäten. So ist man stets gut beraten, sich mit ihnen zu verabreden. Wenn sie nicht gerade mit ihrem bezaubernd improvisierten (aber nicht schlechten) Deutsch jedem noch so grimmig drein blickenden Mädchen ein Lächeln und eine Zigarette abluchsen oder Iron-Man-Trinknächte initiieren, schleppen sie einen auf Konzerte von isländischen Bands und wir wissen ja nicht erst seit Björk und Sigur Ros, dass der gemeine Isländer auch musikalisch sehr speziell werden kann.

Jüngstes Beispiel dafür sah ich gestern im Duncker-Club: VONBRIGDI. Auf den ersten Blick mag das ganze etwas prollig gewirkt haben, doch schnell erschloss sich für mich ein echter David-Lynch-Zugang. Düsterer Metal, verkopft, und gleichzeitig vollkommen kopflos am Zeitgeist vorbei. Und irgendwie auch ziemlich Punk.

Der Schlagzeuger war exzellent und sein faltiges Gesicht spielte auf bizarre Weise mit dem Rotlicht zusammen, so dass er aussah, als trüge er eine Michael-Myers-Maske. Die beiden Gitarristen hatten einen Abschlag wie Pete Sampras einst einen Aufschlag, der Bassist war ein dicklicher Standmetaller mit Sonnenbrille und einem Bewegungsradius von 0,2 mm und dann gab es da noch den Sänger in Ballonjacke und Trainingshosen, der seinen Blick auch nicht einmal aufs Publikum richtete. Nicht einmal.

Emphasiert wurde die ästhetische Schräglage der Altherrenkapelle aber erst richtig durch die anwesenden Freunde und Helfer der Band. Ein hektisches Amateur Kamerateam mit Ausleuchtung und Mini-DV zirkelte 40 Minuten lang um die Bühne, während eine kreischende Anti-Björkmit neongrünen Strumpfhosen aus jeder Lage Fotos schoss oder wahlweise wie ein Derwisch über die Tanzfläche lichterte.

Going Underground

Fritte, Fritte, Fratze, bald gibt was auf die Glatze. Na, freust Dich schon Hoppelbärchen? Papa kommt wieda nach Berlin und hat ordentlich Durst.

..lautete einst ein vielversprechender, aber auch furchterregender Eintrag in unserem Online-Band-Gästebuch. Getätigt wurde er von Florian „Lobo“ Seiler und gerichtet war er an unseren netten Schlagzeughünen mit der Kurzhaarfrisur, besagten Ole. Anlass war ein Konzert im Friedrichshainer Frittiersalon, das sich quasi jetzt jährt! Damit gilt:

GRAND UNDERGROUND in der Öllaube
Going Down French Fries Style
21.05.2005
Frittiersalon, Boxhagenerstr. 104
Friedrichshain, Berlin, U5 Samariterstr.
Beginn 20:00, Eintritt: nüscht

Letztes Jahr habe ich ja noch im selben Haus wie der F-Salon gewohnt; das hatte was: vom Wohnzimmer direkt die Treppe runter auf die Bühne. Zudem war das der Abend, an dem Flo 21 (!!) Wodka Red Bull verdrückte und sich dann am nächsten Mittag auf den Rückweg nach München machte. Müdigkeit am Steuer war wohl nicht sein Hauptproblem. Was ich mit weniger WRB alles anstellte, sag ich lieber nicht. Überhaupt war das ein kurioser Abend in einer kuriosen Örtlichkeit, aber wer auf skurrile Menschen, gute Burger, laute Musik von Besoffenen, Isländer und hübsche Mädels steht, sollte dringend auch dieses Jahr vorbeischauen.

Royal Air Force Returns

Sie erreichen uns jetzt unter folgender Nummer

Ein aus dem dritten Jahrhundert stammendes griechisches Fragment aus dem ersten Testament der Bibel konnte jetzt von Wissenschaftlern aufwändig entziffert werden. Demnach sei die Zahl des Tieres, welches Johannes gesehen hatte, nicht 666, sondern 616.

Wir singen „SIX – ONE – SIX, the number of the beast“

Was du heute kannst besorgen

Neue Weezer kaufen, Entzug vom Erkältungs-Nasenspray schaffen, keinen Ridley-Scott-Film mehr im Kino gucken, The Motorycycle Diaries nicht weiter empfehlen, mich bei irgendjemand für Schweden bedanken, das Wetter zur Hölle wünschen, meine Darth-Vader-Figur von Burger King auf Druckknopfmechanismen untersuchen, meinen Eltern die Fotos von ihrem parkähnlichen, wunderschönen Garten schicken, ein beeindruckendes Thai-Gericht aussuchen, das meine Kochkünste nicht übersteigt, jemand ganz entwaffend ehrlich anlügen, mich nicht von dem Bürowahnsinn in den Irrsinn treiben lassen, T.B. ignorieren oder wegkloppen, den Gig im Frittiersalon eintüten, mich bei irgendjemand für Berlin bedanken, schlafen, schlafen, schlafen.